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Freispruch für Quarantäne-Brecher in Teltow

Asylbewerber soll Wachmann angegriffen haben Freispruch für Quarantäne-Brecher in Teltow

Ein Asylbewerber soll im März 2015 trotz Windpocken-Quarantäne das Teltower Übergangswohnheim verlassen und einen der Wachmänner, der ihn auf dem Gelände festhalten wollte, mit einem Stein angegriffen haben. Nun stand der 32-jährige Kameruner vor Gericht. Drei Wachmänner haben gegen ihn ausgesagt – jeder erzählte eine andere Geschichte.

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Quelle: dpa

Teltow. Vier Männer – vier Geschichten, die partout nicht zueinander passen wollen, die sich aber allesamt um einen Pflasterstein drehen, zu dem der Angeklagte Paulin T. – das ist unstrittig – an einem frühen Samstagmorgen im März 2015 gegriffen hat.

Paulin T. ist 32 Jahre alt, geboren und aufgewachsen ist er in Kamerun, 2012 kam er als Asylbewerber nach Deutschland. Er ist geduldet und lebt im Übergangswohnheim an der Potsdamer Straße in Teltow.

Der Vorwurf: Versuchte gefährliche Körperverletzung

Vor dem Amtsgericht in Potsdam muss sich Paulin T. am Montag wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werkzeugs verantworten. Dieses gefährliche Werkzeug ist besagter Stein. Als Zeugen geladen sind drei Männer vom Wachschutz des Heims. Einen von ihnen soll Paulin T. mit dem Stein angegriffen haben. Klaus T. (58) habe dem ersten Schlag laut Anklage noch ausweichen und sich durch den Einsatz von Pfefferspray vor dem zweiten retten können.

In jenen Märztagen 2015 steht das mit 210 Männern, Frauen und Kindern belegte Heim unter Quarantäne: Zwei Bewohner sind an Windpocken erkrankt. Für den Samstag ist eine große Impfaktion geplant. Niemand darf bis dahin das Gelände verlassen. Paulin T. soll laut Anklage gegen diese Anordnung verstoßen haben. Tatsache ist, dass ihn die Wachmänner im Morgengrauen in der Nähe des Tors entdecken; es kommt zu einer heftigen Diskussion. Plötzlich hat Paulin T. den Stein in der Hand.

Der Wachmann soll ihn rassistisch beschimpft haben

„Ich wollte das Gelände nie verlassen“, sagt Paulin T. im Gerichtssaal. „Ich wollte nur ein paar Meter im Hof gehen und Luft schnappen, weil es mir nicht gut ging.“ Doch dann sei es mit den Wachmännern – vor allem mit Klaus T. – zum Streit gekommen. Irgendwann habe Klaus T. „Der Neger versteht gar nichts“ gesagt, das Pfefferspray gezogen und ihm drei Mal direkt ins Gesicht gesprüht. „Es hat sehr weh getan“, sagt Paulin T. „Ich konnte nicht mehr atmen, nichts mehr sehen und bin zu Boden gegangen.“ Klaus T. und die anderen hätten gelacht. Erst nach 15 Minuten habe er sich wieder aufrappeln können. „Da habe ich den Stein genommen und gesagt: Wenn du noch einmal dein Gas verwendest, werde ich den Stein verwenden.“ Er habe aber niemals versucht, jemanden damit zu schlagen.

Zuflucht in Teltow

Im Landkreis Potsdam-Mittelmark leben derzeit etwa 2400 Asylbewerber, die meisten in Teltow und in Brück.

In der Region Teltow, Kleinmachnow, Stahnsdorf leben etwa 1000 Flüchtlinge. Allein in Teltow gibt es zwei Übergangswohneinrichtungen in der Potsdamer Straße und eine Notunterkunft in der Warthestraße.

Die Flüchtlinge kommen vor allem aus Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Afghanistan. Der Großteil von ihnen – 70 Prozent – ist jünger als 34 Jahre. nf

Klaus T. schildert die Situation völlig anders. Paulin T. habe sich nichts sagen lassen wollen und angefangen, ihn zu schubsen. Er habe dann einen kleineren Stein nach ihm geworfen – „Ich habe ihn gefragt, ob er bescheuert ist“ – und sei schließlich „mit einer großen Klamotte angerannt gekommen“. Erst da habe er das Pfefferspray eingesetzt. Von Richterin Reinhild Ahle gefragt, ob er den Angeklagten beschimpft habe, antwortet Klaus T: „Nicht, dass ich wüsste.“

Einer der Wachmänner flippt im Zeugenstand aus

Seine Kollegen sind dem Gericht keine Hilfe. Man ist sich nicht einig, wer wann wo gestanden hat. Wer was getan und gesagt hat – wer die Polizei gerufen hat. Einen Steinwurf schließt der eine aus, der andere hat zumindest keinen gesehen. Hat Paulin T. zugeschlagen, aber nicht getroffen? Oder hat er ins Leere geschlagen, weil sich Klaus T. geduckt hat? Hat er überhaupt geschlagen oder nur gedroht? Das alles bleibt ungeklärt. Wachmann Helmut H. flippt im Zeugenstand schließlich aus: „Bin ich hier der Pausenclown? Ich habe das alles bei der Polizei schon erzählt und jetzt fängt der Käse noch mal an!“

Möglich, dass Helmut H. den „Käse“ noch ein drittes Mal serviert bekommt, denn Paulin T. hat seinerseits Anzeige gegen die Wachmänner erstattet – und wurde zudem vom Gericht sowohl auf Antrag der Staatsanwaltschaft als auch der Verteidigung freigesprochen. „Ich wundere mich, dass ich heute der Angeklagte bin“, sagt der 32-Jährige am Ende der Verhandlung. Er wisse bis heute nicht, was er falsch gemacht habe.

Von Nadine Fabian

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