Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 5 ° Schneeregen

Navigation:
"Ein Wunder, dass ich lebe"

Zipora Feiblowitsch (86) erzählt Beelitzer Schülern von Auschwitz "Ein Wunder, dass ich lebe"

Zipora Feiblowitsch (86) hat den Terror von Auschwitz ertragen. Seit acht Jahren steht sie vor jungen Menschen aus Deutschland, die das Wort Holocaust allenfalls aus ihren Schulbüchern kennen. Nun besuchte sie Beelitzer Schüler im Geschichtsunterricht.

Voriger Artikel
Schlaue Bauern sind gesucht
Nächster Artikel
Private Busbetriebe bangen um ihre Linien

Zipora Feiblowitsch ist auf Einladung des „Instituts Neue Impulse“ nach Deutschland gekommen und spricht über ihr Schicksal.

Quelle: Thomas Lähns

Beelitz. Sie holt die Vergangenheit ein, bringt sie zur Sprache ‒ ohne Hass. Das ist ihr Weg, damit das Unglück sich nicht wiederholt. Zipora Feiblowitsch tut heute nicht das, was man ihr befiehlt, sie ist diejenige, die entscheidet, was sie sagt, wo und wann. Und ihre Entscheidung zu reden ist mutig. Seit acht Jahren steht Zipora Feiblowitsch vor jungen Menschen aus Deutschland, die das Wort Auschwitz allenfalls aus ihren Schulbüchern kennen. Sie besucht die jungen Leute im Geschichtsunterricht, steht da und erzählt.

"Was ihr hören werdet, ist nicht leicht für euch, meine Lieben", sagt die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren. Es ist ein Wunder, dass sie da steht, 86 Jahre alt, und wie sie da steht, beide Hände auf den Tisch gestemmt. Zipora Feiblowitsch, wirkt kräftig, obwohl sie eine kleine Person ist, mal hebt sie den Zeigefinger, dann beide Hände, um das in Worte zu fassen, was man sich nicht vorstellen kann. Zipora Feiblowitsch, 1927 in Siebenbürgen geboren, hat ihre Tochter Malka Melamed mit in die Geschichtsstunde der Zehntklässler vom Sally-Bein-Gymnasium in Beelitz gebracht. Während die Holocaust-Überlebende redet, ist es mucksmäuschen still in dem Raum, selten für Jugendliche in dem Alter, wie Schulleiter Jürgen Schwartz später sagt.

Die Geschichte von Zipora Feiblowitsch ist ergreifend. Sie beginnt, als der Terror in Deutschland längst in die Straßen eingezogen ist. Die Jüdin ist 16 Jahre alt, ein gesundes Mädchen, rotes Haar und sportlich, als sie den Hass der Nationalsozialisten zu spüren bekommt. Sie und ihre Eltern, ihre 15 Jahre alte Schwester und der Bruder (12) werden nachts von der Gestapo aus dem Haus gejagt und in einen Zug gepfercht. Dicht an dicht stehen die Menschen beieinander, das Ziel ungewiss. Nach sechs Wochen in einem Ghetto zwingt die Gestapo die jüdische Familie wieder in einen Zug, 100 Leute in einem Waggon, Tag und Nacht fährt der Zug. Es stinkt nach Urin und Exkrementen. Alle haben Angst, keiner weiß, wo es hingeht. Als sich die Türen öffnen, beginnt im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau für viele die Endstation ihres Lebens. Hand in Hand springt die Familie von Zipora Feiblowitsch aus dem Zug. Die Kinder werden bei der Selektion von ihren Eltern getrennt, die Nationalsozialisten reißen Müttern ihre Babys aus den Armen.

In der Baracke scheren die KZ-Aufseher den jungen Mädchen ihre Haare. Bis auf die Haut müssen sich die Kinder, junge und erwachsene Frauen ausziehen. Keine Unterhose, keine Schuhe, keine Strümpfe bekommt Zipora Feiblowitsch, lediglich ein Kleid, das sich nach und nach in seinen Fasern auflöst ‒ sie trägt es die ganze Shoah über.

Schwarzer, dunkler Rauch steigt eines Tages über dem KZ auf. "Meine Mutter, mein Vater, die dort vergast wurden", erzählt Zipora Feiblowitsch den Gymnasiasten. Irgendwann werden sie und ihre Schwester mit vielen anderen nach Salzwedel transportiert, um dort in der Munitionsfabrik zu arbeiten. Sie überlebt, bis die Amerikaner die Tore zur Freiheit öffnen.

"Es ist ein Wunder, dass ich lebe", sagt Zipora Feiblowitsch heute. Seit 1947 wohnt Zipora Feiblowitsch in Israel, in Haifa. Sie gründete eine Familie mit drei Kindern. "Das ist mein Sieg", sagt sie. Warum Sie immer wieder das Land der Täter besucht? "Ich habe Auschwitz mitgemacht und war da. Ich will, dass das nicht noch einmal vorkommt", sagt sie zum Abschied zu den Schülern.

Von Diana Bade

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg