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Grenze der Belastung scheint erreicht

Freiwillige Feuerwehr Grenze der Belastung scheint erreicht

Nach dem furchtbaren Unfall vom 5. September, bei dem zwei ehrenamtliche Feuerwehrmänner aus Lehnin im Einsatz ihr Leben verloren, brennt die Debatte auf über Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehren durch hauptamtliche Kräfte. Die MAZ hat sich bei Feuerwehrmännern erkundigt, was sie davon halten. Einig sind sich alle: So wie jetzt kann es nicht mehr weitergehen.

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Ein ehrenamtlicher Feuerwehrmann am 30. Mai inmitten des Chaos eines tödlichen Unfalls auf der Autobahn 2 bei Wollin.

Quelle: Christian Griebel

Westbrandenburg. Mehr Hauptamtler für die Feuerwehren: Das wird zwischen Innenministerium und Feuerwehrverband diskutiert. Wie sehen es die Feuerwehrmänner? Auf den Autobahnabschnitten im Land kracht es manchmal mehrmals am Tag. Am 5. September starben dort im Einsatz zwei junge ehrenamtliche Feuerwehrmänner aus Lehnin. Die Grenze an Belastung für das ehrenamtliche Rettungswesen scheint fast überschritten.

„Warum müssen Feuerwehrleute, die freiwilligen Dienst tun, solch gefährlichen Dienst tun?“ Diese Frage stellte Ministerpräsident Dietmar Woidke bei der Trauerandacht am 15. September. Viele hundert Feuerwehrmänner aus dem ganzen Land waren zur Trauerfeier gekommen. Die Freiwillige Feuerwehr Lehnin ist weiterhin auf unabsehbare Zeit aus dem Alarmplan der Einsatzleitstelle herausgenommen, um die Mitglieder nach dem tödlichen Unglück ihrer Kameraden zu schonen. Das teilte Potsdam-Mittelmarks Kreisbrandmeister Herbert Baier mit.

Herbert Baier ist ehrenamtlicher Kreisbrandmeister von Potsdam-Mittelmark

Herbert Baier ist ehrenamtlicher Kreisbrandmeister von Potsdam-Mittelmark.

Quelle: Danilo Hafer

Baier begrüßt die Überlegungen, die freiwilligen Feuerwehren durch hauptamtliche Kräfte zu verstärken. Baier ist angestellt beim Fachdienst Brand- und Katastrophenschutz des Landkreises, übt aber seine Tätigkeit als Kreisbrandmeister ehrenamtlich aus. „Kreisbrandmeister sollte ein hauptamtlicher Job sein.“ Die Einsatzbereitschaft der freiwilligen Feuerwehren am Tag durch hauptamtliche Kräfte abzusichern, „das es ein guter Weg“. In den Kommunen Verwaltungsjobs an eine Tätigkeit bei der Feuerwehr zu knüpfen, „wird nicht ausreichen“. Die Ausrückezeit zum Einsatz würde zu lang. Allein in Potsdam-Mittelmark wären drei Berufsfeuerwehren an den Autobahnen wünschenswert, so Baier. Zudem plädiert er dafür, in jeder Kommune eine Stützpunktfeuerwehr mit hauptamtlichen Kräften zu schaffen, die acht Stunden am Tag die Einsatzbereitschaft abdecken.

Heiko Müller, Bürgermeister in Falkensee, und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr

Heiko Müller, Bürgermeister in Falkensee, und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.

Quelle: Carsten Scheibe

Heiko Müller, Bürgermeister von Falkensee, betont die Tageseinsatzbereitschaft der Feuerwehr. „Hier ist immer ein Staffel mit sechs Leuten einsatzbereit“, sagt er. Und zwar abgedeckt von hauptamtlichen Leuten, die Teil der Freiwilligen Feuerwehr sind. Falkensee hat sich vor Jahren dagegen entschieden, neben der Freiwilligen Feuerwehr eine Berufsfeuerwehr aufzubauen, um technisch und organisatorische Verluste zu vermeiden. Inzwischen gibt es in Falkensee die hauptamtlichen Kräfte, die von 6 bis 22.30 Uhr die Wache besetzen. Danach und an Wochenenden besetzen die rein freiwilligen Feuerwehrleute die Wache. Ziel ist es, in Falkensee bis zum Jahr 2020 die Wache rund um die Uhr und an sieben Tagen der Woche mit hauptamtlichen Kräften zu besetzen. „Auf die freiwilligen Feuerehrleute können wir auch dann nicht verzichten, sie sind nötig zur Verstärkung im Bedarfsfall“, sagt Müller, selbst Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Die freiwillige Feuerwehr zählt rund 70 Mitglieder und 26 hauptamtliche Feuerwehrleute. Mit der Rund-um-Wache sollen die freiwilligen Feuerwehrleute auch entlastet werden, klingelt doch der Piper für die Falkenseer rund 150 Mal im Jahr. Es ist nicht einfach, neue Mitstreiter für diese schwere Aufgabe zu finden. Aber auch bei einer 24-Stunden-Wache bleiben sie unverzichtbar, sagt Heiko Müller.

