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Potsdam-Mittelmark Hunderte Fichten sind dem Tod geweiht
Lokales Potsdam-Mittelmark Hunderte Fichten sind dem Tod geweiht
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10:51 04.05.2017
Geringelte Fichten: Den Bäumen wurde mittels Kettensäge mit groben Schnitten und breitflächig die Baumrinde samt Kambiumschicht entfernt Quelle: Christiane Sommer
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„Grün ist nicht gleich grün“, sagt ein Forstbeamter, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Über das sogenannte Ringeln von alten Fichten im Naturschutzgebiet bei Verlorenwasser schüttelt er den Kopf. In unmittelbarer Nähe des Mittelpunkts der einstigen DDR fällt auf: An den Fichten im Wald wurde mittels Kettensäge mit groben Schnitten und breitflächig die Baumrinde samt Kambium-, also Wachstumsschicht, ringförmig entfernt. Einige Exemplare haben einen Stammdurchmesser von mehr als drei Metern und sind älter als 120 Jahre.


>>Darum lässt man Fichten sterben

Durch diese Einschnitte wird den Bäumen die Wasserversorgung gekappt. Die Folge: Sie sterben langsam, aber sicher. Diesen Prozess hat die Verwaltung des Naturparks „Hoher Fläming“ in die Wege geleitet, zur Kettensäge haben schließlich Mitarbeiter des Forstbetriebs gegriffen.

Anwohner haben kein Verständnis

Die Anwohner sind empört und verstehen die Welt nicht mehr. „Was dort passiert ist, gleicht einem Kettensägenmassaker“, klagt Michael Semprich an, der in Verlorenwasser zu Hause ist und mit Einheimischen den Weg zum Ort des Geschehens zeigt.

Einer von ihnen ist Arnold Feuerherd. Der 81-Jährige lebt im benachbarten Hohenspringe und kennt den Wald seit Kindertagen. „Die Fichten waren schon immer Wald, solange ich denken kann“, erzählt der Ruheständler. Je weiter die Gruppe in den Wald hineingeht, umso deutlicher werden die Ausmaße des Ringelns: Junge Fichtensetzlinge liegen zu Hunderten herausgerissen auf dem Waldboden verstreut.

Eine Vielzahl an Fichten in diversen Weihnachtsbaumgrößen liegt gefällt herum, türmt sich teilweise im Bachbett. „Es wird noch schlimmer“, sagt Bernd Schulze. Arnold Feuerherd bleibt immer wieder stehen, sieht verständnislos nach allen Seiten, schüttelt den Kopf. „Die Bäume weinen“, bemerkt Semprich und zeigt auf den austretenden Harz, der an den Baumstämmen herab rinnt. „Hier entsteht ein Geisterwald.“

Michael Semprich aus Verlorenwasser mit einer noch jungen Fichte, die herausgerissen wurde. Quelle: Christiane Sommer

Ortsvorsteherin Kerstin Zurek geht es nicht anders. In ihrer Verzweiflung erinnert sie sich an den Deutschen Wandertag 2012, als Touristen den Wald durchwanderten und die Schönheit der Natur in höchsten Tönen lobten. Doch damit dürfte es demnächst vorbei sein. Der Baumtod der alten Fichten im Bestand ist nicht mehr aufzuhalten. Für Semprich ist entlang des Verlorenwasserbachs „eine Straße der Schande“ entstanden. Keiner in der Gruppe kann verstehen, warum die Fichten plötzlich so rigoros im Areal vernichtet werden – während die Fichte deutschlandweit zum Baum des Jahres 2017 ausgerufen wurde.

Angst vor Kahlfraß in angrenzendem Privatwald

„Die Stelle, an der in Bad Belzig der Baum des Jahres gepflanzt wurde, ist höchstens sieben Kilometer von hier entfernt“, erinnert Bernd Schulze. Ihn treibt eine weitere Sorge um: Sein Wald grenzt direkt an das Areal, auf dem durch Fällung und Ringeln hunderte Fichten der Verrottung preisgegeben sind. Er erzählt, dass die Prozedur des Ringelns mittlerweile bereits zum zweiten Mal an den alten Bäumen erledigt wurde, um deren Absterben zu beschleunigen. Nachdem Kupferstecher und Buchdruckerkäfer bereits nachgewiesen sind, fürchtet er – ausgehend von der befallenen Fläche – auch einen Kahlfraß in seinem Privatwald. Schulze ist sich sicher: „Zu 99,9 Prozent tritt eine Kalamität ein. Für mich wäre das ein Totalverlust.“ Als Kalamität wird ein durch Schädlinge hervorgerufener Schaden in Pflanzenkulturen bezeichnet.

Dass die Fichten plötzlich nicht mehr zum Wald gehören dürfen, kann keiner in der Gruppe nachvollziehen. „Aktiver Naturschutz sieht für uns anders aus“, sagen Semprich und Schulz. Dann erklären sie den vorhandenen Baumbestand im Reservat. Da stehen Eichen und Erlen, Birken und Kiefern, Vogelbeeren und Eschen – und mittendrin die geringelten Fichten. Eigentlich ein Mischwald wie er im Buche steht. „Aus forstwirtschaftlicher, naturwissenschaftlicher und ökonomischer Sicht ist das, was hier passiert ist, für mich völlig unverständlich“, schließt Bernd Schulz.

Von Christiane Sommer

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