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Geschichten, die noch keiner kennt

Bergholz-Rehbrücke Geschichten, die noch keiner kennt

Beim Oldie-Treff in der Alten Schule in Bergholz werden Lieder angestimmt und Geschichten erzählt, die in keinem Buch stehen. Die Oldies sind 75 bis 93 Jahre alt und können noch berichten, wann es in Bergholz-Rehbrücke die erste Leuchtreklame gab und wie es einem Findelkind erging, das am 22. Mai 1923 gefunden wurde.

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Beim Singen: Angela Sfinis, Tochter Eleni-Alexandra Frank, Georges Sfinis, Nanni Kirchner und Kurt Baller (v.l.).

Quelle: Jens Steglich

Bergholz-Rehbrücke. Eigentlich ist Kurt Baller mit seinen 68 Jahren viel zu jung für den Oldie-Treff. Er kam zunächst auch nur her, um von Geschichten aus dem Heimatort zu erfahren. Der Rehbrücker Autor stellte dann immer sein Aufnahmegerät an und hörte den Oldies zu, wenn sie von alten Zeiten redeten. „Da werden tolle Geschichten erzählt, die man in keinem Buch findet“, sagt er. Inzwischen ist Baller fester Bestandteil der Oldies, bringt zum Treff neben dem Diktiergerät die Gitarre mit ins Nuthetaler Mehrgenerationenhaus, um mit Vertretern der ältesten Generation des Heimatortes auch zu singen.

Zwischen 75 und 93 Jahren sind sie alt, die Oldies, die sich jeden letzten Montag im Monat treffen. Bei schönem Wetter sind sie zu elft, bei Straßenglätte ein paar weniger. Viele kennen ihren Treffpunkt schon aus Kindheitstagen, als das Mehrgenerationenhaus noch die Alte Schule von Bergholz war. Da ist zum Beispiel Georges-Emile Sfinis (93), der Sohn eines griechischen Generalarztes, der nach Deutschland emigrierte und in den 1920er Jahren in Bergholz-Rehbrücke bekannt wurde, weil er immer am 25. März – zum Nationalfeiertag der Griechen – an seinem Haus die Fahne der Hellenen hisste. Der Sohn kam 1929 in die Alte Schule, saß wegen einer Augenschwäche im Klassenzimmer in der ersten Reihe. Dort gab es den Stromanschluss für die Leselampe, die ihm half, die Schrift besser zu erkennen.

Der heute 93-Jährige verließ 1947 Bergholz-Rehbrücke in Richtung Niedersachsen und lernte dort seine Frau kennen, mit der er 2012 zurückkehrte. Jetzt sitzt er einmal im Monat mit ihr in seinem früheren Klassenzimmer – beim Oldie-Treff. Beim Singen bringt Angela Sfinis (92) anderes Liedgut mit ein. Kein Wunder: Geboren wurde sie in Gentgen im Kreis Johannisburg, viel Zeit verbrachte sie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Von der Stadt Lübeck bekam sie eine Aufenthaltsgenehmigung – als Deutsche. Die Amtsmänner dachten an Südafrika, als sie im Ausweis von Johannisburg lasen. Ihr Johannisburg war ein Landkreis in Ostpreußen.

Als Georges Sfinis 2012 zu seinem ersten Oldie-Treff geht, wird der Sohn eines Griechen, der Griechenland nie gesehen hat, mit Umarmungen begrüßt – von Käthe Schulz. „Käthe wollte ihn gar nicht mehr loslassen“, erzählt Eleni-Alexandra Frank, die Tochter von Sfinis, die ihre Eltern mit dem Auto zum Oldie-Treff fährt. Käthe Schulz ging mit dem Vater in eine Klasse. Ihren Klassenkameraden hatte sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen und in der Alten Schule wiedergetroffen. Sie war die erste Schülerin, die einen Füllfederhalter mit goldener Feder hatte. Die goldene Feder wurde später für den Ehering geopfert. Käthe Schulz, die sich als Kind angewöhnt hatte, ihren Vornamen ohne „h“ zu schreiben und bis an ihr Lebensende dabei blieb, ist im vergangenen Jahr gestorben. „Für uns war es ein großer Verlust“, sagt Kurt Baller. Er arbeitet an einem Buch, das den Titel tragen soll: „So war Bergholz-Rehbrücke?!“ Material dafür lieferten ihm die Oldies. Von Käthe Schulz erfuhr er etwa, dass es in Bergholz-Rehbrücke 1936 die erste Lichtreklame gab – am Schreibwarenladen von Fräulein Schock am Luchgraben. Dort war in Leuchtschrift zu lesen: „Schreibste ihr, schreibste mir, schreibste auf MK-Papier!“ Das war Schreibpapier der Dürener Firma Max Krause.

