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„Grasende Schafe haben etwas Beruhigendes“

Stücken „Grasende Schafe haben etwas Beruhigendes“

Grasende Schafe haben etwas Beruhigendes, findet der Stückener Schäfer Klaus Rohne. Er ist in der Region einer der letzten Mohikaner in der Schäferzunft. Bei ihm haben es die Schafe nicht mit Hütehunden zu tun, sondern mit Katze Emma. Und in der Schafherde gibt es Nuckel, den jungen Schafsbock, der Rohne nicht von der Seite weicht.

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Klaus Rohne führt seine Herde auf die Weide,sobald der Tau abgetrocknet ist. Gleich hinter ihm läuft Nuckel, der junge Schafsbock, den der Schäfer mit der Flasche großgezogen hat.
 

Quelle: Jens Steglich

Stücken.  Wenn Klaus Rohne mit dem Auto vorfährt, steht am Eingangstor zum Stallgelände meistens schon Nuckel und wartet auf ihn. Der junge Schafsbock erkennt die Autogeräusche. Für Nuckel ist Klaus Rohne so etwas wie eine Ersatzmutter. Der Stückener Schäfer hat ihn mit der Flasche großgezogen, weil die leibliche Mutter nicht genug Milch geben konnte. Würde er mit Nuckel durch Potsdam spazieren, er bräuchte keine Leine für das Tier. Das inzwischen anderthalb Jahre alte Schaf, das seinen Namen den Enkelkindern Rohnes zu verdanken hat, weicht nicht von seiner Seite, auch wenn der Trubel groß ist wie zum Festumzug zur 700-Jahrfeier in Stücken, als der Schäfer sozusagen als einer der letzten Mohikaner seiner Zunft die Fahne der Schafshalter hochhielt und mit Nuckel durchs Zuschauerspalier lief. „Die Prägung und Vertrautheit der ersten 14Tage bleibt ein Leben lang“, sagt Rohne. Seinen Schützling hatte er beim Festumzug nur angeleint, weil auch Leute mit Hunden am Straßenrand standen.

Nuckel steht normalerweise tagsüber mit der Herde auf den Weiden am Ortsrand von Stücken, die Rohne gepachtet oder erworben hat. Früher hatte er noch seinen Hütehund Chico dabei – benannt nach Chico, dem jungen Helden aus dem Film „Die glorreichen Sieben“, den Horst Buchholz spielte. Früher hatte Rohne aber auch noch bis zu 250 Tiere inklusive Lämmer auf den Wiesen. „Wenn 180 Tiere auf Chico zukamen, hat der Hund manchmal Schiss gekriegt“, erzählt er. Einen Teil seiner Schafe hat er verkauft. „Ich werde nächstes Jahr 70. Irgendwann muss man kürzer treten“, sagt Rohne und fügt später doch hinzu: „Einmal Schäfer, immer Schäfer.“

27 Schafe sind es jetzt noch, die immer vormittags, wenn der Tau von den Wiesen abgetrocknet ist, vom Stall auf eingezäunte Weiden geführt werden. Die Schafe spurten dann los, als hätte man ihnen das Tor zum Paradies geöffnet. „Sie laufen zu den Flächen mit dem besten Futter“, sagt der Schäfer. Abends kehren die Tiere von allein aufs Stallgelände zurück. Klaus Rohne braucht keinen Hütehund mehr, der sie nach Hause holt. Er muss abends nur noch das Tor zur Weide schließen.

