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Potsdam-Mittelmark Wie diese Familie aus Syrien in Brandenburg ein Zuhause fand
Lokales Potsdam-Mittelmark Wie diese Familie aus Syrien in Brandenburg ein Zuhause fand
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14:26 12.01.2019
Juan Hamdi und Jihan Abdo mit ihren Kindern Jina und Hamid in ihrer Stahnsdorfer Wohnung. Quelle: Marion von Imhoff
Stahnsdorf

Fünf Mal fielen Bomben auf ihre Wohnsiedlung in Aleppo. Beim letzten Angriff wurde ihr Haus fast zerstört. Der Luftdruck presste Fenster und Türen aus den Fassungen. Für Juan Hamdi und seine Frau Jihan Abdo war das das Zeichen. „Es war zu gefährlich, wir mussten fliehen“, so sagt es der Familienvater im Rückblick.

Das Ehepaar lebt seit 2015 in Deutschland und ist dort längst angekommen.

Die 39-jährige Jihan Abdo arbeitet seit fast zwei Jahren im Archiv der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK). Ihr Mann, der in Aleppo die Apotheke seines Vaters führte, ist in einem Lebensmittel-Labor in Kleinmachnow beschäftigt. Der 16-jährige Sohn Hamid besucht die 9. Klasse im Schiller-Gymnasium in Potsdam. „Ich möchte Arzt werden“, sagt er. Seine elfjährige Schwester Jina geht in die fünfte Klasse einer Stahnsdorfer Grundschule.

Jihan Abdo an ihrem Arbeitsplatz im Archiv der Industrie- und Handelskammer Potsdam. Quelle: IHK Potsdam

Alle vier Mitglieder der Familie Hamdi-Abdo sprechen fließend Deutsch. Sohn Hamid fiel in der Willkommensklasse einer Lehrerin auf, weil er sehr schnell die für ihn fremde Sprache erlernte. So kam es, dass Hamid nun das Schiller-Gymnasium besucht, an dem die Lehrerin unterrichtet.

„Für Flüchtlingskinder haben wir eine besondere Regelung, die sie im ersten Jahr auch vom Schulgeld befreit“, sagt Schulleiter Andreas Mohry.

Zwölf Flüchtlingskinder besuchen das Gymnasium, sie bekamen anfangs intensiven Deutschunterricht. Doch Hamid braucht den längst nicht mehr. Er bringt gute Noten in allen Fächern nach Hause. Um besser mitzukommen, am Anfang, wurde er bei seiner Ankunft in Deutschland zwei Klassen zurückgestuft.

13 Jahre als Beamtin in Aleppo gearbeitet

In Deutschland angekommen ist die kurdische Familie mit dem Flugzeug. Doch bevor es so weit war, lag dennoch eine Odyssee hinter ihr. Als sie ihre Wohnung in Aleppo 2012 verließen, flüchteten sie zunächst in die syrische Stadt Afrin. Dort steht das Elternhaus der Familie Abdo, die Großeltern besitzen dort Land mit 1500 Olivenbäumen. Doch auch dort waren die Lebensbedingungen für sie widrig.

Von Afrin über den Irak nach Brandenburg

Die Situation in Afrin ist äußerst schwierig. Tausende Menschen sind von dort geflüchtet angesichts einer schwierigen humanitären Lage. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Ereignisse, die dazu führten, auf das Schärfste in einer Regierungserklärung vom 21. März 2018 verurteilt. Schutz von Leib und Leben der Zivilbevölkerung müssten oberste Priorität in Afrin haben. Merkel forderte auch Zugang zu humanitärer Hilfe in Afrin.

Von Afrin flüchtete die Familie Hamid-Abdo in den Irak und von dort weiter nach Deutschland.Eine der brandenburgischen Flüchtlingsinititiven, das Begegnungscafé Evangelischen Kirche in Babelsberg, hat der Familie Hamdi-Abdo beim Einleben sehr geholfen. So fand auch durch einen Hinweis der ehrenamtlichen Helfer Jihan Abdo auch die Stelle in der Industrie- und Handelskammer Potsdam. Für Familie Hamdi-Abdo ist es zur Sonntagstradition geworden, dort andere Flüchtlinge, aber auch Alteingesessene zu treffen.

„Es gab keine medizinische Versorgung, wir waren arbeitslos, es war immer noch sehr gefährlich“, sagt Jihan Abdo. Sie hatte vor ihrer Flucht 13 Jahre lang als Beamtin in einer staatlichen Wohnungsgesellschaft als Buchhalterin gearbeitet. Nach einem Jahr in Afrin fiel die Entscheidung, nach Kurdistan in den Irak zu fliehen. Doch dort drohte Gefahr durch die Terrororganisation Islamischer Staat.

