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Familie setzt ihre Geschichte in Szene

Historie und Herkunft Familie setzt ihre Geschichte in Szene

„Erzählen reicht und strengt an“, sagt Artur Weiß aus Bad Belzig. Also hat er nicht nur drei Bücher zu Historie und Herkunft der Familie geschrieben. Sondern sogar einen Film gedreht, in dem gar die Urenkel das Schicksal des 84-Jährigen aktiv nachvollziehen konnten. Aktuell liest der pensionierte Handwerksmeister gerade aus dem dritten Band seiner Memoiren.

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Schreibt berührend und liest mitreißend vor: Artur Weiß aus Bad Belzig.

Quelle: Michaela Riedel

Bad Belzig. Aus der Entfernung sieht es aus, als fände da draußen so etwas wie Menschenhandel statt. Diesen Eindruck jedenfalls hatte ein Jäger während der Fahrt auf einem Feldweg hinter dem Segelflugplatz Lüsse. Aus der Nähe betrachtet ist es eine deutsche Familie in gar ungewöhnlicher Kleidung: Die Frauen tragen schwere Naturstoffe in dunklen Tönen.

Ihre Köpfe sind in schwarze Tücher gehüllt, so dass nur ihre traurigen Augen durch das verwehte Haar zu sehen sind. Die Männer halten sich in Filzstiefeln und abgetragenen Mänteln ihre müden Leiber warm. Umgeben von weiter trockener Wiesenlandschaft verabschiedet die Familie ihren Vater. Ob sie sich nach diesem Februar jemals wiedersehen, wissen sie nicht.

Köpfe in schwarze Tücher gehüllt

Es ist die Szenerie für einen Film. Vor einer Amateurkamera will Artur Weiß seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln die Historie und Herkunft der Vorfahren veranschaulichen. „Erzählen reicht nicht und es strengt an.“ sagt der pensionierte Schmiedemeister, der seit Jahren an seinen Memoiren schreibt. „Wir machen einen Film und wir werden selbst die Darsteller sein.“

Niemand in der Familie hat je daran gedacht, da nicht mitzumachen. Also spielten alle mit: Mit Wühlereien in alten Kisten, dem Bauen von Kulissen mit alten Möbeln und Geschirr entstand im Keller der Wohnraum der Familie Messinger. Ein Raum, wie in der damals 13-jährige Artur in Erinnerung behalten hat. Vier Generationen unternahmen einen Zeitsprung aus der Gegenwart ins bessarabische Klöstitz 1945. Heute heißt der Ort Wessela Dolyna und liegt in der Ukraine unweit von Odessa.

Der Urenkel, der gerade 5 Monate alt ist, spielt den Bruder seines Urgroßvaters. Er spielt gut, denn er weint, weil die Decke kratzt, in die er fest gewickelt ist. Gekochte Kartoffeln sind der Hauptgang. „Mutter“ sitzt am Spinnrad.

Unweit von Odessa in der Ukraine

Knapp 70 Jahre nach der Originalszene erschien das erste Buch. „Von Bessarabien nach Belzig“ sprengte alle Erwartungen, denn es gab ja eigentlich gar keine. Der inzwischen 84-jährige ist einer der letzten Zeitzeugen und trägt mit der Niederschrift seiner Erinnerungen die Informationen aus erster Hand weiter an die Nachkommen und teilt sie mit Altersgefährten. Bald entstanden Verknüpfungen, denn mit seinerzeit 83 Jahren war es Artur Weiß für Facebook nicht zu spät und er traf in dem Netzwerk auf eine Gruppe „Bessarabiendeutsche“, die sein Schicksal mindestens nachvollziehen können. Das Buch wurde in alle Richtungen Deutschlands verschickt, der Film übrigens auch.

2014 erschien „Die letzten Kinder Bessarabiens“ und voriges Jahr griff der Autor weitere und tiefere Themen auf, deren Spuren bis in „Endphase“ der DDR führen. „Tiefgründig wird in ,Begegnungen im DDR-Knast’ mein von Diktaturen begleiteter Lebensweg nach erneuter Enteignung behandelt, von Gesprächen mit anderen Häftlingen und Schicksalen von Sittlichkeitsverbrechern erzählt.“ , beschreibt der Senior das jüngst erschienene Buch, in dem die Willkür und die diktatorischen Maßnahmen der SED-Politik eine tragende Rolle übernehmen.

In den vergangenen Jahren immer wieder Bücher veröffentlicht

Mit seinen Büchern veranstaltet der Autor regelmäßig Lesungen, die gut besucht sind. Zielgruppe sind nicht etwa ausschließlich jene, die „mitreden“ können, sondern zunehmend jüngere Generationen, die starkes Interesse zeigen und teilweise eine neue Wertschätzung entwickeln. Artur Weiß besucht Schulen und liest vor Soldaten der Bundeswehr. Sein jüngstes Buch wird nicht das letzte bleiben: Aktuell schreibt er an einem vierten. „Hier führen die Wege unserer Familien zusammen, hier begegnete ich der Mutter meiner Kinder und unser Weg wurde zu einer Linie, mit allen Höhen und Tiefen.“ kündigt der Rentner an. Diese Familien-, Heimat- und Weltgeschichte hätte sie sicher auch gern gelesen.

info: Die nächste Lesung mit Artur Weiß ist am Dienstag Rotkreuzzentrum Bad Belzig, Gliener Straße 1. Beginn ist um 14 Uhr.

Von Michaela Riedel

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