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Potsdam-Mittelmark Fitnesstraining mit Strafgefangenen
Lokales Potsdam-Mittelmark Fitnesstraining mit Strafgefangenen
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20:15 08.02.2019
Verließ seine Komfortzone: Fitnesstrainer Nico Gumlich. Quelle: Robert Muhlack
Potsdam-Land

Der Moment, als er aus dem Mitarbeiterraum heraustritt und seine neuen Schützlinge das erste Mal sieht, ist eine Begegnung der besonderen Art. „Da standen nicht 15 Leute, die gesagt haben: Hey, ich freu mich. Lass’ uns trainieren.“ Nein, diese Menschen, die er einmal in der Woche trainieren soll, halten kühl Distanz und mustern ihn mit ernster Miene. Spannung liegt in der Luft. „Keiner hat gesagt: Herzlich willkommen“, erzählt Nico Gumlich. Der 26-Jährige ist Personal-Trainer, der in Potsdam und im Potsdamer Umland unterwegs ist und zu seinen Kunden nach Hause fährt, um mit ihnen dort zu trainieren. An dem Tag, den er schildert, steht er freilich hinter acht Meter hohen Zäunen vor Strafgefangenen, die in der Justizvollzugsanstalt (JVA) „Heidering“ in Großbeeren eingesperrt sind.

„Ich wollte meine Komfortzone verlassen“

Seine Schwiegermutter in Wilhelmshorst hatte ihn noch davon abgeraten, ins Gefängnis zu gehen. Er hört nicht auf sie. „Ich wollte meine Komfortzone mal verlassen und in eine neue Welt eintauchen“, sagt er. Gumlich, ein Kraftsportler aus Leidenschaft, der schon als Student zum professionellen Fitnesstrainer wird, hatte sich bei einer Ausschreibung für diese besondere Aufgabe in der Berliner JVA in Großbeeren beworben und den Zuschlag bekommen. Immer donnerstags fuhr er fortan ins Gefängnis, um mit Häftlingen zu trainieren. Der direkte Kontakt ändert sein medial geprägtes Bild von Häftlingen grundlegend. Hinter den Gefängnismauern begegnen ihm neben einer bisweilen harten und vulgären Sprache vor allem eins: Menschen. Zum Beispiel ein mehrfacher polnischer Meister im Boxen. „Wenn er sich bewegt und geboxt hat, standen die anderen da und haben ihn beobachtet“, sagt Gumlich. Der Pole habe die Matte elegant bearbeitet, nicht geschlagen. „Er hatte eine Technik und eine Schlagkraft – unglaublich. Und doch wirkte er wie einer der liebenswürdigsten Menschen.“ Gumlich fragt sich: „Warum ist der hier?“ Er hat es nie erfahren. Der 26-Jährige ging mit der Maßgabe in die JVA, die Häftlinge nicht zu fragen, warum sie im Gefängnis gelandet sind. „Wenn man es weiß, behandelt man sie unterschiedlich und kategorisiert sie. Das wollte ich vermeiden.“ Bei dem polnischen Boxer fällt es ihm am schwersten, nicht nachzufragen. Der Pole selbst sprach nur über den Sport, Privates gab er nicht preis.

Zur Rückfahrt kommt das Gefühl der Dankbarkeit, frei zu sein

Für Gumlich werden in seiner Zeit als Fitnesstrainer in der JVA auch die Rückfahrten nach Hause zum Erlebnis. Wenn er das Gefängnis verließ, war da ein Gefühl der Dankbarkeit, frei zu sein, sagt er. „Es bleibt nicht wirkungslos, hinter acht Meter hohen Zäunen zu arbeiten. Man ist froh, zu wissen: Ich kann hingehen, wohin ich will.“ Anders als der junge Mann, der Gumlich auffiel, weil er in der gleichen Gegend großgeworden ist – in Berlin-Zehlendorf. „Er ist so alt wie ich, kommt aus der gleichen Gegend, wählte mit Abi und Studium einen ähnlichen Bildungsweg und sitzt jetzt doch hier im Gefängnis“, sagt Gumlich und mutmaßt, wie schnell es manchmal gehen könne, dass ein Fehler das ganze Leben verändert. Er sei jedenfalls dankbar, „eine erfüllte Kindheit und Jugend gehabt zu haben und Eltern, die einem einen Kompass mitgegeben haben, um einen guten Weg zu finden“. Seinen Schützlingen im Gefängnis forderte der junge Fitnesstrainer einiges ab.

Wenn er trainiert, verschwinden die negativen Gedanken

Warum er das tat, erklärt er so: „Ich wollte ihnen die Möglichkeit geben, ihre innere Aggression und Unzufriedenheit sinnvoll abzubauen.“ Kraftsport als Ventil, „mit dem man innere Stabilität, Zufriedenheit und ein bisschen Stolz herstellen kann“. Er selbst hat es jedenfalls immer so empfunden, wenn er in den Wettstreit trat: „Ich gegen mich selbst und gegen das Gewicht.“ Beim Training hört er als zusätzlichen Kick deutschen Hip Hop und Rap, „aber Musik und Texte mit Inhalt, nicht über Geld und Autos“. Wenn er so trainiert, „verschwinden die negativen Gedanken“. Er verbraucht beim Schuften an den Hanteln Energie und lädt doch die eigenen Batterien wieder auf.

Angefangen hat alles damit, dass sein großer Bruder von einem Kumpel eine Hantelset geschenkt bekam. Die Hanteln lagen im Zimmer herum, der kleine Bruder fing an, damit zu trainieren und merkte: „Da passiert etwas.“ Die Leidenschaft ist danach nicht mehr erloschen. Als er vor der Frage steht, den von Eltern angeratenen Standardweg einzuschlagen und BWL, Jura oder ähnliches zu studieren, ging er seiner Leidenschaft nach und studierte Fitnessökonomie und Sportmanagement, um Personaltrainer zu werden. Seine Schützlinge im Knast hat er überzeugt. Einer sagte schon nach dem ersten Training: „Es hat reingehauen.“

Auf dem Cover eines Magazins

Nico Gumlich hat ein Studium der Fitnessökonomie absolviert und studiert noch Sportmanagement an der Uni Leipzig, Er arbeitet nebenher für eine Fitnesskette und als Personaltrainer. Die Häftlinge trainierte er bis Ende 2018 und pausiert aus Zeitgründen.

In seiner Masterarbeit widmete er sich der Frage, was der Chef eines Fitnessstudios tun sollte, damit seine Mitarbeiter bleiben und motiviert sind. Mit dem Thema schaffte er es bis auf das Cover eines Fitnessmagazins.

Von Jens Steglich

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