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Eine Lerninsel für Schulschwänzer

Projekt für junge Leute Eine Lerninsel für Schulschwänzer

Sie gehen wochenlang nicht zur Schule oder stören den Unterricht und verweigern jegliche Mitarbeit. Unter Fachleuten werden diese jungen Leute aktive und passive Schulverweigerer genannt. In Beelitz gibt es eine Einrichtung, in der sich Sozialarbeiter um solche notorischen Schulschwänzer und Störer bemühen – auf besondere Weise und ziemlich erfolgreich.

Beelitz 52.239001 12.970056
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Maren Zösche mit Hund Luna und vier ihrer Schützlinge: Joey, Lukas, Eddies (hintere Reihe von links) und Wido (vorn rechts).
 

Quelle: Jens Steglich

Beelitz.  Moritz kommt mit 14 Jahren in die „Lerninsel“, wie der unscheinbare Flachbau in Beelitz auch genannt wird. Er landet dort, weil es mit ihm in der Schule nicht mehr auszuhalten ist. Moritz ist so etwas wie ein Leittier in seiner Klasse, aber kein Vorbild. Er stört den Unterricht, reagiert aggressiv und verweigert die Mitarbeit komplett. Moritz ist das, was Fachleute einen passiven Schulverweigerer nennen: Er geht zwar zur Schule, aber nicht, um zu lernen. Vom Unterrichtsstoff bekommt er so gut wie nichts mit. Moritz wird zu einem Fall für die Sozialpädagogen des Jugendhilfevereins Job e.V., der sich mit der Beelitzer Solar-Oberschule um aktive wie passive Schulschwänzer kümmert.

P.U.C. nennt sich das Projekt der beiden Partner, das vom Brandenburger Bildungsministerium mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds gefördert wird. Die drei Buchstaben P.U.C stehen für Praxis, Unterricht und Chancengleichheit und für zwei kleine Klassen, in der Schulverweigerer das Lernen und noch einiges mehr lernen sollen. Mit dem normalen Schulalltag ist das, was in der „Lerninsel“ passiert, nicht vergleichbar. Neben dem Unterricht, den drei Lehrer der Solar-Oberschule übernehmen, gibt es nebenher „sozialpädagogische Trainingseinheiten“. Für die Schulverweigerer beginnt der Tag in der „Lerninsel“ mit einem gemeinsamen Frühstück und Gesprächsrunden, in denen auch geklärt wird, wie es einem so geht an dem Morgen, der gerade begonnen hat.

Jeden Montag steht ein „Praxislerntag“ an. Eine Klasse ist in einem Betrieb unterwegs. Die andere Klasse arbeitet an Projekten im eigenen Haus – etwa in der Holzwerkstatt. Dort reparieren die Jugendlichen kaputte Möbel oder bauen ein Insektenhotel, das jetzt vor der „Lerninsel“ steht. Auch Müllboxen haben sie gezimmert – als Schutz für die Mülltonnen, die oft von Waschbären ausgeräumt wurden, die in der Gegend an der Nieplitz heimisch geworden sind.

Die Klassen sind auch kleiner – eine hat sieben Schüler, die andere fünf. Projekt-Leiterin Maren Zösche spricht von einem Super-Betreuungsschlüssel. „Die Lehrer können so individuell auf die Jugendlichen eingehen“, sagt sie. „Wir schließen Wissenslücken und warten, bis der Letzte es verstanden hat. Diese Zeit haben Lehrer in der Regelschule nicht.“ Kein Wunder, dass in der Schule, die Moritz besuchte, die Gründe für sein Verhalten unentdeckt blieben. In der „Lerninsel“ fällt Maren Zösche auf, dass sich Moritz an seinem Arbeitsplatz abschottet. Hinter Büchern und Heftern verbarrikadiert er sich geradezu. „Ich habe gedacht: Vielleicht kann er nicht schreiben“, erzählt sie.

Moritz hatte in der Tat eine Rechtschreibeschwäche, die in der Grundschule „unbearbeitet blieb“, wie es die Sozialarbeiterin ausdrückt. „In der Regelschule hat er dann kein Licht mehr gesehen.“ Er war sich der Schwäche auch bewusst, aber ein Leittier in der Klasse darf keine Schwäche zeigen. Das Stören des Unterrichts gehörte zur Strategie, die Entdeckung der Schwäche zu vermeiden. Maren Zösche schlug Moritz vor: „Du baust deine Barrikaden ab und versuchst mitzuschreiben. Nichts von dem, was du schreibst, wird bewertet. Wir wollen nur sehen, dass du mitarbeitest.“ Zwei Wochen später baute Moritz die Barrikaden ab.

Hund Luna ist der Ruhepol

Beim Projekt gegen Schulverweigerung wird auch mit einem Therapie-Hund gearbeitet. Luna heißt der Vierbeiner, der in der „Lerninsel“ der Ruhepol ist. Der Hund kann für Jugendliche, die in einer Krise stecken, ein Begleiter sein. Er nimmt sie so wie sie sind, Aussehen und Fehler sind ihm egal.

Luna spiegelt auch das Verhalten der Jugendlichen wieder und sie versuchen, über Signale des Hundes ihr Verhalten zu regulieren, so Maren Zösche.

In der Beelitzer Einrichtung können Schulverweigerer ihren Hauptschulabschluss machen. 2014 fingen fünf von zwölf Jugendlichen danach eine Berufsausbildung an. Drei gingen zurück an ihre Regelschule, um den nächst höheren Abschluss zu bekommen. Vier Ex-Schulverweigerer des Jahrgangs absolvierten eine Berufsvorbereitung bei der Arbeitsagentur.

Ursachen für die Verweigerungshaltung junger Leute sind freilich vielfältig und nicht immer hat das Ringen um sie ein Happy End. Das Schwänzen kann auch eine Flucht vor dem Mobbing der Mitschüler sein. Und es gibt Schulverweigerer, „die auch wir nicht erreichen“, so Zösche. „Aktuell haben wir einen Fall, wo ich sage: Schule ist keine geeignete Maßnahme für ihn.“ Für Moritz war der Umweg über die „Lerninsel“ ein Segen. Er will Kfz-Mechatroniker werden, ist im zweiten Lehrjahr und hat schon das Angebot, seinen Meister zu machen.

Von Jens Steglich

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