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Für 313.000 Euro – Berliner ersteigert Bahnhof

Michendorf Für 313.000 Euro – Berliner ersteigert Bahnhof

Zuschlag für 313.000 Euro – ein Berliner hat am Freitag bei einem wahren Bieter-Krimi den Michendorfer Bahnhof ersteigert. Der Geschäftsmann hat bereits einige Stationen in Berlin saniert. Im Ort sorgt die Auktion für einige Unruhe.

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Für 313 000 wurde der Bahnhof bei der Deutschen Grundstücks Auktionen AG im Berliner Abba-Hotel vergeben.

Quelle: Julian Stähle

Berlin/Michendorf. Bieter-Krimi im Berliner Abba-Hotel: Der Michendorfer Bahnhof ist am Freitagnachmittag für 313.000 Euro ersteigert worden. Erworben hat das Stationsgebäude der Berliner Thomas Drechsel, der bereits mehrere Bahnhöfe in Berlin saniert und entwickelt hat, darunter den S-Bahnhof Mexikoplatz. Drechsel hatte sich mit einem Interessenten am Telefon ein regelrechtes Bietergefecht geliefert, bei dem die Summe in 2000er-Schritten stetig wuchs. Keine Chance hatten da auch jene privaten Interessenten, die vorher mit der Kommune eine notarielle Vereinbarung abgeschlossen hatten. Der Kaufpreis von 313.000 Euro überstieg auch deutlich die Obergrenze der Gemeinde Michendorf, die dem Vernehmen nach bei etwa 210.000 Euro gelegen haben soll. Die Gemeindevertreter hatten sich darauf am 13. März hinter verschlossenen Türen verständigt und zugleich einen Nachtragsetat mit einer Summe von 295.000 Euro beschlossen, in der schon Geld für die Erfüllung der Brandschutzauflagen enthalten war.

Der neue Eigentümer will zuerst die leerstehenden Wohnungen im Bahnhof in Ordnung bringen und vermieten. Falls dies nicht gehen sollte, könnten aus den Wohnquartieren Gewerberäume werden, sagte er nach der Auktion. Die Eingangshalle würde sich dafür anbieten, zum Beispiel einen Kiosk einzurichten, so der neue Eigentümer. „Man muss aber sehen, ob das aus Brandschutzgründen genehmigt wird.“

Der Moment des Zuschlags

Der Moment des Zuschlags

Quelle: Jens Steglich

Was wird aus den Bahnhofsmietern? Die Gaststätte „Schneiders“ soll bleiben. Er habe bereits mit der Inhaberin gesprochen. Drechsel kann sich sogar vorstellen, den Gewölbekeller des Bahnhofs zusätzlich für eine Gaststätte oder als Partyclub zu nutzen. Mit der Inhaberin der Psychotherapie-Praxis habe er noch nicht gesprochen. Und: „Ich werde und muss mit der Gemeinde zusammenarbeiten“, sagte Drechsel.

„Einen Zeitplan gibt es noch nicht“

„Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit und dass der Bahnhof im Sinne der Gemeinde saniert und genutzt wird“, sagte Michendorfs Bürgermeister Reinhard Mirbach (CDU), der bei der Auktion vor Ort war, aber nicht eingriff. Die Obergrenze der Kommune war schnell überschritten. Das Mindestgebot für den Bahnhof lag bei 98.000 Euro. Vor der Versteigerung hatten drei Privatinvestoren eine notarielle Vereinbarung mit der Kommune abgeschlossen und sich verpflichtet, den Bahnhof innerhalb von fünf Jahren zu sanieren. Sie stiegen aber vorher aus – auch der Projektentwickler Jürgen Stoye, der sich mit einem Schweizer Investor zusammengetan hatte. Auch das Zweier-Bündnis wurde überboten.

„Einen Zeitplan gibt es noch nicht“, sagte Drechsel. Als erstes stünden jetzt Gespräche mit der Deutschen Bahn an. Jürgen Rose von der Initiative, die 1702 Unterschriften pro Bahnhofskauf durch die Kommune gesammelt hatte, zeigte sich enttäuscht vom Ausgang. „Wir haben 20 Monate etwas bewegt, unser Ziel aber nicht erreicht, dass der Bahnhof in Gemeindehand kommt“, sagte er.

FDP fordert Rücktritt des Bürgermeisters

Die Chance hätte vorher genutzt werden müssen – durch ein ernsthaftes Kaufangebot an die Bahn. Mit den damals gebotenen 50.000 Euro drücke man nicht sein Kaufinteresse aus, so Rose. Die Michendorfer FDP fährt ganz schwere Geschütze auf und forderte am Freitagabend den Rücktritt des Bürgermeisters. „Das heutige Bahnhofsdesaster reiht sich nahtlos in die Erfolgsgeschichte der Mirbach-Administration ein“, heißt es in einer Mitteilung des FDP-Chefs Uwe Große-Wortmann: „Nun ist der Bahnhof weg, die große Mehrheit der Michendorfer wollte das so nicht“, sagte er. Mirbach wies die Rücktrittsforderung als unverschämt zurück: „Ich habe als Bürgermeister den Beschluss der Gemeindevertreter umgesetzt. Wenn sich die FDP derart weit von der Demokratie entfernt, kann man das nur bedauern.“

Der Rücktrittsforderung schließt sich Mirbach-Kritiker und SPD-Fraktionschef Volker-Gerd Westphal nicht an. Zur Auktion durfte der Bürgermeister nicht höher bieten, sagte er mit dem Verweis auf den Gemeindevertreterbeschluss vom 13. März. Vor der Anberaumung der Versteigerung hätte man aber mehr Initiative zeigen können. Wenn man damals statt der 50 000 Euro etwa 100 000 Euro der Deutschen Bahn geboten hätte, hätte die Gemeinde vielleicht eine Chance gehabt. Er plädiert jetzt dafür, in die Zukunft zu schauen und den Investor darin zu unterstützen, die Weichen in die richtige Richtung zu stellen. „Wer so eine Summe ausgibt, wird den Bahnhof nicht brach liegen lassen“, so Westphal.

Michendorfer Bahnhofschronologie

Anfang 2015 wird bekannt, dass die Deutsche Bahn den Michendorfer Bahnhof verkaufen will. Unter den Mietern im Stationsgebäude entsteht Unruhe.

Im Mai 2015 beschließt eine Mehrheit der Gemeindevertreter, den Bahnhof nicht zu kaufen.

Eine Initiative um den Michendorfer Jürgen Rose sammelt 1600 Unterschriften mit der Forderung, die Absage zum Bahnhofskauf zu überdenken.

Im Oktober 2015 lehnt eine knappe Mehrheit der Gemeindevertreter erneut den Kauf des Bahnhofs ab.

Jürgen Rose und seine Mitstreiter starten ein Bürgerbegehren. Unterstützt werden sie von der SPD, der FDP und den Linken. 1702 Bürger unterschreiben für den Kauf des Bahnhofs durch die Kommune.

In einer Sitzung im Januar 2016 lenkt die Gemeindevertretung ein und beschließt, den Bahnhof zu kaufen. Das Angebot der Kommune von 50 000 Euro lehnt die Deutsche Bahn als zu niedrig ab und gibt den Bahnhof in die Versteigerung.

Von Jens Steglich

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