Anrührend ist auch die Geschichte von Dorothea Strasse, die bei einem Oldie-Treffen erzählte, wie sie am 22. Mai 1923 als Findelkind im Hotel „Bernburger Hof“ in der Nähe des Anhalter-Bahnhofs in Berlin gefunden wurde. In den Papieren stand, dass sie einen Tag alt war. Ihre Pflegeeltern holten sie mit drei Monaten aus dem Waisenhaus.

Als sie 1943 den Stabsgefreiten Gerhard Strasser heiraten will, soll sie beim Standesamt einen Nachweis über ihre arische Herkunft beibringen. Da ihre leiblichen Eltern unbekannt sind, bleibt ihr der Gang nach Berlin zum Sippenforschungsamt nicht erspart. „Dort musste ich meine Geschichte darlegen und wurde nackend fotografiert. So sollte festgestellt werden, ob ich irgendwelche jüdischen Merkmale hätte.“ Drei Tage vor der Hochzeit erhält sie einen versiegelten Brief, den sie beim Standesamt in Potsdam vorzulegen hat. Erst am Tag der Trauung öffnet der Standesbeamte ihn. Das Paar darf heiraten. Es gehört wohl zu einem Oldie-Treff dazu, dass der Tod kein vages Ereignis ist, mit dem man erst in ferner Zukunft zu tun bekommt: Dorothea Strasse ist 2016 gestorben. „Das Singen gibt uns ein bisschen Kraft“, sagt Nanni Kirchner. Immer wenn die Oldies genug geredet haben, fangen sie an zu singen – Lieder und Schlager aus der Jugendzeit. Beim Presse-Besuch stimmen sie diese Zeilen an: „Müde kehrt ein Wandersmann zurück nach seiner Heimat Liebesglück...“ Für Nanni Kirchner ist das Singen zur Hauptsache geworden. Dann kommen auch Erinnerungen hoch – etwa an die Zeit, als die Alte Schule ein Wohnhaus war. Die 77-Jährige wohnte von 1970 bis 1980 im Obergeschoss, wo heute Nuthetals Jugendverein „Die Brücke“ sitzt. Sie erzählt von schönen Festen im benachbarten Dorfkrug und von der 750-Jahrfeier von Bergholz 1978, als auf der Straße Schneewalzer getanzt wurde. 1980 zog sie aus der Alten Schule aus: Die Wohnung war im schlechten Zustand. „Wenn es damals so wie heute gewesen wäre, ich wäre nicht ausgezogen“, sagt sie.

Nuthetals Mehrgenerationenhaus

Die Alte Schule in Bergholz wurde am 1. Oktober 1894 eröffnet.

2014 war der 120. Geburtstag des Hauses mit einem großen Fest gefeiert worden.

In Nachwendezeiten drohte die Alte Schule zu verfallen. Bis die rettende Idee kam, das geschichtsträchtige Gebäude in Nuthetals Mehrgenerationenhaus zu verwandeln.

Das Mehrgenerationenhaus gibt es seit 2006. Es ist heute eine der wichtigsten Veranstaltungsstätten in der Gemeinde Nuthetal. An der Sanierung und der erfolgreichen Verwandlung in ein Generationenhaus hatten 27 grauhaarige Männer einen gewichtigen Anteil.

Sie bildeten einen Bautrupp aus Freiwilligen, der in Nuthetal zum Synonym für ungewöhnliches ehrenamtliches Engagement geworden ist und in Kurzform Rentnerbrigade genannt wird.

Die Rentnerbrigade legte sich neun Jahre ins Zeug, um der Alten Schule eine neue Zukunft zu geben.

Infos: www.mehrgenerationenhaus-Nuthetal.de

Von Jens Steglich

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