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Handwerker treten auf die Bremse

Fachkräftemangel Handwerker treten auf die Bremse

Der Fachkräftemangel im Handwerk wird zu einer großen gesellschaftlichen Herausforderung. Schon jetzt sagen Firmen in der Kreishandwerkerschaft Brandenburg/Belzig Arbeit ab, weil ihnen Leute fehlen. Kleine Auftraggeber haben oft das Nachsehen. Und die Preise werden steigen.

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Sven Schindler sucht händeringend Mitarbeiter für seinen Metallbaubetrieb in Fohrde.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Mittelmark. Mal eben den Maler bestellen, fix ein paar Kabel ziehen, oder nebenbei eine neue Gartenpforte ordern? Wer meint, von heute auf morgen Handwerker antreten lassen zu können, lebt in einer anderen Welt. Die Branche steht vor einer verrückten Herausforderung, die der stellvertretende Kreishandwerksmeister von Brandenburg/Belzig, Jens Schindler, so beschreibt: „Es gibt derzeit Arbeit ohne Ende. Aber wir müssen Aufträge absagen, weil uns die Leute fehlen.“

Der Fohrder ist Inhaber eines eingeführten Metallbauunternehmens. Geld wird von einer Hand voll Leute vor allem mit Tonnage für das boomende Berlin verdient. „Damit der Laden rund läuft“, wie Schindler sagt. Dagegen fehlt es für die Kundschaft um die Ecke oft an Kapazitäten. Seit zwei Mitarbeiter den Handwerksbetrieb gegen besser bezahlte Industriearbeitsplätze getauscht haben, ist die Personaldecke ständig zu kurz. Schindler würde sofort Ersatz einstellen, selbst handwerklich geschickte Helfer wären ihm willkommen. Doch der Markt für Metallbauer ist leer gefegt. „Früher habe ich ausgebildet. Inzwischen meldet sich seit Jahren kein Lehrling mehr“, beklagt der Obermeister der Metall-Innung die Entwicklung. Der Blaumann auf dem Lande droht zu einem Auslaufmodell zu werden.

Letzter Versuch

Letzter Versuch: Stellenwerbung in Brielow von Elektromeister Martin Wetzel.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Elektromeister Martin Wetzel kennt das Dilemma mit den Arbeitskräften. Seit Monaten sucht der Handwerksmeister vergeblich Verstärkung. Neben Stellenanzeigen und Mundpropaganda postiert Wetzel aus Verzweiflung einen Aufsteller vor seiner Firma in der Brielower Hauptstraße. Wie früher, als vor jedem VEB-Tor unter der Rubrik „Wir stellen ein“ reihenweise Jobs zu besetzen waren. Natürlich wären ihm Elektriker am liebsten, selbst an Helfern hätte er Freude. „Doch es kommt nicht einer“, berichtet der Meister. Einen Stamm-Elektriker hat er an einen großen Arbeitgeber verloren. Die gibt es nicht nur in der Industrie. Das ist neuerdings auch wieder die Bundeswehr. Die Folgen bekommt die Kundschaft zu spüren. Gerade musste Wetzel zwei komplette Neuinstallationen ablehnen. Mit nur noch einem Angestellten kommt der Brielower mit der Arbeit nicht mehr hinterher. „Ich habe schon einige Leute verärgert“, bedauert Wetzel.

Sabine Block, Geschäftsführerin Kreishandwerkerschaft Brandenburg/Belzig

Sabine Block, Geschäftsführerin Kreishandwerkerschaft Brandenburg/Belzig.

Quelle: Norman Giese

Dramatisch ist die Personalsituation auch in der Gilde, die sich um Heizung, Klima und Sanitär kümmert. Für Bernd Gobel aus Ziesar kein Wunder. „Im Handwerk wird zu schlecht bezahlt“, sagt der Chef einer Installateurfirma. Das geht schon in der Ausbildung los, wie Berechnungen des Bundesinstitutes für Berufsbildung belegen. Während die durchschnittliche tarifliche Ausbildungsvergütung im Handwerk im vergangenen Jahr 714 Euro betrug, sind es in Industrie und Handel 921 Euro. Bei den Facharbeitergehältern geht die Schere noch weiter auseinander. Der Wettbewerb um die letzten jungen Leute, die noch mit den Händen arbeiten wollen, wird am Ende in der Lohntüte entschieden.

Auch Gobel sucht wegen guter Auftragslage Personal. Doch nicht einmal Seiteneinsteiger sind zu finden. Zwar hält der Handwerksmeister zu seinen Stammkunden, aber lukrative Großaufträge gehen in der Regel vor private Neuanfragen. Der Ziesaraner prophezeit ein spürbare Verteuerung von handwerklichen Leistungen. „Wo Leute fehlen, verstärkt sich die Nachfrage. Das treibt den Preis“, ist Gobel überzeugt. Nur wer höhere Einnahmen generiert, kann den besser bezahlten Lohnofferten der Konkurrenz etwas entgegen setzen.

„Doch Geld ist nicht das ganze Problem im Handwerk“, weiß die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Brandenburg/Belzig, Sabine Block. Stark gesunkene Schulabgängerzahlen und die verstärkte Neigung der Jugendlichen zu akademischer Bildung verschärfen die Situation in der Ausbildung. Berufsschulen bekommen Klassen nicht mehr voll. Es kommt zu Zentralisierungen. Tischlerlehrlinge holen sich ihr theoretisches Rüstzeug in Potsdam, Metallbauer müssen nach Teltow fahren. Umgekehrt wurde die Landesklasse der Zimmerer von Frankfurt/Oder nach Brandenburg verlegt.

„In unseren Mitgliedsbetrieben herrscht totale Alarmstimmung“, berichtet die Kreishandwerkerschafts-Geschäftsführerin der MAZ über das mittlerweile gesamtgesellschaftliche Problem. Doch das werde wohl erst erkannt, wenn der Mittelstand weg sei, so Block.

Von Frank Bürstenbinder

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