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Gong! Ring frei für den Boxer mit dem Eiswagen

Ex-Profi (77) immer noch Verkaufsfahrer Gong! Ring frei für den Boxer mit dem Eiswagen

Wie eine Fata Morgana taucht der blau-weiße VW-Transporter in der Dorfstraße auf. Peter-Klaus Gumpert stoppt sein betagtes Fahrzeug, greift zur Handglocke und schellt zwei Mal kräftig: Der Eismann ist da! Und was für einer. Mit 77 dürfte Gumpert der älteste Verkaufsfahrer in ganz Brandenburg sein. Und ein berühmter dazu. Gumpert war mal Profiboxer.

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Peter-Klaus Gumpert in seinem Eiswagen.

Quelle: Foto: Frank Bürstenbinder

Bücknitz. Es ist wieder ein heißer Tag. Über dem Asphalt flimmert die Luft. Wie eine Fata Morgana taucht der blau-weiße VW-Transporter in der Dorfstraße auf. Peter-Klaus Gumpert stoppt sein betagtes Fahrzeug, greift zur Handglocke und schellt zwei Mal kräftig: Der Eismann ist da! Und was für einer. Mit 77 dürfte Gumpert der älteste Verkaufsfahrer in ganz Brandenburg sein. Wenn er sich lautstark ankündigt, wackeln Gardinen, öffnen sich Hoftore, vergessen Kinder ihr Spielzeug.

Handschuhe im Café

Peter-Klaus Gumpert begann mit dem Boxen als Jugendlicher bei der BSG Turbine Bewag in Ostberlin. Er erlernte den Zimmererberuf und ging nach Westberlin, wo er von 1959 bis 1965 eine Profi-Karriere absolvierte. Er wurde Deutscher Meister im Halbschwergewicht und verteidigte den Titel drei Mal. Das Aus kam am 8. Juli 1965 bei einem unfairen Kampf um die Europameisterschaft in Rom. Gegner Giulio Rinaldi verletzte Gumpert so schwer, dass dieser seine Boxer-Laufbahn für immer beendete. Seine Handschuhe hängen noch heute im Bücknitzer Café.

Das Eis ist selbst gemacht. Seit elf Jahren betreibt der gebürtige Berliner mit dem markanten Schnauzbart in Bücknitz ein Café. Dort kommt der kalte Nachschub für die Überlandfahrten her. Mal zuckelt Gumpert in Richtung Wusterwitz, ein anderes Mal nach Wenzlow. Fast täglich baut der rüstige Eismann Groß Briesen in seinen Tourenplan ein. Die Kinder auf dem Reiterhof sind dankbare Kunden. Hauptsächlich jedoch wird der mobile Eisverkäufer von Veranstaltern gemietet. Bei vielen Dorffesten und Feuerwehrjubiläen darf sein Eis nicht fehlen.

Bis zu 16 Eissorten

An Bord seines Transporters sind bis zu 16 verschiedene Sorten. Besonders häufig greift Gumpert mit seinen Portionierer zum Klassiker Schoko-Vanille. Die Kugel für 80 Cent. Seine Lieblingskombination ist Joghurt-Kirsch, ein Renner in dieser Saison. Einen Eiswagen zu unterhalten ist ein schwieriges Geschäft. Ausgerechnet die große Hitze ist ein Feind der Branche. „Wenn es über 35 Grad geht, wollen die Leute lieber etwas trinken. Den besten Absatz habe ich bei 23 bis 25 Grad“, berichtet Gumpert.

Peter-Klaus Gumpert (links) in seiner aktiven Zeit im Ring

Peter-Klaus Gumpert (links) in seiner aktiven Zeit im Ring.

Quelle: Gumpert Archiv

Ist es dagegen kühl und regnerisch, bleibt der Eismann ebenfalls auf seiner Ware sitzen. Über die Konkurrenz aus den Supermärkten mag der Bücknitzer erst gar nicht nachdenken. „So billig kann ich nicht. Ich punkte dafür mit Eis aus eigener Herstellung“, so Gumpert. Warum er sich in seinem Alter nicht längst zur Ruhe setzt, hat einen simplen Grund: „Es macht mir Spaß. Ich freue mich, wenn die Leute zu mir an die Verkaufsluke kommen und mit einem glücklichen Gesicht ihr Eis in die Hand nehmen.“

Seit 35 Jahren Eis-Experte

Gumpert weiß, wovon er spricht. Seit 35 Jahren macht der Mann in Speiseeis. Vor der Wende betrieb er zusammen mit Lebensgefährtin Sonja Niegsch ein gut gehendes Café in Westberlin unweit vom KaDeWe. Weil nach 1990 die Mieten explodierten, baute sich das Paar aus einer ruinösen Hofstelle in Bücknitz eine neue Existenz auf.

Das Leben von Peter-Klaus Gumpert wäre mit Sicherheit anders verlaufen, wäre er nicht am 8. Juli 1965 im römischen Luxushotel Cavalieri Hilton vor Giulio Rinaldi in die Knie gegangen. Gumpert war damals Profi-Boxer und mehrfacher Deutscher Meister. Es ging um den Europameistertitel im Halbschwergewicht. Nach einer Serie von brutalen Nieren- und Nackenschlägen die Rauhbein Rinaldi austeilte, warf Gumperts Manager in der 13. Runde das Handtuch. Der Berliner kam ins Krankenhaus, der Italiener ließ sich als Sieger feiern. Die deutsche Presse schäumte vor Wut über Rinaldi und den Ringrichter.

Gumpert beendete nach der Niederlage seine Karriere, versuchte sich mit einem Getränkevertrieb und später mit Sand und Kies. „Beim Eis blieb ich hängen. Meine Schwester hatte einen Italiener geheiratet. Der brachte mir von der Pieke auf alles bei“, erinnert sich Gumpert. Dann schließt er die Kühlbehälter, schwingt sich auf den Fahrersitz und steuert den nächsten Dorfplatz an. Vielleicht kann er was verkaufen. Es soll heiß bleiben.

Von Frank Bürstenbinder

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