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Harmonie in der Heide

Flugplatz Saarmund Harmonie in der Heide

Er ist fast 100 Jahre alt und hat eine bewegte Geschichte: Als Segelflugplatz Anfang der 1920er gegründet, bildeten später die Nazis die Hitlerjugend am Fluggerät aus, zu DDR-Zeiten nahm ihn die GST in Beschlag, bis einer von dort in den Westen floh. Auch nach der Wende machte der Flugplatz Saarmund mit einer Fast-Pleite Schlagzeilen. Derzeit ist dort alles harmonisch – dank Ehrenamts.

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Bunte Stühle im Pflanzenmeer

Das Vorfeld und der Tower (C) des Saarmundes Flugplatzes liegen mitten in der Heidelandschaft, die an die A115 grenzt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Saarmund. Wer die – mit etwas liebevoller Rücksicht benannte – Zufahrtsstraße zum Flugplatz Saarmund ohne Schaden an Körper und Verkehrsmittel passiert hat, der ahnt bereits, dass ihn am Ziel nichts erwartet, das mit den wuseligen Flughäfen unserer Zeit allzu große Ähnlichkeit pflegt. „Das ist auch gar nicht das Ziel“, sagt Klaus Britze, nippt an seinem Kaffee, den der Imbiss ausgereicht hat, obwohl eigentlich gar nicht offen ist, und lässt die Worte erstmal in den Sommerabend über der Heidelandschaft wehen, „wir mögen es hier eher familiär.“ Wobei familiär nicht abgeschlossen heißt: Der rund einen Quadratkilometer große Platz zwischen A115, A10, Saarmund und Tremsdorf ist offen für Gäste jeder Art: Flugschüler, Modellbauer, Zwischenlander, Ultraleichtflieger, Gleitschirmpiloten, Ballons und vieles mehr. „Nur die Segelflieger“, sagt Britze, der seinen Geschäftsführerposten im Ehrenamt ausübt, „die Segelflieger haben wir leider verloren“.

Klaus Britze ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des Flugplatzes

Klaus Britze ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des Flugplatzes.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Segelflieger benötigen viel Platz

Die Segelflieger nämlich benötigen viel Platz nach oben, da sie sich in der Thermik hochschrauben, um dann im Gleitflug langsam wieder gen Erde zu schweben. Bislang liegt ein „Deckel“ auf dem Flugplatz, eine Höhebeschränkung, von 2500 Fuß, etwa 760 Meter. Sobald der BER in Schönefeld in Betrieb geht, sinkt dieser Deckel nochmals um 500 Fuß ab und liegt dann bei 610 Metern. „Das ist zu wenig für Segelflieger, deshalb suchten sie schon mittelfristig einen Ausweg“, erzählt Britze. Auch 2500 Fuß waren sehr knapp, aber es gab fast immer eine Ausnahmegenehmigung.

Die wird es mit Beginn des Flugbetriebs am BER nicht mehr geben – dessen Start- und Landebahnen zeigen genau gen Stahnsdorf. Seit dieser Saison starten die Segler nun von Reinsdorf (Teltow-Fläming) aus und sind zu diesem Zweck mit einem Berliner Verein fusioniert. Die stählerne Schleppstrecke, die ihnen den nötigen Schwung zum Abheben gab, liegt seither verwaist, ebenso eine zweite Start- und Landebahn.

Wer landet oder startet, muss nunmehr die übrige Startbahn eins nutzen, einen 30 Meter breiten Rasenstreifen, rund einen Kilometer lang, der im Westen erst kurz vor der A115 endet und im Osten am Saarmunder Berg. Die Berglage übrigens ist nicht als Hindernis misszuverstehen, stellt Klaus Britze klar, sie war der Grund für die Gründung des Platzes in den 1920er Jahren. Für Segler eingerichtet, war er so angelegt, dass diese vom Berg starten konnten, von dem sie mit Gummiseilen gezogen wurden. Die V-förmig ausgelegten Seile wurden von der Ausziehmannschaft, scherzhaft auch „Gummihunde“ genannt, gegen den (West-)Wind gezogen und ermöglichten so vielen Segelflugschülern ihre ersten Sprünge. Die Windrichtung entscheidet, wohin gestartet oder gelandet werden muss. Es gilt: immer gegen den Wind. Da Westwind in Saarmund überwiegt, ist Westen dann auch die häufigste Start- und Landerichtung.

Helmuth Klatt bastelt an seinem Navy-Oldtimer, dem Jeep der Lüfte

Helmuth Klatt bastelt an seinem Navy-Oldtimer, dem Jeep der Lüfte.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Schmetterlinge haben die Lufthoheit

Klaus Britze hat sich erhoben, um zur Grasstartbahn zu gehen. Ein einmotoriges Kleinflugzeug mit einem Fluglehrer hebt zu einer letzten Runde ab, denn eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang schließt der Tower. Während der Flieger noch am Hangar tuckert und an Bord letzte Vorbereitungen getroffen werden, ist über der Heide und der Trockengraslandschaft die Lufthoheit fest in der Hand von Schmetterlingen, Mücken und Vögeln. Nur ein paar Gleitschirmpiloten machen ihnen am Himmel Konkurrenz. Eine auf einem Auto montierte Winde zieht sie – wie beim Drachensteigen am Strand – gegen den Wind hoch und klinkt sich dann aus.

