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Experte: Mehr Lkw-Unfälle durch Baustellen

Verkehr Experte: Mehr Lkw-Unfälle durch Baustellen

Es kracht immer häufiger auf den Autobahnen im Land Brandenburg. Fachleute schlagen nun Alarm angesichts steigender Unfallzahlen vor allem bei Lastkraftwagen. Alarmierend sind auch Prognosen der Polizei, die im Land Brandenburg einen enormen Anstieg von Unfällen in Baustellen mit Lastwagen-Beteiligung voraussagt.

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Ungebremst fährt am 19. September ein polnischer Sattelzug auf das Stauende an einer Baustelle am Dreieck Werder. Der Fahrer stirbt.

Quelle: Julian Stähle

Mittelmark. Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) schlägt Alarm angesichts steigender Unfallzahlen bei Lastwagenfahrern. Karlheinz Schmidt, Geschäftsführer des BGL, spricht von einem „Trendbruch. In den vergangenen beiden Jahren sehen wir wieder mehr Unfalltote und Verletzte nach einem jahrelangen Rückgang dieser Zahlen.“ Verantwortlich dafür macht Schmidt auch die zahlreicher werdenden Baustellen auf Autobahnen.

Damit die Situation auf den Autobahnen besser wird, wird sie zunächst deutlich schlechter – durch teils jahrelange Bauarbeiten wie jetzt auf dem südlichen Berliner Ring bei Michendorf. „Endlich wird wieder in die Infrastruktur investiert, dafür aber gibt es mehr Baustellen. Immer häufiger kommt es dadurch zu Unfällen und zu besonders schweren an Stauenden“, so Schmidt.

Immer häufiger sind Lastwagen in Unfälle verwickelt

Kracht es weiterhin so häufig auf den brandenburgischen Autobahnen wie in den vergangenen neun Monaten, prognostiziert die Polizei einen teils drastischen Anstieg der Unfallzahlen in diesem Jahr im Vergleich zu 2015. So teilte jetzt Mario Heinemann, Sprecher des Polizeipräsidiums Potsdam, dazu Zahlen mit. Laut Polizeiprognose wird sich die Zahl aller Autobahnunfälle im Land von 6269 im vorigen Jahr auf 6869 steigern. Die Zahl der Crashs innerhalb von Baustellen wird auf 611 prognostiziert. Das entspräche einer Steigerung von 20 Prozent.

Die Zahl der Verletzten wird auf 101 prognostiziert. Das wäre sogar ein Anstieg um 106 Prozent. Immer häufiger auch sind Lastwagen in die Unfälle verwickelt. Die Polizei rechnet mit einem Anstieg dieser Unfälle um 24 Prozent. Weil diese Zusammenstöße auch immer schwerer werden, wird bis Jahresende die Zahl der Verletzten bei Unfällen in Baustellen um 81 Prozent auf 38 Männer, Frauen und Kinder steigern. So prognostizieren es die Experten des Präsidiums.

Ein Polizist untersucht das völlig zerstörte Führerhaus des am 19

Ein Polizist untersucht das völlig zerstörte Führerhaus des am 19. September tödlich verunglückten Lastwagenfahrers bei einem Unfall am Stauende am Dreieck Werder.

Quelle: Julian Stähle

Nach den Zahlen des Polizeipräsidiums Potsdam wurden in diesem Jahr bereits 25 Menschen bei Unfällen mit Lastwagen in Baustellenbereichen verletzt. Ein Mensch starb. Einbezogen sind darin nicht die Unfälle, die sich weit hinter den Baustellen am Stauende ereignen. Im vorigen Jahr wurden bei Baustellen-Unfällen 21 Menschen verletzt. Bisher zählte die Polizei 203 solcher Unfälle seit Jahresbeginn. Im gesamten Vorjahr waren es 246 Unfälle mit Lastwagen in Autobahnbaustellen. Auf den Autobahnen insgesamt starben seit Jahresbeginn 17 Menschen.

Vier Lastwagen fahren am 30

Vier Lastwagen fahren am 30. März zwischen Netzen und Brandenburg ineinander und verkeilen sich. Ursache: Unaufmerksamkeit am Ende eines Baustellenstaus. Ein Trucker, der Getreide geladen hatte, schaffte es nicht mehr seinen Laster rechtzeitig abzubremsen. Fazit: ein schwer verletzter Brummi-Fahrer.

Quelle: Julian Stähle

Erst vor wenigen Tagen, am 6. September, ist ein 54 Jahre alter tschechischer Lastwagenfahrer auf dem südlichen Berliner Ring bei Rangsdorf zu Tode gekommen, der mit seinem Volvo-Sattelzug auf das Ende eines Staus aufgefahren ist. Er war in Richtung Magdeburg unterwegs und hatte den Stau zu spät bemerkt und war auf einen polnischen Lastwagen gekracht. Der Rückstau reichte bis zum Schönefelder Kreuz.

Wie viele Unfälle an Stauenden passieren, kann die Polizei nicht sagen. Das geben die Statistiken nicht her. „Vermutlich gibt es kein Kästchen zum Ankreuzen dafür auf den Unfallaufnahmebögen“, kommentiert das BGL-Sprecher Martin Bulheller. BGL-Hauptgeschäftsführer Schmidt fordert massiv, den Trend schwerer Unfälle mit Lastwagen zu stoppen: „Gesetzgeber und die Baustelleneinrichter müssen reagieren.“

Eine Million Lastkraftfahrer

Disponenten planen bei ihren Aufträgen Stauzeiten durch Baustellen ein. Das teilte der Sprecher des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes, Ingo Hodea. Dieser vertritt 3000 Betrieb mit 530 000 Beschäftigten. Verlagerung auf die Schiene lohne sich ab 300 Kilometer Strecke. Schiene sei jedoch für den Verteilerverkehr in der Fläche nicht ausreichbar verfügbar.

