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Er holte den Schatz aus der Versenkung

Wittbrietzen Er holte den Schatz aus der Versenkung

Im Ort ist er der Mann für die Ortsgeschichte, der seit 2013 aber auch als einer der drei Tenöre von Wittbrietzen bekannt ist. Detlef Fechner, von dem hier die Rede ist, hat eine Menge Geschichten aus der Ortshistorie zutage gefördert und den Wittbrietzener Schatz aus der Versenkung geholt, der fast 500 Jahre alt ist.

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Detlef Fechner vor der Wittbrietzener Kirche, die seit 2004 wieder eine Turmspitze hat. Sein Vater gab den Anstoß, sie wieder aufzubauen.

Quelle: Jens Steglich

Wittbrietzen. Wenn Detlef Fechner mit seinem Hund spazieren geht und am Ortsrand auf einem Acker innehält, kommen ihm solche Dinge in den Kopf: „Der Acker war 800 Jahre lang Lebensgrundlage für eine ganze Dorfbevölkerung.“ Erst sicherten das Korn, später auch Kartoffeln vielen Generationen in Wittbrietzen den Lebensunterhalt. Beim Blick übers Heimatdorf kann er auch sagen, wo die verloren gegangenen Windmühlen einst standen. Die verschwundenen Mühlen tauchen bei ihm sozusagen vor dem inneren Auge auf. „Wenn man um die Geschichte weiß, läuft so etwas wie ein zweiter Film im Kopf ab“, sagt Fechner.

Wenn einer um die Geschichte weiß, dann ist er das. Dank ihm geht sie nicht verloren. Der Spurensucher hat eine Menge Geschichten wieder zutage gefördert und seinen größten Coup Anfang dieses Jahres gelandet, als er maßgeblich daran beteiligt war, den Wittbrietzener Schatz aus der Versenkung zu holen und wieder ins Bewusstsein zu heben. Zu dem Schatz aus 16  Lederbänden mit 300  Schriften aus der Reformationszeit gehört auch das erste Flugblatt der Reformation – ein Holzschnitt von Lucas Cranach d.Ä., der samt der 16 Bände im Eigentum der Kirchengemeinde Wittbrietzen ist. Gefunden wurden die Kostbarkeiten 1870 in einer Gruft an der Kirche. Der zugemauerte Gruft-Zugang ist heute noch sichtbar. Die Schätze aus Luthers Zeiten, die Lutherfreund Caspar von Köckritz hinterlassen hat, lagen lange im Pfarrhaus, bevor sie 1965 in die Evangelische Zentralbibliothek Berlin gebracht wurden. Dort gerieten sie völlig aus dem Blick – bis 2017 (siehe Info-Kasten).

Wittbrietzener Kostbarkeiten ab 8. September in Potsdam zu sehen

Der Holzschnitt von Lucas Cranach d. Ä. ist unter dem Titel der „Himmel- und der Höllenwagen des Andreas Bodenstein“ in die Kunstgeschichte eingegangen und gilt als erstes Flugblatt der Reformation. Es sollte damals ein Streitgespräch zwischen Reformern um Luther und Bodenstein und dem Katholischen Theologen Johannes Eck befeuern.

1519 sollen hunderte gedruckt worden sein. Heute gibt es nur noch drei Exemplare. Eines gehört der Kirchengemeinde Wittbrietzen. Zum Wittbrietzener Schatz zählen auch 16 Bände mit Reformationsschriften, die in der Evangelischen Zentralbibliothek Berlin aufbewahrt werden.

Der Holzschnitt und 13 der Bände des Lutherfreundes Caspar von Köckritz sind ab dem 8. September in einer Ausstellung zur Reformation im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zu sehen. Die Frau des Caspar von Köckritz stammte aus Wittbrietzen.