Während das Zugseil an einem Minifallschirm sanft zu Boden sinkt, dreht sich der Gleiter in die Nähe des Berges, den Aufwind nutzen, weiter und weiter in Richtung Abendsonne. Derweil rumpelt die Einmotorige über das Gelände zur Startbahn. Der Start ist so unspektakulär wie alles hier in Saarmund: Auf der grünen Wiese wird das Fluggerät immer schneller, bis es, scheinbar vor der Waldkante, mit einem Satz in die Höhe strebt, als wollte es nur die A115 überspringen.

Fast 100 Jahre Fluggeschichte

Drei Vereine, drei Flugschulen, ein Ballonservice sowie ein Fluggerätehersteller sind am Flughafen angesiedelt.

Eine Landung kostet fünf Euro für Flugzeuge, 2,50 für Leichtflieger und fünf für Ballone. Alles bis zwei Tonnen Gewicht ist zugelassen. Wer seinen Flieger abstellen möchte, zahlt zehn Euro pro Nacht für drinnen und fünf für draußen.

Gegründet in den 1920er Jahren, war in Saarmund zunächst nur das Segelfliegen erlaubt – der Versailler Vertrag von 1918 verbot Motorflieger.

Ab 1933 bis 1944 bildete die Hitlerjugend dort Luftsportler aus.

Zu DDR-Zeiten übernahm die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) das Gelände, zunächst fürs Modellfliegen, ab 1957 auch wieder für den Segelflug. Als 1979 ein Segelflieger auf diese Weise nach Westberlin floh, durften „aus Sicherheitsgründen“ fortan wieder nur Modellflieger starten.

Nach ersten Ansiedlungen dort kurz nach dem Mauerfall gründete Saarmund 1993 eine Betriebsgesellschaft, 1994 übereignete die Treuhand das Gelände der Gemeinde kostenlos.

Das Areal liegt im Landschaftsschutz- und Flora-Fauna-Habitatsgebiet.

Klaus Britze wandert weiter, zeigt die Flugzeughallen, in denen Flugoldtimer neben ultramodernen Leichtfliegern stehen, alles ist ordentlich auf den Millimeter genau abgestellt, um den verfügbaren Raum besten auszunutzen. „Fliegen ist ein teures Hobby“, sagt Britze, weniger die Zeit in der Luft als der Aufwand für Wartung und die Kosten für das Unterstellen des Gerätes. Britze selbst kam 1997 nach Saarmund – zu Fuß. „Als Westberliner hatten wir ja keine Möglichkeiten, dem Traum vom Fliegen nachzugehen, es sei denn, wir wären bis Braunschweig gefahren.“ Britze machte hier seine Führerscheine für Einmotorige und Ultraleichtflieger mit Motor. Es waren turbulente Zeiten für den Platz, es gab Verhandlungen mit der Gemeinde und der Treuhand, Britze wechselte in den Vorstand der Betreibergesellschaft – die Hälfte gehört der Gemeinde Saarmund, die andere Hälfte teilen sich die Flugschule Albatros und die drei Vereine Milan Saarmund, Milan und NLV Modellflug. „Wenn Ihr’s macht und es uns nichts kostet, ist es okay“, habe die Gemeinde damals zu ihm gesagt, so Britze, selbst promovierter Betriebswirt.

Neben dem Kerosintank steht ein Gemüsebeet, im Schatten des Flugbenzins wachsen Tomaten

Neben dem Kerosintank steht ein Gemüsebeet, im Schatten des Flugbenzins wachsen Tomaten.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Ehrenamtler halten den Flugplatz am Leben

Seit fast 20 Jahren ist er jetzt Chef des Flugplatzes. „Wir haben kein Gewinninteresse, aber ein gutes Miteinander“, lobt er die Zusammenarbeit der Vereine. Jeder trage zu den Betriebskosten bei, auswärtige Ballon-, Modell- oder sonstige Piloten zahlen ein geringes Entgelt, Personal und Infrastruktur werden auf rein ehrenamtlicher Basis und aus den Mitgliedsbeiträgen der rund 300 Vereinsmitglieder bestritten. Selbst der Imbiss ist ein Angebot an Wochenenden, das sich nicht wirklich rentiert, aber auch etwas Geld in die Kasse spült. Wochentags hat die Flugaufsicht im Tower ein Mitarbeiter der Flugschule, an den Wochenenden ebenfalls ein Ehrenamtler.

Klaus Britze kennt jeden Dauergast, gießt auch mal die Tomaten, die neben den Kerosintanks im Gemüsebeet wachsen, und muss auf seinem Rundgang häufiger für einen Plausch anhalten – etwa bei Helmuth Klatt, ebenfalls 68 Jahre alt, der gerade an seinem Oldtimer herumschraubt: „Der ist jünger als wir“, sagt Klatt etwas wehmütig und streicht sanft über die Flügel des früheren amerikanischen Militärfliegers mit 180-Grad-Cockpit, auf dem noch groß das Wort „Navy“ prangt, gehalten in Polarkreistarnfarben, wo er als Artillerieaufklärer diente. Dieser „Jeep der Lüfte landet auf jedem Feldweg“, sagt Klatt stolz. Er hat seit Frühjahr Tank, Bespannung und Cockpit repariert und möchte am Wochenende erstmals wieder starten. Klatt fühlt sich seit Ewigkeiten wohl auf dem Platz, erklärt er. Nur die Zufahrt, also die sei nun wirklich etwas holprig.

Über den Wolken

Über den Wolken ... ein Fluglehrer hebt von der Grasbahn Richtung A115 ab.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Von Jan Bosschaart

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