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Herr über die Uhr aus Eisen

Mühsame Zeitumstellung Herr über die Uhr aus Eisen

Die Umstellung der Uhrzeit auf Sommer- oder Winterzeit ist schon lange nichts Außergewöhnliches mehr. Wenn man am Morgen danach aufwacht, hat sich nicht viel verändert. Für den Treuenbrietzener „Pfarrer in Rotation“ Jürgen Lüdersdorf bedeutet die Aktion eine Trainingsstunde im Treppensteigen extra.

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Aus den Schallluken des Kirchturms kann man den Stand der Zeiger kontrollieren.

Quelle: Uwe Klemens

Treuenbrietzen. Als Johannes Kepler vor rund vierhundert Jahren den Lauf der Planeten auf ihrer Bahn um die Sonnen entdeckte und damit die Grundlagen für die moderne Zeitberechnung legte, kannte er Jürgen Lüdersdorf nicht. Vielleicht würde der große Naturphilosoph und Astronom ihn ja als würdigen Nachfolger anerkennen, denn zweimal im Jahr wird der pensionierte Pfarrer zum Herr über die Zeit, die er dann wahlweise um eine Stunde vor- oder zurückversetzt. Die Sonne beobachten, wie Kepler es einst tat, kann Lüdersdorf aber nicht. Denn wenn er auf den Kirchturm steigt, ist es stets tief in der Nacht.

Wer rastet, der rostet

Was das „i.R.“ hinter Jürgen Lüdersdorfs Berufsbezeichnung in Wirklichkeit bedeutet, weiß jeder, der ihn bei seinen nächtlichen Aktionen begleitet. „Pfarrer ’in Rotation’“ übersetzt der Treuenbrietzener die Abkürzung, die eigentlich für den Ruhestand stehen soll. Doch wer rastet, der rostet bald wie eine alte Uhr aus Eisen. Das zu verhindern hat sich der Pensionär auf die Fahne geschrieben und vor etwa 20 Jahren das eiserne Uhrwerk der Treuenbrietzener Marienkirche in Pflege genommen. Die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit und umgekehrt gehört dabei zu seinen Pflichten.

Jürgen Lüdersdorf vor dem Uhrwerk der alten Lanz-Uhr aus dem Jahr 1842

Jürgen Lüdersdorf vor dem Uhrwerk der alten Lanz-Uhr aus dem Jahr 1842

Quelle: Uwe Klemens

Warum er im Frühjahr dazu nur einmal in der Nacht auf den Kirchturm steigen muss und im Herbst gleich zweimal, kann nur begreifen, wer sich die Konstruktion des Uhrwerks aus der Nähe anschaut. „J. Ph. Lanzer, Schlosser und Großuhrenhersteller“ steht auf einem Messingschuld in eingravierten, altdeutschen Buchstaben, daneben die Jahreszahl 1842. „Ein Hufschmied hätte es nicht schlechter machen können“, schimpft Jürgen Lüdersdorf leise vor sich hin, während er aus einem kleinen Fläschen ein paar Tropfen Spezialöl auf die neuralgischen Punkte des Zahnradgetriebes gibt. „Wenn ich das nicht spätestens alle 14 Tage tue, läuft die Uhr ungenau“, erklärt er. Warum sich die Zeiger der beiden Zifferblätter ungeschmiert schneller drehen als wenn sie geölt sind, hat sich ihm auch in zwei Jahrzehnten als ehrenamtlicher Uhrwerkswart nie wirklich erschlossen. „Selbst Fachleute, die sich die Uhr immer mal wieder ansehen, haben dafür keine Erklärung.“

Wirrwarr aus Rädchen, Stangen und Seilzügen

Trotzdem hantiert Lüdersdorf inmitten des scheinbaren Wirrwarrs aus Rädchen, Stangen und Seilzügen, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Mit der Zeit hat er gelernt, an welcher Spindel er wie viel schrauben muss, um unterschiedliche Temperaturen auszugleichen, wo sich der Ausschlag des Perpendicels regulieren lässt und auch, welche Sicherungshebel ausgeklinkt werden müssen, damit er die draußen angezeigte Zeit verändern kann.

Bei der Umstellung auf die Sommerzeit rückt Lüdersdorf dann das größte der Zahnräder einfach um eine der zwölf Markierungen weiter, was nur wenige Sekunden dauert. Heute Nacht, wenn es zurück auf die Winterzeit geht, muss er die Uhr anhalten und eine Stunde später wieder in Gang setzen.

Etwas Schummeln ist erlaubt

„Den Schlaf lasse ich mir aber deswegen noch lange nicht rauben“, sagt Jürgen Lüdersdorf, der, ganz Herr über die Zeit, nicht bis um zwei Uhr morgens wartet, sondern schon ein paar Stunden vorher zweimal die steile Wendeltreppe hinauf steigt. „Die meisten Leute schlafen sowieso und merken von der kleinen Schummelei nichts“. Hätte J. Ph. Lanzer beim Bau der Uhr gewusst, dass es knapp eineinhalb Jahrhunderte später die Sommerzeit geben würde, hätte er sich sicher auch dafür eine Lösung einfallen lassen. Auf den Tüftler, der sich für das Umstellen der Uhr einen bequemeren Weg einfallen lässt, wartet der „Pfarrrer in Rotation“ schon lange.

Ein Stockwerk über dem Uhrwerk haben Stunden und Minuten jeweils eine eigene Glocke

Ein Stockwerk über dem Uhrwerk haben Stunden und Minuten jeweils eine eigene Glocke.

Quelle: Uwe Klemens

Sein Ehrgeiz, dass die Treuenbrietzener möglichst sekundengenau angezeigt bekommen, was ihnen die Stunde geschlagen hat, ist indes mit den Jahren und der Anzahl der absolvierten Treppenstufen deutlich gesunken. „Dass die Ungenauigkeit nicht größer wird als fünf Minuten reicht auch.“

Von Uwe Klemens

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