Im Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) sind 7000 Betriebe organisiert. Laut BGL arbeiten deutschlandweit 600 000 Kraftfahrer. Hinzu kommen laut BGL gut 300 000 bis 400 000 Kraftfahrer aus dem Ausland, davon 80 Prozent aus Osteuropa. 40 Prozent der Mautkilometer fahren Osteuropäer, so der BGL.

Der BGL beobachtet eine „Sozialverwahrlosung“ osteuropäischer Lastwagenfahrer. „Die sind zwei bis drei Monate unterwegs, bis sie wieder zuhause sind“, so Präsidialmitglied Karlheinz Schmidt. Von den 500 Euro Monatslohn könnten sich viele die Nutzung von Sanitäranlagen an Raststätten gegen Gebühr kaum leisten: „Sie leben in ihren Führerhäusern. Die Arbeitsbedingungen sprechen den arbeitsrechtlichen Errungenschaften vergangener Jahrzehnte Hohn.“

Die schmalen Fahrstreifen von 2,50 Meter für Lastwagen auf Baustellen seien strapaziös für die Brummi-Fahrer. „Wenn die Baustelle acht bis zehn Kilometer lang ist, bedeutet das für den Fahrer 15 Minuten hochkonzentriertes Fahren. Das ist Stress pur“, sagt Schmidt. Überhole dann ein Autofahrer, „ist das für den Fahrer genauso stressig wie für den am Steuer des Pkw. Er muss immens aufpassen, dass sich beide Fahrzeuge nicht berühren. Aber das passiert immer wieder.“

Autofahrer reagierten hektischer in Baustellen als Brummifahrer. „Die einen müssen erst zur Arbeit und haben es eilig und fahren deswegen häufig zu schnell. Die anderen sind ja schon in ihrem Führerhaus bei der Arbeit“, begründet das Schmidt. „Lkw-Fahrer haben so viele Staus in Deutschland zu bewältigen, die sind gelassener.“

Technik kann Unfälle vermeiden helfen

Es gebe drei Unfallursachen: „Faktor Mensch, Faktor Infrastruktur und Faktor Technik.“ Eine Null-Fehler-Technik gebe es nicht, sagt Schmidt. Es brauche immer den Menschen. Der BGL fordert Spurhalte-Assistenten gegen das Abkommen von der Fahrbahn: „Davon versprechen wir uns 30 Prozent weniger schwere Unfälle.“

Zwei Lastwagen stoßen im Juni auf der Autobahn 2 zwischen Brandenburg und Wollin zusammen und gehen in Flammen auf

Zwei Lastwagen stoßen im Juni auf der Autobahn 2 zwischen Brandenburg und Wollin zusammen und gehen in Flammen auf. Die beiden Fahrer haben Riesenglück im Unglück und erleiden nur leichte Verletzungen.

Quelle: Julian Stähle

Nach Angaben der Pressestelle des Bundesverkehrministeriums sind seit 2009 Notbremssysteme für Busse und Lastwagen verpflichtend vorgeschrieben. Bei einer drohenden Kollision wird der Fahrer gewarnt und das Tempo automatisch gedrosselt. Seit 2013 wird diese Verordnung der EU schrittweise eingeführt und soll bis 2018 umgesetzt sein. Die Bundesanstalt für Straßenwesen wird im Auftrag der Bundesregierung Notbremsassistenzsysteme untersuchen. International will sich die Bundesregierung laut Verkehrsministerium dafür einsetzen, die Systeme sicherer und effektiver zu machen.

Der BGL scheint ernüchtert zu sein: „Lastwagen können damit nicht nachgerüstet werden. Dann können sie den Motor auch gleich wegwerfen“, kritisiert Schmidt. Dass bedeutet, nur an Neufahrzeugen kann die Vorschrift umgesetzt werden. „Bestehende Systeme erkennen häufig zudem nur sich noch leicht bewegende Ziele, das trifft beim Stauende nicht zu. Das System ist daher nicht vollkommen.“, sagt der Verbandsgeschäftsführer. Bremsassistenten müssten besser werden.

Eng, enger, Baustelle

Eng, enger, Baustelle: Stau auf der Autobahn 9 zwischen Brück und Niemegk

Quelle: Julian Stähle

BGL-Sprecher Bulheller sagt, zur Ermüdung der Lkw-Fahrer trügen auch kilometerlange Überholverbote bei. „Das zwingt sie, stundenlang hinter einem Lastwagen herzutuckern. Dann versuchen sie, sich irgendwie wach zu halten, spielen an Handys, sind abgelenkt und übersehen das Stauende.“

Gesperrte Rastplätze und knapper Parkraum für Lastwagen

Zur Übermüdung der Brummifahrer trägt auch die Parkplatzsituation bei. Durch Baustellen sind Rastplätze teils monatelang gesperrt. Auf den Vorhandenen wird es immer enger, wie am Rastplatz Michendorf. „Das ist ein ganz, ganz großes Problem. Die parken nachts bis auf den Standstreifen raus, das ist hochgefährlich“, so Schmidt. „Es gibt ein groß angelegtes Parkplatzbauprogramm des Bundes an Autobahnen.“ Doch das werde noch dauern. „Es gibt sie nicht, Fernfahrerromantik mit Cowboy-Musik. Es ist ein knallharter Beruf.“

Von Marion von Imhoff

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