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Gedenken an Kriegsopfer wirft Fragen auf

Niemegker Heimatgeschichte Gedenken an Kriegsopfer wirft Fragen auf

In der Niemegker Kirche werden Gedenktafeln für Opfer dreier Kriege jetzt ansprechender präsentiert. Ihre Inschriften werfen allerdings auch noch einige Fragen auf. Die können von der Heimatforschung noch nicht beantwortet werden. Helfen könnte dabei eine Initiative, die der Sohn des einst verdienstvollen Pfarrers Günter Krolzig jetzt im Internet startet.

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Bürgermeister Hans-Joachim Linthe rief zum Arbeitseinsatz an den Gedenktafeln in der Niemegker Kirche.

Quelle: Saskia Kirf

Niemegk. Der Staub der Jahre und Spinnenweben sind gewichen. Per Handfeger und Putzlappen haben einige Niemegker Bürger jetzt die Gedenktafeln für die Opfer dreier Kriege gereinigt, die in Seiteneingängen der Johanniskirche postiert sind. Sie sollen künftig ansehnlicher präsentiert und stärker auch ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. So auch dieses Wochenende, wenn Stadtführerin Jutta Linthe im Rahmen der Aktion „48 Stunden Fläming“ die kleinen Räume an den beiden seitlichen Eingängen der Kirche bewusst ansteuert. „Ich bin froh, dass die Gedenktafeln mir bei Führungen die Möglichkeit geben, Geschichte zum Anfassen präsentieren zu können“, sagt Jutta Linthe beim Arbeitseinsatz.

Den Putzeinsatz in der Kirche erledigten  Hans-Joachim Linthe,  Eckhard Zorn,  Jutta Linthe,  Bärbel Schüler und Heike Gärtner (vlnr)

Den Putzeinsatz in der Kirche erledigten Hans-Joachim Linthe, Eckhard Zorn, Jutta Linthe, Bärbel Schüler und Heike Gärtner (v.l.n.r.)

Quelle: Saskia Kirf

Die Initiative dafür hat ihr Mann ergriffen. „Es ist uns wichtig, dass auch dieser bislang nicht öffentliche Bereich der Kirche ordentlich aussieht“, sagt der ehrenamtliche Bürgermeister Hans-Joachim Linthe (SPD). Die Kirchengemeinde plane eine Renovierung der beiden Räume. Den Anstoß gab wohl auch Martin Krolzig. Der heute 75-Jahre alte Sohn des früheren Niemegker Pfarrers Günter Krolzig forscht zu seinen Wurzeln. Die sind eng auch mit dieser Kirche verbunden. „Herr Krolzig hat wohl nun erkannt, welche Verdienste sein Vater sich damals zwischen 1945 und 1953 um den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg beschädigten Kirche erworben hatte“, sagt Hans-Joachim Linthe anerkennend. „Damals war Engagement für Kirchenbelange ja verpönt. Krolzig hat jedoch Mut bewiesen, vor dem wir heute noch den Hut ziehen müssen“, sagt der Stadtchef.

Kriegsschäden bis zum Jubiläum beseitigt

Günter Krolzig war ab 1941 Pfarrer in Niemegk und letzter Superintendent. Bis zur Jubiläumsfeier anlässlich des 100-jährige Bestehens der Johanniskirche im Jahr 1953 gelang es ihm, die Kriegsschäden beseitigen zu lassen. Auch Spendengeld von der Partnergemeinde in Westdeutschland half dabei.

Im Internet hat sein Sohn, der heute in Nordrhein-Westfalen lebt, aktuell ein eigene Seite veröffentlicht, die sich mit den Belangen dieser Kirche in den Jahren um 1953 befasst. Immerhin werfen die dort seit Jahrzehnten postierten Gedenktafeln für die Kriegsopfer auch noch Fragen auf. „Diese konnten auch von der Heimatforschung noch nicht beantwortet werden“, bestätigt Bürgermeister Linthe.

Die Gedenktafeln für Niemegker Opfer des II

Die Gedenktafeln für Niemegker Opfer des II. Weltkrieges datieren bis 1949.

Quelle: Martin Krolzig

So befinden sich auf dem Gedenkstein für die Toten des Zweiten Weltkrieges auch die Namen von vier Frauen. „Soweit ich weiß, ist das im Blick auf derartige Gedenksteine, die ansonsten nur die Namen männlicher Soldaten erinnern, einmalig“, sagt Martin Krolzig. Zudem schließt der Gedenkzeitraum nicht mit dem Kriegsende 1945 sondern erst im Jahr 1949. Was war das Schicksal der sieben von 1946 bis 1949 aufgelisteten Männer? Zudem sind auf den Tafeln auch Vermisste aufgeführt.

Aufklärung durch Zeitzeugen erhofft

Aufklärung zu diesen Fragen und Episoden der Niemegker Kirche erhofft sich Martin Krolzig nun von Zeitzeugen und deren Nachfahren. „Die Frage, wie geht die Kirche einerseits und die Stadt Niemegk andererseits mit dem Andenken an die toten Soldaten um, ist nicht ohne Brisanz“, so Krolzig. „Immerhin leben Kinder und Enkel der auf dem Denkmal für die Toten des Zweiten Weltkrieges in Stein gemeißelten Namen noch in Niemegk“, betonte der Pfarrerssohn. Er ist Jahrgang 1941. Die meisten Väter seiner Schulkameraden blieben im Krieg. „Begriff sowie Wirkung möglicher Traumatisierungen war nie ein Thema“, glaubt Martin Krolzig: „Aber die Sache gab es sehr wohl. Vielleicht sind wir ja auch erst heute in der Lage, dies zu thematisieren“, sagt er.

Demoliertes Denkmal verarbeitet

Vor der Kirche zu Niemegk gab es bis 1945 eine Gedenkstätte für die Opfer des Deutsch-Französischen Krieges (1870 - 1871) sowie des Ersten Weltkrieges (1914 - 1918).

Das Kriegerdenkmal mit Bronzefigur wurde nach 1945 demoliert und die Gedenktafeln vergraben.

Auf Initiative des damaligen Niemegker Pfarrers Günter Krolzig wurden die Tafeln geborgen und in die Johanniskirche gebracht.

Ein Steinmetz schuf aus dem Sockel des Denkmals den Taufstein und ein Lesepult für die Kirche.

Zudem wurde die Gedenktafel für die Opfer des zweiten Weltkrieges aus dem Material des zerstörten Denkmals gefertigt.

Die Internetseite von Martin Krolzig zur Niemegker Kirchengeschichte ist zu finden unter: www.krolzig.com.

Heike Gärtner hat einen besonderen Bezug zum Gedenken an die Gefallenen. Auch ihr Großvater überlebte den Krieg nicht. „Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Gärtner. „Ich habe meinen Opa nie kennengelernt. Umso wichtiger ist dieses Andenken für mich ganz persönlich“, sagt die Niemegkerin beim Arbeitseinsatz.

Von Thomas Wachs

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