Oliver Lienig ist Vize-Stadtbrandmeister in Rathenow – und zusammen mit Stadtbrandmeister Jörg Eichmann verantwortlich für über 160 aktive Feuerwehrleute. Als Ehrenamtler. Seit Jahren plädiert er dafür, die Spitze der Wehrführung mit hauptamtlichen Mitarbeitern zu besetzen. Abgesehen vom akuten Einsatzgeschehen sei der bürokratische Aufwand, die Arbeit einer solch großen Gruppe zu organisieren, enorm. „Wenn Menschen sich hauptamtlich kümmern würden, könnten Dinge, die heute wegen Zeitmangels zu kurz kommen – das Organisieren von Lehrgängen, die Jugendarbeit, die Weiterbildung – intensiver behandelt werden“, sagt Lienig. Wegen steigender Anforderungen gehe kein Weg daran vorbei, die Stützpunktfeuerwehren hauptamtlich führen zu lassen, sagt Lienig.

Oliver Lienig, Vize-Stadtbrandmeister aus Rathenow

Oliver Lienig, Vize-Stadtbrandmeister aus Rathenow.

Quelle: Kniebeler, Markus

Und der Vize-Stadtbrandmeister greift einen weiteren Vorschlag auf, der diskutiert wird: Angestellte der Verwaltung mit Feuerwehraufgaben zu betrauen. „Ich denke da weniger an die Sachbearbeiter, die möglicherweise an Terminsachen arbeiten und deshalb unabkömmlich sind“, sagt Lienig. Mitarbeiter auf Bauhöfen oder Friedhöfen könnten bei einer Feuerwehrausbildung zum Brandschutz verpflichtet werden. Der Vorteil sei, dass man schnell auf sie zurückgreifen könne. „Es stirbt niemand davon, wenn eine Hecke morgen statt heute geschnitten wird“, sagt Lienig. „Aber wenn beim Brand Einsatzkräfte fehlen, kann das lebensgefährlich werden.“

Tino Bastian, Amtsbrandmeister von Niemegk, sagt: „Die Unterscheidungen zwischen ‚Profis‘ und freiwilligen Feuerwehrleuten ist eine Abwertung der Leistungen in den Ortswehren. Noch nie gab es Situationen, in denen wir etwas nicht geschafft hätten. Tragische Unfälle wie kürzlich auf de A2 lassen sich auch mit hauptamtlichen Strukturen nicht verhindern“, sagt Bastian. Es sollte aus dem Ereignis heraus nicht in Aktionismus verfallen werden. „Das Thema ist nicht neu, es muss in Ruhe und umfassend diskutiert werden.“ Viele Dinge könnten zur Entlastung freiwilliger Wehren gerade bei Autobahneinsätzen wie auf unserer A 9 geregelt werden, wenn vorhandene Strukturen gestärkt werden.“

Polizei und Autobahnmeisterei sollten personell und technisch in die Lage versetzt werden, zum Beispiel Absicherungen mit Schilderwagen vorzunehmen. „Der Bereitschaftsdienst der Straßenmeisterei braucht derzeit aber eine Vorlaufzeit von bis zu zwei Stunden“, sagt der Niemegker Amtsbrandmeister. Ausschließlich ehrenamtlich koordiniert Bastian die Belange von rund 360 aktiven Einsatzkräften in 16 Ortswehren. Fünf davon haben Autobahnabschnitte zu betreuen. Das Amt Niemegk versucht, bei Einstellungen von Mitarbeitern, solche zu bevorzugen, die Mitglied einer Feuerwehr sind. Aktuell trifft dies auf drei Kollegen der Verwaltung und einen Mitarbeiter des Bauhofes zu.

Tino Bastian, Amtsbrandmeister von Niemegk

Tino Bastian, Amtsbrandmeister von Niemegk.

