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Potsdam-Mittelmark Großer Ansturm bei der Tafel in Werder
Lokales Potsdam-Mittelmark Großer Ansturm bei der Tafel in Werder
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02:15 18.01.2018
Bei der Tafelausgabe in der Tee- und Wärmestube in Werder kann es auch mal hektisch werden. Quelle: Luise Fröhlich
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Werder

Mit einer leeren Reisetasche in der Hand geht Nicki den Gang hinunter. Bis zur gestrichelten Linie, weiter darf sie nicht. „Für vier Euro, bitte“, sagt sie und reicht die Tasche über den Tisch. Es ist zwölf Uhr. Gerade hat die Tafelausgabe der Tee- und Wärmestube in Werder ihre Pforten geöffnet. Auf der anderen Seite der Linie warten Leiterin Martina Müller und vier ehrenamtliche Helfer auf die „Klienten“, wie die Hilfsbedürftigen in der Stube heißen. „Willst du Eier? Brauchst du Butter?“, fragt Martina Müller, während sie nach Kartoffelsalat, Joghurt und einer Packung Fleisch greift. Dann reicht sie die Reisetasche weiter an die beiden Männer, die sie mit Obst und Gemüse füllen.

Für die 23 Jahre alte Nicki ist die Tafelausgabe kein Ort, an dem sie sich unwohl fühlt. Es ist ihr Supermarkt. „Ich habe kein Problem damit, hier einzukaufen. Früher habe ich mich geschämt, aber jetzt nicht mehr“, sagt sie. Seit etwa drei Jahren kommt Nicki immer mal wieder in die Tee- und Wärmestube im Herzen der Blütenstadt. Zurzeit ist sie arbeitslos, hat sich aber als Putzkraft beworben und wartet darauf, dass eine Stelle frei wird. Ihre Betreuerin erzählt von einem langen Weg, bis Nicki die Scham ablegte, zur Tafelausgabe zu gehen. „Ich komme jetzt gern hierher und bin einfach nur froh, dass ich Lebensmittel habe“, sagt sie und schultert ihre Tasche.

Supermärkte fahren die Ehrenamtler täglich selbst ab

Im Raum der Tafelausgabe ist es eine Viertelstunde später deutlich hektischer geworden. Die zunächst voll gepackten Kisten und Tische lichten sich. Nickis Wünsche und die der anderen Stammgäste kennt Martina Müller (62) genau, sowie Allergien und Unverträglichkeiten. An manchen Tagen kommen 25 Klienten zur Ausgabe. Bestellen sie an der Kasse das volle Programm, bekommen sie eine Tüte mit Brot oder Brötchen, eine Ladung Obst und Gemüse sowie frische Lebensmittel und auf Wunsch auch Süßes.

Tafelausgabe in der Tee- und Wärmestube in Werder. Quelle: Luise Fröhlich

Schnell werden sämtliche Tüten befüllt. Jeder Handgriff sitzt. Die Freiwilligen sind auch die, die täglich zu den Discountern und Supermärkten fahren, um übrig gebliebene Lebensmittel einzusammeln. Für zwei Euro werden die Hilfsbedürftigen an der Tafelausgabe bedient. Wer mehr möchte, legt einen oder zwei Euro drauf. „Wenn jemand kein Geld hat, wird er aber nicht abgewiesen“, erzählt Martina Müller.

„Viele Klienten gehören zum Inventar“

Nach einer halben Stunde sind die Hälfte der Boxen leer und der große Ansturm vorbei. Langsam beginnen die Helfer damit, die Ausgabestelle zu säubern. Mit dabei ist auch Peter, den Martina Müller buchstäblich von der Straße geholt hat. Er lebte lange bei seiner Mutter, bis diese spät heiratete, wegzog und Peter plötzlich allein wohnte. Hinzu kamen Probleme mit Alkohol und Geld. Auf dem Plantagenplatz in Werder wurde er brutal zusammengeschlagen und hat Nervenschäden davon getragen. Seit vier Jahren ist er trocken. „Wenn es diese Einrichtung nicht geben würde, hätte ich für nichts garantieren können“, sagt Peter. Er kommt täglich in die Tee- und Wärmestube und hilft dienstags und freitags bei der Tafelausgabe.

Silvia Abel, Martina Müller und Helga Liedtke (v.l.) Quelle: Luise Fröhlich

„Viele Klienten gehören zum Inventar“, sagt Martina Müller. Sie essen hier Frühstück, trinken einen Kaffee oder kaufen sich ein Mittagessen für 1,50 Euro. Einige sind alkohol- oder drogenabhängig. Bei manchen macht es irgendwann Klick, wie bei Peter, der sich zwischen trinken und sterben oder aufhören und leben entschieden hat. Bei anderen gibt es wenig Hoffnung auf ein gutes Ende, wie bei Hans (Name von der Redaktion geändert). Plötzlich wird Martina Müller nach vorn in die Stube gerufen. Dort steht Hans und ist so betrunken, dass er kaum einen vollständigen Satz herausbekommt. „Er kommt einfach nicht vom Alkohol weg, obwohl er schon mehrere Therapien durch hat“, erklärt Martina Müller. Immer wieder zeigt Hans auf den Pullover einer Frau, lallt etwas, in seiner Stimme klingen Aggression und auch Verzweiflung. Martina Müller muss ihn hinauszitieren. In sturzbetrunkenem Zustand die Tee- und Wärmestube zu betreten, verstößt gegen die Hausregeln. Die Sozialarbeiterin befürchtet, dass Hans’ Körper nicht mehr lange mitmacht. Seit der Wende ist sie im sozialen Bereich tätig. „Ich habe schon viele Menschen durch den Alkohol sterben sehen“, sagt sie.

Private Spender und Firmen unterstützen die Stube

Aber auch positive Wendungen gehören zu ihrem Arbeitsalltag. Helga ist ein Beispiel dafür. Die 62-Jährige war ursprünglich ein Mann und kam vor einigen Jahren zu Martina Müller, um Stunden abzuleisten. „In dieser Zeit begann schon langsam der Prozess der Frauwerdung, bei dem ich sie komplett begleitet habe“, sagt sie. Mittlerweile kann Helga einen Transgender-Ausweis vorzeigen, der fast überall anerkannt wird. Helga gehört ebenfalls zum Stamm der Ehrenamtler in der Tee- und Wärmestube.

Tafelausgabe in der Tee- und Wärmestube in Werder. Quelle: Luise Fröhlich

Nicht nur Supermärkte geben der Einrichtung das, was in ihren Regalen übrig bleibt, auch Privatleute und Firmen aus der Region sind langjährige Unterstützer. Manche bringen Gänsekeulen fürs Mittagessen, andere geben Geld für den Sprit oder die Autoversicherung. Im Dezember freute sich Martina Müller über einen Zuschuss von Eon-Edis fürs Plätzchenbacken mit den Kindern.

Schon dreimal umgezogen

Zuerst hatte die Tee- und Wärmestube ihren Standort in Glindow, zog dann nach Werder in die Brandenburger Straße und musste die Räume wegen Baumängeln vor fünf Jahren wieder verlassen.

Getragen wird die kombinierte Einrichtung aus Tee- und Wärmestube mit Tafelausgabe von der Potsdamer Ernst-von-Bergmann Sozial gGmbH.

Sie betreibt im Obergeschoss der Eisenbahnstraße 1 zudem eine Wohn- und Eingliederungshilfe. Leiterin ist dort Ulrike Otto.

Von Luise Fröhlich

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