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Potsdam-Mittelmark Geschichte schreiben im mobilen Wohnzimmer
Lokales Potsdam-Mittelmark Geschichte schreiben im mobilen Wohnzimmer
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02:17 10.10.2015
Kathrin Ollroge (li.) und Vanessa Birkner reisen mit dem „Raum für Gedanken“ durch die Kommunen Quelle: Saskia Popp
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Niemegk

Vier Tage lang war die Potsdamer Künstlerin Kathrin Ollroge mit ihrem mobilen Wohnzimmer im Fläming unterwegs. In Niemegk, Bad Belzig, Brück und Treuenbrietzen machte die 46-jährige Fotografin Halt, um Stimmen zu Flüchtlingen zu sammeln. „Raum für Gedanken“ heißt das Projekt, mit dem Ollroge durch Brandenburg, Sachsen und Thüringen reist.

Die Idee für ihr reisetaugliches Wohnzimmer hatte Kathrin Ollroge beim Potsdamer Festival „Stadt für eine Nacht“. Dort entsteht jeden Sommer am Kulturstandort Schiffbauergasse für 24 Stunden eine kleine Stadt in der Stadt; Kultur- und Kunstschaffende reißen sich um einen Platz im eigens errichteten Hüttendorf. „Vor zwei Jahren habe ich dort den „Raum für Gedanken“ erstmals aufgebaut“, sagt Kathrin Ollroge, „und kam schnell auf den Gedanken, ich müsste mit diesem Raum zu den Menschen gehen, sie direkt befragen.“ Nun tourt die Künstlerin mit ihrem gelben Transporter durch die Lande. Immer dabei: das knapp sechs Quadratmeter große mobile Wohnzimmer in handlichen Einzelteilen, die binnen weniger Minuten montiert sind.

Knapp sechs Quadratmeter misst das mobile Wohnzimmer. Damit passt es bequem in Ollroges sonnengelben Transporter. Quelle: Saskia Popp

Im Niemegker Nieselregen sitzt Vanessa Birkner mit einem Laptop im „Raum für Gedanken“. Sie schreibt die Geschichten auf, die ihr die Bürger erzählen. „Ich höre hier sehr viele selbst erlebte Fluchtgeschichten“, sagt Birkner, „und mir fällt auf, dass wahnsinnig viel Empathie bei den Menschen vorhanden ist.“ Kathrin Ollroge ergänzt: „Die Menschen nehmen sich viel Zeit, einige bleiben eine ganze Stunde hier, trinken einen Kaffee mit uns und schütten ihr Herz aus.“

Manchmal, so die beiden Chronistinnen, sei es schwierig, einen roten Faden in die Gespräche zu bringen. „Es gibt tragische Fälle, in denen man den Eindruck gewinnen kann, seit Jahren habe niemand diesen Menschen zugehört“, sagt Vanessa Birkner, „ich versuche dann im Gespräch, behutsam wieder auf unser eigentliches Thema zurückzukommen.“Dieses Kernthema sind die Flüchtlinge, die mittlerweile in jeder Kommune untergebracht sind. „Wir wollen einen Dialos anregen“, sagt Kathrin Ollroge, „und wir sehen, dass der Kommunikationsbedarf der Einwohner groß ist.“

Keine braunen Nester

Finanziert wird der „Raum für Gedanken“ vom jeweiligen Lokalen Aktionsplan der Kommunen im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, das sich gegen Rechtsextremismus und Gewalt wendet.„Die Angst vor dem neu erstarkenden Rechtsextremismus nehme ich in vielen Gesprächen wahr“, sagt Kathrin Ollroge. Braune Nester oder massive rechte Tendenzen habe sie nicht erlebt, sagt sie, „aber wir hatten auch in manchen Orten Probleme, weil organisierte Rechte Wind von unserem Besuch bekommen haben“.

Bei ihrer Tour durch die ostdeutschen Bundesländer entdeckt Ollroge viele Gemeinsamkeiten zwischen den Einwohnern. „Der größte Feind ist die Angst“, sagt die Künstlerin, „egal, wo ich bin, die Menschen wünschen sich Informationen, sie wollen wissen, was passiert. Das nimmt Ängsten die Grundlage.“

Skurril: Verwechslung mit den Zeugen Jehovas

Neben der Präsenz des Raumes auf den Marktplätzen der jeweiligen Stadt ist auch die fotografische Dokumentation der Reise ein wichtiger Bestandteil. Fotokünstlerin Kathrin Ollroge zeiht mit ihrer Kamera durch die Orte, sucht sich gezielt neue Gesprächspartner. Dabei entwickelt sich im Laufe des Projekts „Raum für Gedanken“ auch die Macherin stetig weiter. „Noch vor einem Jahr habe ich mich nicht getraut, direkt auf geflüchtete Menschen zuzugehen und diese zu interviewen“, sagt sie, „das mache ich jetzt ständig, weil ich gemerkt habe, dass viele Asylsuchende unbedingt reden wollen.“

Die Eindrücke, welche im „Raum für Gedanken“ gesammelt werden, sollen am Ende publiziert werden. „Doch im Oktober werden wir noch weiter unterwegs sein und sammeln“, sagt Kathrin Ollroge. Skurrile Begegnungen bleiben dabei nicht aus. „Ich weiß nicht, warum, aber mich halten viele Menschen für eine Zeugin Jehovas“, sagt Vanessa Birkner lachend. Schlimm findet die 44-Jährige das nicht: „Während ich dieses Missverständnis aufkläre, ergibt sich fast von selbst ein Gespräch.“

Von Saskia Popp

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