Die Historie, vor allem mittelalterliche Geschichte, war viele Jahre die heimliche Leidenschaft Fechners, den es nach der Schulzeit in andere Richtungen und Gefilde verschlägt. Er lernt das Tischlerhandwerk in Brandenburg, weil der Orgelbauer Schuke zu ihm gesagt hat: „Mach irgendwo eine Tischlerlehre und komm dann zurück.“ Er wird Tischler, kommt aber nicht zurück. Fechner macht eine Diakon-Ausbildung in Berlin-Weißensee, wird für die evangelische Kirche Jugendarbeiter und geht 1983 nach Eisenhüttenstadt. Dort kümmert er sich um die Kirchenjugend und um Randgruppen in der DDR, etwa um eine Gruppe von Punks. Später, in den 1990er Jahren, baut er unter dem Dach der Kirche in Eisenhüttenstadt das Café Arche mit auf, einen internationalen Jugendtreff. Zwischenzeitlich bricht sich die heimliche Leidenschaft Bahn: Er studiert einige Semester Kulturgeschichte an der Viadrina in Frankfurt/Oder. Als seine Mutter in Wittbrietzen schwer erkrankt und seine Ehe zerbricht, kehrt er zurück in die Heimat. Seit 2006 ist Detlef Fechner Lehrer beim Jugendsuchthilfe-Verein Kompass und gibt jungen Menschen Einzelunterricht, die es aus der Bahn geworfen hat. Die Jugendlichen kommen mit Drogenproblemen her und haben eine Kontaktsperre von mindestens drei Monaten. „Diese Zeit nutze ich und versuche, dass sie wieder Freude am Lernen und am Konzentrieren bekommen.“ Fechner macht es Spaß, nicht an ein starres Schulsystem gebunden zu sein. Er hat die Freiheit, zum Beispiel die Musik zu nutzen, um junge Leute an die Bruchrechnung heranzuführen. Oder er spielt mit ihnen Schach, weil sie sich dann konzentrieren können.

Drei der  Bände aus der Reformationszeit, die der Kirchengemeinde Wittbrietzen gehören und seit 1965 in der Evangelischen Zentralbibliothek Ber

Drei der Bände aus der Reformationszeit, die der Kirchengemeinde Wittbrietzen gehören und seit 1965 in der Evangelischen Zentralbibliothek Berlin aufbewahrt werden.

Quelle: Privat

Mit der Ortsgeschichte kommt er dank seines Vaters in Berührung. Der Vater gibt zu seinem 70. Geburtstag die Losung aus: „Ich will keine Geschenke!“ Die Gratulanten sollen lieber für den Wiederaufbau der Turmspitze spenden, die Anfang der 1990er Jahre abgenommen werden musste. Dem Vater bauen sie ein Kirchenmodell als Sparbüchse, das heute noch in der großen Kirche steht. Die Wittbrietzener spenden fleißig. Der später auf Anregung Fechners gegründete Förderverein ist 2004 am Ziel: Die Kirche bekommt eine neue Turmspitze aufgesetzt. Zum Wiederaufbau verfasst Fechner eine Festschrift. Es ist der Anfang, der ihn schleichend zum Mann für die Ortsgeschichte macht. Er lernt altdeutsche Schrift zu entziffern, hält Vorträge und schreibt Bücher, studiert alte Aufzeichnungen von Pfarrern und findet dort auch einiges über Großbrände und Tragödien. Überliefert ist etwa das Drama um Dorfschmied Gericke. „Er war im Saufen, Spielen und groben Fleischessünden voran. Sein armes gemißhandeltes Weib ergab sich auch der Völlerei und lag zuweilen in der Dorfstraße herum“, notierte der damalige Pfarrer Liebetrut. Die Frau des Schmieds fand man eines Tages ersäuft im Brunnen. Ihr Mann soll es danach noch unverschämter mit der Magd getrieben haben. Seine Söhne rächten sich, rissen der Magd die Kleider vom Leib und schleppten sie durchs Dorf. Die zerfetzten Kleider hängten sie an die Ulme vor der Schmiede. Später lauerten die Söhne auch dem Vater auf. Sie wurden zur Strafarbeit verurteilt. Ein Sohn starb auf der Festung, der andere kehrte zurück und erhängte sich.

Künftige Chronisten werden Erfreulicheres berichten können. Wittbrietzen gilt heute als Ort, in dem die Leute zusammenhalten und gern gemeinsam feiern. Ein Dorffest hat dafür gesorgt, dass Detlef Fechner seit 2013 auch als einer der drei Tenöre von Wittbrietzen bekannt ist. Fürs damalige Konzert zur Eröffnung des neuen Dorfzentrums kauften die Wittbrietzener keine Künstler ein. Sie machten alles selbst, spielten Gitarre, Saxofon und andere Instrumente und sangen. Den dreistimmigen Satz übernahmen die drei Tenöre, die in Wittbrietzen Detlef Fechner, Matthias Opitz und Rehlein heißen. Rehlein ist eigentlich von mächtiger Statur, ähnelt eher Pavarotti als einem Reh. Sein Kosename ist so weit verbreitet, dass keiner, den man auf die Schnelle fragen konnte, weiß, wie er wirklich heißt.

Von Jens Steglich

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