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Erfolgreich und manchmal etwas missmutig

Michendorf ist eine Gemeinde mit zwei Gesichtern Erfolgreich und manchmal etwas missmutig

Michendorf ist eine Gemeinde mit zwei Gesichtern und ein Beispiel dafür, dass gut gefüllte Kassen und eine intakte Infrastruktur nicht automatisch Glücksgefühle und Zufriedenheit auslösen. Die MAZ startet jetzt eine Serie über die Kommune, die 2003 entstanden ist, als die sechs Ortsteile zur Gemeindegebietsreform per Dekret vereinigt wurden.

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Quelle: . Bernd Gartenschläger

Michendorf. Als Thomas Drechsel den Michendorfer Bahnhof gekauft hatte, wurde er im MAZ-Interview gefragt, was seine ersten Eindrücke von der Gemeinde sind. „Ich finde, hier ist fast alles in einem guten Zustand“, antwortete er. Dem Berliner fiel noch etwas auf: „Erschreckt hat mich, wie man in der Gemeindevertretung miteinander umgegangen ist. Der Ton ist rau und es gibt Angriffe, die unter der Gürtellinie sind.“

Ja, Michendorf ist eine Gemeinde mit zwei Gesichtern und ein Beispiel dafür, dass Geld und eine gute Infrastruktur nicht automatisch Glücksgefühle auslösen. Kaum eine vergleichbare Kommune ist in der Lage, so viele Projekte aus eigener Kraft zu stemmen. Es wird viel gebaut, Schulen und Kitas sind in Schuss, auch wenn sie derzeit aus den Nähten platzen, weil ein Bauboom für Zuzug und junge Eltern für Kindersegen sorgen. Kurzum: Die Rahmenbedingungen sind glänzend. Eigentlich ein Grund zur Freude. Und doch herrscht im Kommunalparlament wieder eine gereizte Stimmung, die Rede und Gegenrede häufig mit einem verletzenden Unterton paart und den Debattensaal in einen weitgehend spaßfreien Ort verwandelt.

Wenn Rainer Paetau einem Fremden etwas über die Gemeinde Michendorf erzählen sollte, dann würde er ihm sagen, dass es sich lohnt, sie anzuschauen. „Ich würde ihm noch mehr empfehlen, herzuziehen“, sagt Paetau, der Chef des Wilhelmshorster Geschichtsvereins ist. Er nennt es einen doppelten Lagevorteil, im grünen Wohnumfeld mit Wäldern und Seen in der Nähe zu leben und vor der Haustür Potsdam und Berlin zu haben. Hinzu komme ein sehr gutes Bildungsangebot, in das die Gemeinde auch kräftig investiere, und ein erstaunliches bürgerschaftliches Engagement. Der Kulturbund etwa oder die Feuerwehren und eine Menge anderer Vereine sorgen für Leben in den Orten und für ein Kulturprogramm, das seinesgleichen sucht. Würde man zum Beispiel die Zahl der Theaterpremieren pro Kopf der Bevölkerung hochrechnen, Michendorf wäre in einem Ranking vorn dabei. Das Glück ist indes nie vollkommen: Ein Streit in der Theaterszene führte 2014 zu ihrer Spaltung. Die Gemeinde hat jetzt zwei Theater – die Volksbühne und die Kleine Bühne.

„Ich lebe gern in Michendorf. Ich habe 57 von 58 Jahren hier verbracht. Das hätte ich nicht getan, wenn es hier nicht schön wäre“, sagt Henrik Reinkensmeier, Direktor des Wolkenberg-Gymnasiums. Sein Herz hängt an der Schule, an den jungen Leuten und an den Bäumen. Mehrere hundert Bäume im Heimatort hat er selbst gepflanzt. Zum leidenschaftlichen Verteidiger des Grüns wird er, wenn er mit ansehen muss, wie deutsches Sicherheitsbedürfnis Bäumen mitunter die Krone kostet. „Wenn in Michendorf ein Baum Brustwarzenhöhe überschritten hat, droht Gefahr und Maßnahmen der Verkehrssicherungspflicht werden unvermeidbar. Den Klimawandel verhindern wir mit Kunstrasenplätzen und Stiefmütterchen“, sagt Reinkensmeier, der seine Worte gern wie Büttenreden formuliert, „um niemanden zu verletzen“.

Der Nachsatz würde gut als Maxime fürs Kommunalparlament taugen, damit beim Ringen um Lösungen auch wieder Freude aufkommt. Zum Phänomen Michendorf gehört freilich auch, dass in der Gemeinde, deren Orte 2003 per Dekret zwangsvereinigt wurden, bei wichtigen Weichenstellungen lokale Egoismen und persönliche Fehden für den Moment vergessen sind. Würde man den rauen Ton der Debatten abschalten und danach nachfragen, was herausgekommen ist, wäre man oft positiv überrascht. Wenn es etwa darum geht, für den Nachwuchs einen Schulcampus in Wilhelmshorst zu bauen oder die Grundschule in Michendorf zu erweitern, ziehen die Gemeindevertreter an einem Strang. Und die kleinen Ortsteile werden nicht vergessen. „Es gab die anfängliche Skepsis, dass wir untergebuttert werden. Aber das ist nicht passiert“, sagt Bernd Herrmann, Vorsitzender des Fresdorfer Dorfvereins. In Fresdorf etwa sind ein Bolzplatz, ein Dorfzentrum und ein Feuerwehrdepot entstanden. „Wir sind eine sehr heterogene Kommune. Kein Ort gleicht dem anderen. Jeder Ort hat seine Stärken. Daraus könnte etwas noch viel Besseres entstehen“, sagt Herrmann. Für Rainer Paetau muss dafür in der Gemeinde noch eine eigene Antwort auf die Frage gefunden werden: Wie stiftet man Gemeinsinn und Identität?

Von Jens Steglich

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