Hund Chico ist vor vier Jahren gestorben. Die Schafe haben es jetzt mit einer Katze zu tun. Emma, die Katze, lebt bei den Schafen und übernachtet auch bei ihnen im Stall. Familie Rohne hat einige Katzen auf dem Hof in der Zauchwitzer Straße. Kater Bernstein soll Emma vom Hof vertrieben haben. „Sie ist mir dann irgendwann zu den Schafen gefolgt und wollte dort nicht mehr weg“, erzählt der Schäfer im Nebenerwerb, wie es im Fachjargon des Finanzamtes heißt, wenn Schafhalter zwei finanzielle Standbeine brauchen. Schafhaltung ist so aufwendig, dass die ganze Familie einbezogen wird, sagt Rohne. Und: „Der Aufwand ist groß, der Ertrag klein.“ Rohne ist studierter Gartenbauingenieur und hat jahrelang als Gärtner für Wohnungsverwaltungen gearbeitet. Heutzutage auch noch Schafe im Nebenerwerb zu halten, stellt er sich schwierig vor. „Die Arbeitszeit verlagert sich weiter nach hinten. Wenn sie dem Chef heute sagen: Ich muss nach Hause, Schafe hüten, hält er sie wahrscheinlich für verrückt.“ Schafe halten ist nicht mehr modern und in der Region inzwischen eine Rarität. Rohne glaubt, dass künftig nur noch Großbetriebe mit 1000 und mehr Tieren wirtschaftlich arbeiten können. „Die mittleren Betriebe werden nach und nach wegbrechen.“ Geld verdient der Schäfer nur noch mit den Lämmern, deren Fleisch begehrt ist. Zu DDR-Zeiten war die Wolle auch für kleine Schafshalter noch ein einträgliches Geschäft. „Pro Kilo Wolle gab es 50 bis 70 DDR-Mark, für die Feinwolle mitunter mehr“, erzählt er. Heute seien es 0,80 bis 1,20 Euro je Kilo.

Angefangen hat alles 1980 mit den Schafen Locki und Flocki. Locki hieß so, weil es längeres Haar hatte. Mit seinen zwei Mutterschafen fuhr er nach Beelitz, um für Nachwuchs zu sorgen. Ein kleiner Zuchtverein in der Spargelstadt hatte den passenden Bock, um die Schafherde zu vergrößern. In Nachwendezeiten stieg Rohne größer ein, weil es möglich wurde, Weideflächen zu kaufen und zu pachten. Er stand dann auch mit seinen Schafen auf fremden Wiesen, um sie zu pflegen und abzugrasen. Schafe tun dem Boden gut. Man spricht vom goldenen Tritt. Auf Deichen zum Beispiel verdichten sie den Boden und vertreiben die Wühlmäuse. Ihre Gänge werden durch die Tritte zerstört. „Und die Wühlmäuse sind mit den Nerven fertig und suchen das Weite“, sagt der Schäfer.

Dass es ihn zu den Schafen gezogen hat, ist kein Zufall. „Ich denke gerne mal nach. Wenn man bei den Schafen steht, hat man Zeit zum Nachdenken“, sagt er. „So eine grasende Schafherde hat auch etwas Beruhigendes“, findet er. Die Langsamkeit und Ursprünglichkeit stirbt zwar aus wirtschaftlichen Gründen langsam aus, entfaltet in hektischen Zeiten aber offenbar einen besonderen Zauber. „Wenn Menschen mich und die Schafe sahen, waren sie entzückt“, sagt Rohne. In seiner Familie sind es vor allem die Enkelkinder, die sich über die Schafe freuen. Sie setzen dem Opa auch Grenzen, wenn es darum geht, Geld mit den Schafen zu verdienen. Er hatte seinen Schafen irgendwann keine Namen mehr gegeben, weil es zu viele waren und es schwerer fällt, Schafe mit Namen schachten zu lassen. Jetzt sind es die Enkel, die den Tieren Namen geben. Das ist wie eine Lebensversicherung: Nuckel zum Beispiel darf niemals verkauft oder geschlachtet werden. „Dann würden meine Enkel nicht mehr mit mir reden“, sagt der Schäfer.

Der Wolf und die Schafe

Klaus Rohne und seine Schafe hatten noch keine Berührung mit Wölfen. Die Tiere weiden hinter Elektrozäunen.

Als Schäfer und Naturfreund ist Rohne im Zwiespalt: „Der Wolf gehört zur Natur, aber wir hatten uns daran gewöhnt, dass er nicht mehr da ist.“

Sollten Schafe von ihm gerissen werden, wäre der Ärger groß, sagt er, spricht dem Wolf die Daseinsberechtigung ab nicht ab. Den Satz – „ihr bekommt ja eine Entschädigung“ – hält er für großen Mist. „Ich halte Schafe ja nicht für den Wolf“, sagt der Schäfer.

 

Von Jens Steglich

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