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Entsetzen über Murnau-Grabschändung

Südwestkirchhof Stahnsdorf Entsetzen über Murnau-Grabschändung

Der Friedhofsleiter vom Südwestkirchhof ist immer noch entsetzt – Unbekannte haben aus dem Grab von Friedrich Wilhelm Murnaus den einbalsamierten Schädel des Nosferatu-Regisseurs gestohlen. Was die Täter damit wollen, ist unklar. Aber der gruselige Diebstahl hat internationales Interesse am Stahnsdorfer Promi-Friedhof geweckt.

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Das Grab von Friedrich Wilhelm Murnau ist aufgebrochen worden.

Quelle: imago stock&people

Stahnsdorf. Der Diebstahl des Kopfes der vor über 80 Jahren verstorbenen Filmlegende Friedrich Wilhelm Murnau aus dessen Familiengruft auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) hat international Entsetzen ausgelöst. Medien aus aller Welt berichteten über den Einbruch in die Grabstelle und das Abtrennen des Schädels von Murnaus einbalsamierter Leiche.

„Gerade hatte ich die ,Washington Post’ am Telefon“, bestätigt auch Friedhofsleiter Olaf Ihlefeldt, der den Diebstahl am Montagmorgen bemerkt hat. Eigentlich habe er einen großen Rummel vermeiden wollen, so Ihlefeldt, der seit 26 Jahren im Amt ist. Verstehen könne er die große Aufmerksamkeit auch weit über die Region hinaus aber schon.

Der Regisseur

Als einer der bedeutendsten Regisseure der Stummfilmära war Murnau bereits zu Lebzeiten ein Weltstar, revolutionierte das filmische Erzählen und auch zahlreiche Kinotechniken.

Geboren als Friedrich W. Plumpe in Bielefeld, führte ihn sein Wirken nach dem 1. Weltkrieg von Berlin und Babelsberg bis nach Hollywood.

„Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ (1922) heißt sein bekanntester Film. Zu seinem gefeierten Werk gehören aber auch Klassiker wie „Der letzte Mann“ (1924), mit dem deutschen Superstar und Oscar-Preisträger Emil Jannings in der Hauptrolle, oder der Abenteuerfilm „Tabu“ (1931), für den er im Auftrag von Paramount auf Bora Bora und Tahiti drehte.

Schließlich war Friedrich Wilhelm Murnau schon zu Lebzeiten ein gefeierter Weltstar. Sein vom Expressionismus geprägter Filmstil, seine Begeisterung für das Genre, die zu einer völlig neuen Bildsprache und der Entwicklung teilweise bis heute gängiger Kinotechniken führte, und die Ikonenhaftigkeit der von ihm geschaffenen Filmfiguren, entzündete erst in Europa und schließlich weltweit die Herzen der Kinogänger. Sein erster Hollywood-Film „Sunrise“ gewann bei der allerersten Oscarverleihung 1929 in drei Kategorien. Zuvor hatte Murnau bereits mit dem dort ebenfalls ausgezeichneten Emil Jannings den Klassiker „Der letzte Mann“ (1924) sowie „Tartüff“ (1926) und eine „Faust“-Adaption (1926) gedreht.

Diese Promis sind in Stahnsdorf begraben

Auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf sind zahlreiche Prominente begraben. Der Friedhof ist daher auch ein beliebtes Ziel für Spaziergänger. Er ist einer der größten Friedhöfe in Europa.

Diese Prominenten sind unter anderem hier begraben: Rudolf Breitscheid (SPD-Politiker während der Weimarer Republik), Otto Graf Lambsdorff (FDP-Politiker und einstiger Bundesminister), Gustav Langenscheidt (Begründer des Lexikons), Louis-Ferdinand Ullstein (Sohn des Verlegers Leopold), Walter Gropius (Architekt und Vater des Bauhaus-Architekten Walter Gropius), Theodor Fontane (Sohn des gleichnamigen Autors).

Mehr zum Friedhof und den Öffnungszeiten unter: www.suedwestkirchhof.de

In die Filmgeschichte eingeschrieben hatte er sich aber bereits spätestens 1922 – mit einer anderen Adaption, seiner nicht autorisierten Filmvariante des Bram-Stoker-Romans „Dracula“, dem Horrorklassiker „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“. Das kunstvolle Spiel mit Licht und Schatten, der wilde Schnitt, völlig neuartige Kameraperspektiven und vor allem der unfassbar gruselige Hauptdarsteller Max Schreck beeindruckten die Zeitgenossen und beeinflussen Filmschaffende bis heute.

