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Zwischen Garde-Jäger-Uniform und Afrika-Kiste

In Schönefeld gibt es ein heimliches Heimatmuseum, von dem kaum einer weiß Zwischen Garde-Jäger-Uniform und Afrika-Kiste

Offiziell hat der Beelitzer Ortsteil Schönefeld kein Heimatmuseum. Faktisch aber schon. Auf dem ehemaligen Heuboden des Vierseithofes der Familie Käthe würden Ortshistoriker, die unverhofft Zugang bekämen, jedenfalls ins Schwärmen geraten beim Anblick all der Dinge, die dort lagern.

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Sabrina Käthe (58) mit einem der drei dicken Alben mit mehreren 100 Postkarten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Quelle: Jens Steglich

Beelitz. Als Kind ging Sabrina Käthe immer heimlich auf den Heuboden. Wenn alle anderen aus dem Haus waren, stöberte sie gern in der alten Truhe des Vaters. Den Schlüssel für die Truhe hatte er oben auf einer Holzkante versteckt – nicht hoch genug für die Tochter. Der Schlüssel öffnete ihr eine verborgene Welt des Vaters, eine Welt mit vielen kleinen Schätzen. Heute ist der Heuboden ein ausgebautes Dachgeschoss im Vierseithof der Familie, doch seine geheimnisvolle Aura hat er behalten. Ein Ortshistoriker, der unverhofft Zugang bekäme, würde ins Schwärmen geraten beim Anblick all der Dinge, die dort lagern.

Es ist die Sammlung von Karl Lehmann, dem Vater von Sabrina Käthe. Man könnte auch sagen: Dort oben ist ein kleines Museum, von dem kaum einer weiß. Offiziell hat der Beelitzer Ortsteil Schönefeld kein Heimatmuseum, faktisch schon. Auf dem einstigen Heuboden ist zum Beispiel die Original-Uniform eines Soldaten des Garde-Jäger-Bataillons des letzten deutschen Kaisers zu finden. Es war eine Elite-Truppe des Kaisers, sagt Sabrina Käthe. Die Uniform samt Militärpapiere gehören ihrem Großvater Ferdinand Lehmann, der als junger Kerl 1909 in der grünen Jacke der Garde-Jäger in die Roten Kasernen in Potsdam einrückte. „Sie haben oft Bauernjungs genommen, weil die reiten und schießen konnten“, so die Enkelin. Ihr Opa war ein Jäger, der Vater Sammler. In seinem Fundus gibt es auch drei dicke Alben mit mehreren hundert Postkarten, die aus Schönefeld an Soldaten an der Front geschickt wurden oder von dort Angehörige aus dem Heimatdorf erreichten. Die kunstvoll gestalteten Karten wurden meist in der Zeit des Ersten Weltkriegs geschrieben – in altdeutscher Schrift und für heutige Zeitgenossen schwer entzifferbar. Die Karte, die Karoline am 24. September 1917 an ihren Ferdinand schickte, ist lesbar: „Wieder mal ist Sonnabend und ich denke heute mehr denn je an Dich. Ob das macht, daß Du bald kommst?“ Karoline fügte noch hinzu: „Hab heute Mittag Eure Kühe gemolken.“ Für den Gruß aus Schönefeld wählte sie „eine Karte fürs Herz von Ferdinand“, wie es Sabrina Käthe ausdrückt. Vorn sind Erntemotive zu sehen. Der Garde-Jäger war zuallererst eben auch Bauer, der Felder bestellte und Rinder züchtete. Und das sehr erfolgreich.

Dokumente, Papier und ein Bild des Großvaters Ferdinand Lehmann aus seiner Zeit beim Garde-Jäger-Bataillon des letzten deutschen Kaisers

Dokumente, Papier und ein Bild des Großvaters Ferdinand Lehmann aus seiner Zeit beim Garde-Jäger-Bataillon des letzten deutschen Kaisers.

Quelle: Jens Steglich

Schon auf dem Weg hinauf auf den früheren Heuboden gibt es Belege dafür. Im Ex-Kuhstall, der zur „Schatzkammer“ im Dachgeschoss führt und heute der Partyraum ist, stehen Dreschflegel und Milchkanne aus alten Zeiten. An den Wänden hängen Auszeichnungen für die besten Rinder und ein Ölgemälde von Ben Hur – ein 1927 geborener, preisgekrönter Bulle aus dem Stall der Bauernfamilie Lehmann. Sie hatte über jedes ihrer Rinder Buch geführt. Alle Tiere hatten Namen: Hanni, Walli, Prinz oder Peter. In den Büchern ist zum Beispiel Quäker zu finden: Geboren am 24. März 1941, der Vater war Quintus, die Mutter hieß Dolli. Neben den Daten sind die Rinder mit ihrer Musterung sogar gezeichnet worden. Die Buchführung über die Rinder endet 1961 – es ist das Jahr, in dem auch der Bauernhof von Familie Lehmann nach langem Sträuben Teil der LPG wurde.