Der Bruder lebt als Arzt in Berlin

Jihan Abdos Bruder lebt seit Jahren schon in Berlin. Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus. Mit seiner Hilfe schließlich kam Familie Hamdi-Abdo nach Deutschland. Es war der 27. November 2015, als das Flugzeug in Berlin landete. Schon am 2. Januar konnte Juan Hamdi in dem Lebensmittel-Labor anfangen.

„Wir haben nie finanzielle Hilfe von Deutschland bekommen müssen“, sagt seine Frau. Über ihre Familie und Bekannte fanden sie eine Wohnung. Auch der Tipp, sich in dem Labor vorzustellen, kam von dort.

Die Firma Analytica Alimentaria GmbH in Kleinmachnow, in der Juan Hamdi arbeitet, stammt aus Spanien und beschäftigt Mitarbeiter aus 20 Nationen. Für sie bietet die Firma nach Angaben von Projektleiter Peter Krause auch berufsbegleitend Deutschunterricht an. „Der Unterricht war ursprünglich für die spanischen Kollegen, aber er steht natürlich allen offen.“

Deutschunterricht in der Mittagspause

Und so lernt Juan Hamdi drei Tage die Woche in seiner Mittagspause je eine halbe Stunde Deutsch bei einem Lehrer. „Wenn du bei uns anfängst, kommst du in ein Team aus der ganzen Welt“, wurde ihm bei seiner Anstellung gesagt. „Ich bin total glücklich, dort arbeiten zu dürfen“, sagt der 40-jährige Juan Hamdi.

In dem Kleinmachnower Labor werden Obst und Gemüse im Auftrag von Lebensmittelketten auf Pestizide und gesundheitsschädliche Rückstände untersucht, bevor sie in den Handel gehen.

Jihan Abdo hat Deutschkurse in Teltow und Babelsberg für Flüchtlinge besucht. Dass beide auch Englisch sprechen, hat die Verständigung von Anfang an erleichtert. Im Archiv der IHK Potsdam sortiert die Kurdin die Post und Papiere, scannt Unterlagen und betreut das unter anderem das Bauarchiv.

Berufstraum der Tochter: Lehrerin

Für Deutschland besitzt die Familie eine Aufenthaltserlaubnis. „In Syrien ist es einfach zu schlimm. Wer weiß, wann es dort besser wird“, sagt Jihan Abdo. Zurückgehen irgendwann? „Wir haben drei Mal bei Null wieder angefangen nach unserer Flucht. Mir fehlt für einen weiteren Neubeginn wieder in Syrien die Kraft.“ Und: „Ich sehe die Zukunft meiner Kinder in Deutschland, hier sollen sie studieren“, sagt Jihan Abdo.

Auch ihre elfjährige Tochter hat schon ein Berufsziel: „Ich möchte Lehrerin werden für Sport und Englisch werden“, verkündet Jina Hamdi.

Seit gut einem halben Jahr leben auch die Großeltern mütterlicherseits in Deutschland. Sie ziehen in ein paar Wochen nach Babelsberg, ihr Sohn hat dort eine Wohnung für sie gefunden. „Doch sie haben Heimweh und würden gerne sofort zurück nach Syrien“, berichtet Jihan Abdo.

Doch in den Kriegswirren ist der Landbesitz mit den geliebten Oliven- und Mandelbäumen verwüstet worden. Vor einem Jahr startete die die Türkei eine Militäroffensive auf Afrin. Das Haus ist von Fremden besetzt. In Syrien hat ihr heute 73 Jahre alter Vater einst als Lehrer gearbeitet.

Anfeindungen als Muslimin

Wie es ihnen geht? „Wir fühlen uns wohl in Deutschland.“ Einzig Jihan Abdo merkt manchmal Anfeindungen und unfreundliche Blicke, wenn sie unterwegs ist. Sie ist Muslimin und bedeckt ihre Haare mit einer Mütze.

Gern würde sie mehr Kontakt zu den Nachbarn knüpfen. Doch das hat sich in der Straße in Stahnsdorf mit den Mehrfamilienhäusern dicht an dicht noch nicht ergeben. Im Dachgeschoss eines der Häuser hat die Familie eine Drei-Zimmer-Wohnung gefunden.

Silvester hat die Familie mit Freunden im Kulturhaus Babelsberg gefeiert. In Babelsberg besucht die Familie oft das Begegnungscafé für Geflüchtete in der Karl-Liebknecht-Straße der Evangelischen Kirche. Die Initiative hat 2016 den Ehrenamtspreis der Stadt Potsdam erhalten.

Es sind enge Freundschaften dort zu den ehrenamtlichen deutschen Helfern entstanden. Die Familie Hamdi-Abdo, sie ist heimisch geworden – auch dank dieses Beistandes.

Von Marion von Imhoff

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