„Aber hier wurde die Würde eines Menschen verletzt“, wendet Friedhofsleiter Ihlefeldt ein, „diese endet für mich nicht durch den Tod.“ Die Murnau- Gruft habe immer zu seinen Lieblingsorten auf dem Friedhof gehört. „Aber jetzt kann ich bei Führungen nicht mehr befreit Anekdoten aus Murnaus Leben erzählen“, so Ihlefeldt. „Die ganze Sache tut mir richtig leid.“

Interview mit Rechtsmediziner

Jürgen Becker ist Oberarzt im Brandenburgischen Landesinstitut für Rechtsmedizin und erklärt im MAZ-Interview, warum die Leiche von Murnau auch 80 Jahre nach dem Tod des Regisseurs in so einem guten Zustand war.

Der aus der Familiengruft gestohlene Kopf der Leiche von Friedrich Wilhelm Murnau ist nach Auskunft der Friedhofverwaltung vor dem Diebstahl in einem sehr guten Zustand gewesen – obwohl der Regisseur vor über 80 Jahren gestorben ist. Es heißt, die Leiche sei einbalsamiert worden. Wie funktioniert so etwas?

Man kann Gewebe mit Chemikalien haltbar machen. Im Landesinstitut für Rechtsmedizin benutzen wir hauptsächlich Formalin für feingewebliche Proben. Was bei der Leiche Murnaus angewendet worden ist, weiß ich nicht.

Die Diebe haben den Kopf vom restlichen Körper abgetrennt und mitgenommen. Setzt in einer anderen Umgebung nicht gleich wieder die Verwesung ein?

Wenn Gewebe chemikalisch behandelt worden ist, bleibt es auch bei Raumtemperatur haltbar. Das wäre auch in einer Stube oder einem Schuppen so. In Gruften sind die Temperaturen etwas geringer, es gibt keine Sonneneinstrahlung und zumeist eine Art von Durchlüftung. Das Problematischste nach dem Diebstahl des Kopfes wäre, wenn er mit Feuchtigkeit in Berührung kommt. Dann haben Bakterien leichtes Spiel.

Bei Einbalsamierungen denken die meisten sicher an das Alte Ägypten. Kommt es in Brandenburg noch oft vor, dass durch Hinterbliebene oder testamentarische Verfügungen der Wunsch geäußert wird, den Leichnam eines Verstorbenen haltbar zu machen?

Nein. Das kommt so gut wie gar nicht mehr vor. Die Masse der Bestattungen in Brandenburg sind Feuerbestattungen. Dass bei Erdbestattungen der Wunsch geäußert wird, dass die Leiche einbalsamiert wird, ist die absolute Ausnahme. Allerdings gibt es ein Szenario, bei dem eine Einbalsamierung nahezu zwingend notwendig ist. Wenn eine Leiche noch über eine Grenze geht, sie ins Ausland überführt wird (wie im Falle Murnaus. Der Regisseur wurde nach seinem Unfalltod in den USA nach Deutschland überführt, Anm. d. Red.), ist es Usus, die sterblichen Überreste in einen transportfähigen Zustand zu bringen.

Wer die Täter sind und was sie mit dem abgetrennten Kopf vorhaben, ist weiter unklar. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Vermutungen, Gruftis oder gar Satanisten hätten etwas damit zu tun, kann Ihlefeldt nicht ausschließen, aber er glaubt nicht daran. „In den 90ern hatten wir massive Probleme mit denen“, berichtet er, aber das sei lange vorbei. Hinterbliebene Murnaus gebe es auch keine mehr, der Friedhof kümmert sich um das Grab. Das schließt auch ein Szenario aus, dass sich im Falle eines anderen Stummfilmstars ereignete. 1978 wurde der Leichnam des ein paar Monate zuvor verstorbenen Charlie Chaplin gestohlen. Die Täter damals versuchten, Geld von der Familie zu erpressen. Möglicherweise sei es aber auch eine besonders extreme Form von Vandalismus, der auf dem Friedhof leider an der Tagesordnung sei, so Ihlefeldt. „Ich finde das absolut skrupellos, sich so am Körper eines Menschen zu vergehen.“

Von Marcel Kirf

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