Die OriginalUniform des Garde-Jägers Ferdinand Lehmann, der 1909 mit dieser grünen Uniform in die „Roten Kasernen“ in Potsdam einrückte

Die Original.Uniform des Garde-Jägers Ferdinand Lehmann, der 1909 mit dieser grünen Uniform in die „Roten Kasernen“ in Potsdam einrückte.

Quelle: Jens Steglich

Die Familiengeschichte lässt sich anhand der alten Chronik von Schönefeld, die der Vater jahrelang hütete, bis ins Jahr 1687 zurückverfolgen. Beim letzten Chronik-Eintrag über die Familie heißt es: Ferdinand hat 1919 Karoline geheiratet, als ältester Sohn wird 1923 Karl Lehmann geboren – der Vater von Sabrina Käthe. In seinem Fundus gibt es auch Belege, dass die Feuerwehr Schönefeld – wenn es sie noch gäbe – heute einer der ältesten Löschtrupps im Land wäre. Auf einem Foto ist eine Feuerwehrspritze von 1756 zu sehen. Und 1956 wurde in Schönefeld 200 Jahre Feuerwehr gefeiert. In den 1990er Jahren verloren Schönefelds Brandbekämpfer ihre Eigenständigkeit und wurden Teil der Beelitzer Feuerwehr. Karl Lehmanns Sammlung, der 2014 mit 90 Jahren starb, wäre heute noch größer, wenn er nicht zu DDR-Zeiten Stücke als Leihgaben dem damaligen Armeemuseum Potsdam und dem Agrarmuseum in Schwerin vermacht hätte.

Die Afrika-Kiste von Karl Lehmann, der vier Jahre in Kriegsgefangenschaft in Ägypten war und 1949 nach Schönefeld zurückkehrte

Die Afrika-Kiste von Karl Lehmann, der vier Jahre in Kriegsgefangenschaft in Ägypten war und 1949 nach Schönefeld zurückkehrte. Er ist der Begründer der Familiensammlung, die sich auf dem ehemaligen Heuboden auf dem Vierseithof in Schönefeld befindet.

Quelle: Jens Steglich

Seine Tochter hatte sich schon als Kind am meisten für die Afrika-Kiste des Vaters interessiert, die auf dem früheren Heuboden immer noch einen festen Platz hat. Er war im Zweiten Weltkrieg in Frankreich in englische Gefangenschaft geraten und mit dem Schiff nach Ägypten gebracht worden. „Es war die erste große Schiffsreise für ihn und das größte Erlebnis seines Lebens“, erzählt die 58-Jährige. In dem Lager in der Nähe des Suezkanals hatten die Gefangenen so viel Zeit, dass sie ihre Karten in die Heimat selbst zeichneten, sagt sie. Als der Vater 1949 aus der Gefangenschaft zurückkehrt, bringt er die Afrika-Kiste mit nach Schönefeld. Wer heute hineinschaut, findet seine Gefangenenkleidung und die Trinkflasche. „Die Afrika-Kiste hat uns ein Leben lang begleitet“, sagt die Tochter, die früher heimlich hineinschaute. Sie kann sich vorstellen, den Fundus des Vaters auch einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen. Sollte es in Schönefeld eines Tages auch offiziell ein Heimatmuseum geben, „würden wir die Familiensammlung als Leihgabe zur Verfügung stellen“.

Schönefelder Geschichte

Das kleine Schönefeld – nicht zu verwechseln mit dem Ort, an dem versucht wird, einen Flughafen zu bauen – ist ein „Gemeindeteil“ von Beelitz und wurde bereits am 31. Dezember 1972 in die Stadt eingemeindet.

Der Ort , der derzeit etwas mehr als 100 Einwohner hat, wurde 1337 als „villa Schonefelt“ das erste Mal urkundlich erwähnt. 2012 wurde deshalb das 675-jährige Bestehen gefeiert – unter anderem mit einer Geschichtsausstellung in der Kirche, für die auch Familie Käthe Teile der Sammlung des Vaters zur Verfügung stellte.

 

In der Sammlung finden sich neben mehreren hundert Postkarten aus alten Zeiten auch frühere Schulhefte, die zeigen, dass das Kartenschreiben an die Soldaten im Ersten Weltkrieg im Unterricht gelehrt wurde. Es gab Muster für Soldatenbriefe.

 

Von Jens Steglich

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