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Potsdam-Mittelmark So halten es die Fläminger mit der Religion
Lokales Potsdam-Mittelmark So halten es die Fläminger mit der Religion
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18:45 09.06.2016
Blick gen Himmel: Georg Lohmann, Helmut Kauz, Shooresh Fezoni und Burkhard Stegemann (von links nach rechts) Quelle: Saskia Popp
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Bad Belzig

Die vier Männer haben sich einiges vorgenommen. Nicht weniger als die Zukunft der Religionen wolleen sie am Mittwoch Abend in der Aula der Geschwister-Scholl-Grundschule in Bad Belzig klären. Brücks evangelischer Pfarrer Helmut Kautz, Bad Belzig katholisches Pendant Burkhard Stegemann, der muslimische Sozialarbeiter Shooresh Fezoni und Moderator und Zegg-Bewohner Georg Lohmann fanden sich auf dem Podium – oder besser davor.

„Wir wollen eine offene Gesprächsatmosphäre schaffen“, erklärt Georg Lohmann die ungewöhnliche Sitzordnung, bei der Zuhörer und Podiumsgäste auf der selben Ebene im Kreis sitzen, „niemand soll über dem anderen stehen, die Zuhörer werden eingebunden und zum Diskutieren eingeladen.“ Rund 50 Gäste nahmen die Einladung an, sie beteiligten sich rege an der Debatte rund um die Zukunft des Glaubens. Dabei herrschte zwischen den Religionsvertretern grundsätzlich Einigkeit: Der Glaube stirbt nie.

Offene Gesprächsführung dank Stuhlkreis Quelle: Saskia Popp

„Ich gehe fest davon aus, dass es eine Ur-Spiritualität, ein grundsätzliches Hinterfragen bei jedem Menschen gibt“, sagt Shooresh Fezoni. Er ist ein Anhänger des Sufismus, einer mystischen Auslegung des Islam. Geboren in Iran, aufgewachsen in Heidelberg, besuchte Fezoni als Schüler auf Wunsch seines Vaters den evangelischen Religionsunterricht. „Man muss die anderen Religionen kennenlernen und verstehen“, erklärt Fezoni die Beweggründe für diese Entscheidung.

Was ist Sufismus?

Unter dem Begriff Sufismus fasst man asketisch-spirituelle Bewegungen innerhalb der Islam zusammen. Die Spiritualität wird auch als Mystik bezeichnet.

Bis zum 9. Jahrhundert waren die Sufis eine asketische Randgruppe im heutigen Irak. Nach und nach bildeten sich Sufi-Orden, die eine wichtige Säule für die Gewinnung neuer Gläubiger für den Islam bildeten.

Anhänger des Sufismus nennt man Sufi, Sufist oder Derwisch. Der Mittelpunkt der Lehre ist die Liebe – im Sinne der Hinwendung (zu Gott).

Erste Sufi-Orden in Deutschland bildeten sich in den 1920er Jahren. Von den rund 4 Millionen Muslimen in Deutschland sind heute weniger als 10.000 Sufis. Zum Vergleich: es gibt mehr als 2,6 Millionen Sunniten und rund eine halbe Million Aleviten in Deutschland.

Ohne schulischen Religionsunterricht aufgewachsen ist hingegen der Brücker Pfarrer Helmut Kautz. „Der Glaube hat mich zu einem Außenseiter im Arbeiter- und Bauernstaat gemacht“, sagt der in Reetz groß gewordene Kautz. Heute ist er in der Flüchtlingshilfe aktiv, er sieht die enorme Identifikation vieler Zuwanderer mit ihrer Religion.

Welt ohne Religionen undenkbar

„Früher war die Religion ein Privatthema, ein absoluter Gesprächskiller“, sagt Kautz, „heute diskutiert man viel mehr, ich bekomme ständig die Kreuzzüge um die Ohren gehauen und erkläre alles. Ich finde das sehr gut.“ Der katholische Pfarrer Burkhard Stegemann schließlich fand erst als junger Erwachsener wieder zu seinem Glauben. Für ihn ist eine Welt ohne Religion undenkbar: „Ich glaube an die Zukunft des Glaubens, weil ich an Gott glaube.“

Drei Männer, drei Ansichten. Helmutz Kautz, Shooresh Fezoni und Burkhard Stegemann im Gespräch Quelle: Saskia Popp

Das bunt gemischte Publikum in der Aula der Scholl-Schule verfolgte den verbalen Schlagabtausch der Diskutanten gebannt und brachte auch Kritik vor. Auf dem Podium fehle eine atheistische Stimme, die religionskritische Sicht sei unterrepräsentiert, innerhalb der Religionen gebe es ohnehin viel zu kritisieren, so der Tenor der Zuhörer. Eine spontane Umfrage ergab, dass zwar fast alle der rund 50 Gäste einst getauft wurden, jedoch nur noch ein Fünftel von ihnen einer Glaubensgemeinschaft angehört.

Atheist schmerzlich vermisst

Dennoch war die Stimmung nach fast zwei Stunden Podiumsdiskussion gut. „Ich bin erstaunt und positiv überrascht“, sagt Bernd Hölder aus Mörz, „denn hier herrscht der Konsens, dass Spiritualität und persönliche Erfahrungen der Hintergrund des Glaubens sind.“ Er persönlich halte nicht viel von dem Bild des liebenden Gottes, so Hölder weiter, aber der pluralistische Ansatz der Veranstaltung kam bei ihm gut an. „Nach dieser Diskussion glaube ich auch, dass es keine Welt ohne Religionen geben wird“, sagt Hölder.

Bad Belzigs evangelischer Pfarrer Martin Gestrich hatte die Gesprächsrunde initiiert. Wegen seiner schweren Erkrankung – am Tag der Debatte unterzog sich Gestrich einer Operation wegen eines Tumors – vertrat ihn sein Brücker Kollege Helmut Kautz.

Von Saskia Popp

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