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Hitlergruß, Stalin-Kantate und Rockmusik

Ausstellung in Wilhelmshorst Hitlergruß, Stalin-Kantate und Rockmusik

Dem Mythos Jugend auf der Spur sind die Mitstreiter des Wilhelmshorster Geschichtsvereins. Sie gehen der Frage nach, wie es Wilhelmshorster Kindern und Jugendlichen im turbulenten 20. Jahrhundert erging, in dem es zwei Kriege, den Kaiser, Nazis und die DDR gab. Erste Ergebnisse präsentieren sie am 12. November in einer Ausstellung.

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Keiner bleibt sitzen wegen Bremsheini – soll heißen: Wir kümmern uns um alle. Junge Pioniere marschieren 1952 über die heutige Peter-Huchel-Chaussee in Wilhelmshorst.

Quelle: Verein Ortsgeschichte

Wilhelmshorst. Wenn Wolfgang Linke an seine Kindheit und Jugend in Wilhelmshorst denkt, sieht er zum Beispiel, wie 1945 ein letztes Aufgebot des Volkssturms mit Panzerfäusten die Bahnbrücke zwischen Wilhelmshorst und Langerwisch bewacht. Oder wie im April 1945 Soldaten der Roten Armee mit Panzern und Pferdewagen in den Ort einrücken. Gegenwehr gab es keine mehr in Wilhelmshorst, wo die Leute Bettlaken als weiße Fahnen hissten, um ihre Häuser vor der Zerstörung zu bewahren. „Von dem Haus, in dem heute die Sparkasse drin ist, bis zur Bahnschranke standen die Panzer“, erzählt Linke. Seine Erinnerung: „Die Soldaten haben die Kinder gut behandelt. Uns haben sie ein Stück Brot zugesteckt und Jugendliche durften auch auf Panzer klettern.“ Im Jahr davor, als das Kriegsende noch fern war, wird Linke, Jahrgang 1938, Zeuge eines Luftkampfes über seinem Heimatort. Deutsche Jagdflugzeuge greifen einen amerikanischen Bomber an und schießen ihn ab. Linke kann sich auch daran erinnern, wie er sich später Trümmerteile des Bombers angesehen hat – wie es neugierige Kinder eben tun, die in solche Zeiten hineingeboren werden.

Die Kindheit und Jugend im Wilhelmshorst des 20. Jahrhundert ist Thema einer Ausstellung, die am Samstag, 16 Uhr, von den Freunden und Förderern der Wilhelmshorster Ortsgeschichte im Gemeindezentrum in der Albert-Schweitzer-Straße 9-11 präsentiert wird. Die Mitstreiter des Vereins haben sich auf ein neues Feld der Ortshistorie begeben und sind der Frage nachgegangen, wie es Kindern und Jugendlichen im Ort in dem turbulenten Jahrhundert erging, in dem es zwei Kriege, den Kaiser, die Nazis und die DDR gab. Die Spurensuche, bei der auch Zeitzeugen wie Wolfgang Linke befragt wurden, hat für den Vereinsvorsitzenden Rainer Paetau erst begonnen. Er spricht von einem ersten Überblick, bei dem man sich mit Hilfe von überlieferten Fotos dem schwierigen Thema nähere – schwierig, weil Erinnerungen an Kindheit und Jugend oft von der Lagerfeuer-Romantik dominiert sind und das Politische selten zum Tragen kommt. „Die Bilder können als historische Quellen dienen, spiegeln aber nur einen eng begrenzten Ausschnitt wieder“, betont Paetau und formuliert Fragen, denen unter anderem nachgegangen werden soll: Wie steht es um das Jugend-Liedgut über die Epochen hinweg? Sind Einflüsse von Jugendbewegungen auszumachen? Was erfahren wir über Kleidungsstile und Moden? Das älteste Bild der Ausstellung stammt von 1910 und zeigt eine Mutter mit ihren Kinder im wilhelminischen Kleiderstil. Eher rebellisch sehen die jungen Leute einer Wilhelmshorster Rockband aus, die 1970 zu DDR-Zeiten eine Garage zum Proben zugewiesen bekam. 20 Jahre vorher sang die Jugend im gleichen Land noch Stalin-Kantaten, wie ein Liederbuch von 1950 aus der Wilhelmshorster Schule beweist.

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Sichten Bilder: Vereinsvorsitzender Rainer Paetau (l.) und Wolfgang Linke.

Quelle: Jens Steglich

Wolfgang Linke hat 1944/45 in der Schule noch den Hitlergruß gelernt. Es gab Leute, denen ein „Guten Tag“ lieber gewesen wäre. Linke hat selbst erlebt, wie ein Wilhelmshorster zu ihm sagte: „So grüßt du mich nicht!“ – „Wir Kinder wussten manchmal nicht, was wir nun tun sollen“, erinnert er sich.

„Wir brauchen die Erinnerungen der Zeitzeugen. Sie müssen aber auch gegengecheckt werden“, sagt der Historiker Paetau. „Ein großer Teil unserer Erinnerungen sind konstruiert und fiktiv. Wir lesen etwas, bekommen Dinge von Dritten erzählt und bauen das in unsere Erinnerungen mit ein“, so Paetau, der deshalb den Faktencheck für unerlässlich hält. Wolfgang Linkes Erzählungen etwa über den Abschuss des amerikanischen Bombers haben den Faktencheck bestanden. Im August 1944 wurde eine B-17-Maschine über Wilhelmshorst abgeschossen. Die Flugzeugteile lagen verstreut etwa am Rosenweg herum oder stürzten in den Irissee. Die sechs getöteten Soldaten wurden auf dem Wilhelmshorster Friedhof beerdigt, bevor die Amerikaner nach dem Krieg die Gebeine auf eigenen Friedhöfen beisetzten.

Ausstellung eröffnet am 12. November

Die Ausstellung „Kindheit und Jugend in Wilhelmshorst im 20. Jahrhundert“ wird am 12. November, 16 Uhr, im Gemeindezentrum, Albert-Schweitzer-Straße 9-11, eröffnet. Zu sehen sind historische Fotos und Gegenstände, zudem wird Musikhistorikerin Juliane Brauer über Jugend-Liedgut erzählen. Zu hören sind unter anderem das Lied vom „Kleinen Trompeter“ und der Ernst-Busch-Song „Ami go home, spalte für den Frieden dein Atom“.

Die Schau ist auch am 19. November, 14 bis 18 Uhr, geöffnet.

Von Jens Steglich

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