Quelle: M. Greulich

Das Amt Brück hatte sich bereits vor gut zehn Jahren entschieden, eine Stelle für einen hauptamtlichen Brandschutzkoordinator zu schaffen. Die bekleidet Uwe Paul. Paul ist weiterhin parallel als Amtsbrandmeister ehrenamtlich tätig. Zuständig ist er für 360 Kameraden in 14 freiwilligen Feuerwehren zwischen Linthe und Golzow und für behördliche Aufgaben zum Brandschutz. Ihm wurde dafür 2007 eine Planstelle zugewiesen.

Uwe Paul plädiert dafür, die jetzigen Strukturen der Freiwilligen Feuerwehren grundsätzlich nicht in Frage zu stellen. Dennoch könnte es helfen, wenn für bestimmte Funktionen wie Geräte- oder Funkwarte überall hauptamtliche Kräfte beschäftigt werden. In einigen Orte des Hohen Flämings ist dies der Fall, wie in Bad Belzig und Treuenbrietzen. Vorstellen kann sich Paul auch eine „Bereitschaftsstaffel“ aus Mitarbeitern der Kommunen, die tagsüber die Einsatzbereitschaft garantiert. Die Belastung für die ehrenamtlichen Kräfte müssten jedoch auch dadurch reduziert werden, indem die Ursachen schwerer Unfälle gerade auf Autobahnen reduziert werden – etwa durch Verlegung von Güter- und Gefahrguttransporten auf die Bahn, „wo es viel bessere Sicherheitsvorkehrungen gibt, als bei Lastwagen“, so Paul. Gut sei es, dass die Debatte dazu angesichts der aktuellen Ereignisse „neu angestoßen wurde“. Durch Aktionismus dürfe sie „aber nicht in vier Wochen wieder vergessen sein“.

„Freiwillige Feuerwehren werden unverzichtbar bleiben“

Michael Mirschel, Amtsbrandmeister von Rhinow, fordert: „Zur Sicherung der Einsatzbereitschaft unserer Freiwilligen Feuerwehren müssen wir neue Wege gehen. Die Freiwilligen Feuerwehren werden unverzichtbar bleiben, und man muss den Betrieben danken, die sie für den Einsatz freistellen. Das allein wird aber nicht mehr ausreichen. Wenn die Voraussetzungen stimmen, sollten offene Stellen in der Verwaltung durch Feuerwehrleute besetzt werden. Feuerwehrleute im Bauhof zu haben hat den Vorteil, dass sie auch Äste und andere kleine Schäden beiseite räumen können, ohne dafür die Feuerwehr zu alarmieren. Auf diese Weise sind im Amt Rhinow jährlich bis zu 15 Feuerwehreinsätze vermeidbar. Ich bin Ordnungsamtsleiter in Rhinow und Amtsbrandmeister. Das hat sich bewährt. Ehrenamtliche Amtsbrandmeister sollten in der Verwaltung angestellt sein.“

Uwe Roßner ist mit seinen ehrenamtlichen Feuerwehrkameraden aus Zieser in diesem Jahr bereits zu 40 Einsätzen auf der Autobahn ausgerückt

Uwe Roßner ist mit seinen ehrenamtlichen Feuerwehrkameraden aus Zieser in diesem Jahr bereits zu 40 Einsätzen auf der Autobahn ausgerückt.

Quelle: S. Zimmermann

Uwe Roßner ist seit 23 Jahren ehrenamtlicher Chef der Freiwilligen Feuerwehr Ziesar. In diesem Jahr schon hatten die 24 aktiven Kameraden bereits 40 Einsätze auf der Autobahn 2. „So schlimm wie derzeit war es noch nie.“ Die Einsatzbereitschaft tagsüber „sieht schlecht aus, die meisten arbeiten außerhalb“. Deswegen würden die Feuerwehren Bücknitz, Wenzlow und Wollin nachalarmiert bei Unfällen auf der A 2. „Es wäre nicht schlecht, wenn wir hauptamtliche Kräfte zur Verfügung hätten.“

So sieht es auch Ronald Melchert, der Wusterwitzer Amtsbrandmeister: „Die Arbeit wird auf Freiwillige abgewälzt.“ Hauptamtliche Kräfte bei jedem Amt und jeder Gemeinde zur Absicherung der Einsatzbereitschaft am Tage und zur Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehrleute in der Nacht, schlägt Melchert vor. „Die Freiwilligen machen einen super Job, aber Hauptamtliche wären noch schneller an den Einsatzorten.“

 

Von Marion von Imhoff, Markus Kniebeler, Thomas Wachs, Joachim Wilisch und Marlies Schnaibel

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