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Frau Pastor nimmt Abschied

Beate Koschny-Lemke ist seit 1980 Pfarrerin in Stücken Frau Pastor nimmt Abschied

Als Beate Koschny-Lemke 1980 nach Stücken kam, wollte sie eigentlich nur fünf Jahre bleiben. Dann aber passierte alle fünf Jahre etwas, das sie in ihrem Pfarrsprengel gehalten hat – bis heute. Nach 36 Jahren nimmt die Pfarrerin nun doch Abschied von ihrem Sprengel.

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Beate Koschny-Lemke an der Stückener Dorfkirche.

Quelle: Jens Steglich

Stücken. Als sie 1980 in Stücken eintrifft, fragt sie ein Mann als Erstes: „Wissen Sie, wie man ein Baugerüst stellt?“ Zum Bauen war Pfarrerin Beate Koschny-Lemke eigentlich nicht ins kleine Dorf gekommen, das später so etwas wie ein Lebensmittelpunkt für sie wird. Am Anfang sah es auch gar nicht danach aus, als könnte eine Dauerbeziehung zwischen ihr, dem Sprengel und den Menschen dort entstehen. Der Mann, der sie damals fragte, schob jedenfalls noch den Satz nach: „Wenn Sie nicht wissen, wie man ein Baugerüst stellt, können Sie auch nicht unsere Pfarrerin werden.“

Er konnte nicht wissen, dass vor ihm jene Frau steht, die auch 36 Jahre später noch Pfarrerin in Stücken sein wird, die viele Menschen liebevoll „Frau Pastor“ nennen werden und aus der inzwischen auch eine Bauexpertin geworden ist. Kein Wunder: Mit dem Pfarrsprengel Stücken übernimmt sie ein marodes Pfarrhaus und Kirchen, die viele morsche Stellen haben. Heute geht es den Gotteshäusern wieder besser. Und auch wenn sie nicht zum Bauen herkam, zeigte sich doch, dass man mit der Rettung der Kirchen auch viel für die Menschen tut. „Bei jeder Sanierung, und wenn es die Friedhofsmauer war, hat das ganze Dorf mit angepackt.“ So etwas schweißt zusammen. 36 Jahre Seelsorge im Pfarrsprengel Stücken-Blankensee auch. „Der Abschied wird schwer fallen von den Menschen, die mich begleitet haben“, sagt sie.

Der Tag ist gekommen, an dem „Frau Pastor“ aus Stücken auf Wiedersehen sagt. In die Dorfkirche lädt sie Pfingstmontag, 14 Uhr, zum Abschiedsgottesdienst ein und zum Imbiss in den Pfarrgarten, um die gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen. Vielleicht wird dann noch einmal erzählt, wie die junge Pfarrerin zu DDR-Zeiten für ihre Gemeindemitglieder im Rentenalter heimlich Fahrten in den Westen zu den Partnergemeinden in Hösel und Hochdahl organisierte. Es durfte nicht wie eine Gruppenfahrt aussehen. So besorgte sie verschiedene Zieladressen und verteilte ihre Leute im Zug. „Dann durfte ich winken und sie sind in den Westen gefahren.“ Nach der Wende begannen die gemeinsamen Reisen – immer zu Himmelfahrt an die Ostsee. Die erste Tour führte 1990 nach Prerow, wo in DDR-Zeiten Kirchenmitglieder keinen Ferienplatz bekamen. „Die Leute sind 1990 alle in die Alpen gefahren und wir hatten endlich Platz im FDGB-Ferienheim.“

Am Pfingstmontag könnte man freilich auch erzählen, wie es die Pfarrerin nach Stücken verschlug. Dorthin zu kommen, war gar nicht so leicht. Als der Spross einer Handwerkerfamilie Theologie studieren will, sagt der Vater: „Zu dem Hungerverein gehst du nicht.“ Die Tochter wird Physiotherapeutin. Beate Koschny-Lemke aber ist keine Physiotherapeutin. „Ich wollte Lebenshilfe mit Gottes Wort geben.“ Irgendwann bringt sie das auch dem Vater bei: „Ich studiere doch Theologie.“ Als junge Pfarrerin soll sie nach Neuruppin entsandt werden. Sie freut sich, hat schon Tapeten fürs Pfarrhaus ausgesucht und sagt dann doch ab. „Mein Vater lag damals im Sterben. Ich verstand mich selbst nicht.“ Zur Strafe soll sie nach Schwarze Pumpe, in den Oderbruch oder in ein Dorf bei Finsterwalde gehen. Sie ist gerade beim Konsistorialpräsidenten, als der telefoniert und nebenbei fragt: „Oder wollen Sie nach Stücken?“

Wegmarken

Beate Koschny-Lemke war in ihrem Pfarrsprengel Stücken-Blankensee für zwölf Dörfer, sechs Kirchen und eine evangelische Kita mit sechs Angestellten und 55 Kindern verantwortlich.

Als sie 1980 nach Stücken kommt, will sie eigentlich nur fünf Jahre bleiben. Dann passiert alle vier, fünf Jahre etwas, was sie hält: 1984 wird ihre Tochter geboren, 1989 kommt der Wendeherbst in der DDR. 1995 steht die Sanierung von drei Kirchen an, 2000 übernimmt sie noch den Pfarrsprengel Blankensee und 2005 lernt sie ihren Mann kennen – in Fresdorf, bei der Sanierung der Friedhofsmauer. Mit ihm reist sie nach ihrem Abschied erst einmal im Wohnwagen durch Europa.

Wie es nach ihr weiter geht, ist noch unklar. „Mein Wunsch ist es, dass die Gemeinde zusammenbleibt, der Pfarrsprengel erhalten bleibt und die Pfarrstelle neu besetzt wird“, sagt sie.

Die Möbel, die sie 1980 mit nach Stücken bringt, stehen heute noch im Pfarrhaus. Auch der Tisch, an dem Konfirmanden, Brautpaare, Trauernde saßen oder Menschen, die einfach nur mit ihr reden wollten – über Glück, Trauer und Gott. Den Tisch nimmt sie mit – als Andenken an die 36 Jahre in ihrem Pfarrsprengel und an all die Menschen, die an dem Tisch mit ihr geredet, gelacht und geweint haben.

Von Jens Steglich

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