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„Ich hab schon drei Pfund zugenommen“

Was TBC-Kranke in Heilstätten einst an ihre Lieben schrieben „Ich hab schon drei Pfund zugenommen“

„Ich hab schon drei Pfund zugenommen.“ Solche Sätze finden sich auf vielen Ansichtskarten, die einst Patienten in Beelitz-Heilstätten an ihre Angehörigen daheim schrieben. Vor 100 Jahren waren das Erfolgsmeldungen, weiß Irene Krause. Sie besitzt mehr als 400 Postkarten von Patienten. Sie hat sie auf Flohmärkten und in Antiquariaten gefunden.

Beelitz-Heilstätten 52.2609198 12.922922
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Irene Krause mit Lupe: Auf den Postkarten war wenig Platz, die Schrift ist daher oft sehr klein.

Quelle: Jens Steglich

Beelitz-Heilstätten. Die Leidenschaft beginnt mit einem Zufall: Irene Krause ist im Sommer 2002 auf einem Potsdamer Flohmarkt unterwegs und sieht ein Foto von Beelitz-Heilstätten. Sie ist erst unlängst dorthin gezogen und schaut sich das Bild genauer an. Das Foto entpuppt sich als eine Ansichtskarte, die einst ein Patient aus Beelitz-Heilstätten an seine Lieben daheim geschrieben hat.

Irene Krause, die heute als Gästeführerin Heilstätten wie ihre Westentasche kennt, hat inzwischen mehr als 400 Postkarten von Frauen und Männern gesammelt, die zwischen 1902 und 1945 den Ort aufsuchten, um von Krankheiten wie Tuberkulose geheilt zu werden. Sie findet die Karten auf Flohmärkten, in Antiquariaten oder ersteigert sie im Internet. Sie sind aus den Nachlässen der Empfänger der Patienten-Post.

Der älteste Gruß an die Familie in der Heimat stammt vom 10. August 1902 von Hermann, der seiner Schwester und dem Schwager berichtet: „Die Anstalt hier ist großartig.“ Vorn auf der Karte ist das Verwaltungsgebäude des Männersanatoriums zu sehen. Und man sieht noch die Lorenbahnen, auf denen das Baumaterial vom Bahnhof nach Heilstätten gefahren wurde. Es sieht ein bisschen wie auf einer Baustelle aus: Das Männersanatorium war damals gerade erst eröffnet worden – im Mai 1902.

Auf dieser Postkarte sind Patienten auf den Ruheliegen zu sehen

Auf dieser Postkarte sind Patienten auf den Ruheliegen zu sehen.

Quelle: Sammlung Irene Krause

Die Patienten hatten ein Hauptthema: das eigene Gewicht. „Ich habe schon wieder 3 Pfund zugenommen“, schreibt Max an seine Minna. Das sind damals Erfolgsmeldungen, die stolz in die Heimat gesendet wurden. „Die meisten waren Tuberkulose-Patienten, die ausgemergelt nach Beelitz-Heilstätten kamen. Es war das Signal: Ich werde wieder gesund“, sagt die Sammlerin. Der Ort, an dem sie aufgepäppelt wurden, hatte vor allem einen Zweck: „Die Leute sollten hier wieder so weit hergestellt werden, dass sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen.“

Über die Postkarten lernt man die Patienten ein bisschen kennen, sagt Irene Krause. Walter zum Beispiel, von dem sie 31 Ansichtskarten ersteigert hat. Er schreibt immer an einen Rudolf Dietrich in Berlin. „Ich nehme an, es war sein Bruder“, sagt sie. Die Karten von Walter nennt sie ihre Trilogie, weil er drei Mal jeweils ein halbes Jahr in Heilstätten war: 1909, 1912 und 1919. Auf einer Karte vom 23. April 1912 schreibt er von einer totalen Sonnenfinsternis: „Vorigen Mittwoch Sonnenfinsternis beobachtet. Liegekur von 12 bis 1 fiel aus und ich mit mühselig gefundenen Glasscherben in meinen Händen, über lodernden Feuer geschwärzt, 3 Stunden ununterbrochen beobachtet... konnte deutlich Eintritt des Mondes beobachten. Besten Gruß, Walter.“ Die Schreiber hatten nicht viel Platz auf den Karten und mussten sich kurz halten. An den 31 Kartengrüßen von Walter lässt sich trotzdem ein bisschen sein Schicksal nachvollziehen. Die letzte Karte, die Irene Krause besitzt, schickte er am 21. August 1919 ab: Da schreibt der Tuberkulose-Kranke von einer starken Erkältung, an der er immer noch leidet. „Das war kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einer schweren Zeit. Vielleicht war es wirklich die letzte Karte, die er schreiben konnte“, sagt sie.

Patienten vor dem Bazillen-Gedenkstein in Beelitz-Heilstätten

Patienten vor dem Bazillen-Gedenkstein in Beelitz-Heilstätten. Auf dem Stein hinten war der ironische Satz eingemeißelt: Hier ruht in aller Stille, das erste Opfer der Bazille.“

Quelle: Sammlung Irene Krause

Ähnliches vermutet Irene Krause auch von der jüngsten Karte, die sie besitzt: Hubert, ein deutscher Soldat, schickt sie am 4. März 1945 an das „Fräulein Gretel“. Zu der Zeit ist Heilstätten ein Lazarett für Verwundete. Hubert schreibt: „Wenn ich entlassen werde, komme ich nach Dänemark. Schreibe bitte nicht mehr, bis ich Dir von dort die Feldpostnummer schreiben kann.“ Gretel, die damals in Prinzbach (bei Stuttgart) lebte und aus deren Nachlass die Karte stammt, hob genau diesen Gruß bis zum Schluss auf. „Möglicherweise war es die letzte Karte von ihrem Hubert.“ Im Fundus der Sammlerin finden sich auch Kartengrüße, die nahe legen: Trotz ihrer Krankheiten hatten Patienten Humor. Auf einer Karte geht es um Flugversuche auf den Tempelhofer Feldern. Der Schreiber fragt: „Wer ist denn da geflogen? Hier in B. fliegen ja andauernd welche.“ Gemeint sind Patienten, die sich nicht benehmen konnten. Und ein Robert Noack meldet sich so zurück: „Ich bin gesund und trocken wieder bei den Grünen in Beelitz eingetroffen.“ Die Männer und Frauen trugen dort grüne Anstaltskleidung.

Grüße in die Heimat

Auf den Ansichtskarten sind meist die Klinik-Gebäude in Beelitz-Heilstätten oder Fotos von den Patienten etwa in der Liegehalle abgebildet.

An den Adressen ist auch abzulesen, ob die Empfänger arm oder besser situiert waren. Wer eine richtige Adresse hatte, lebte meist in guten Verhältnissen. Wenn auf der Karte etwa stand: Hinterhof, 3. Treppe, dann war der Empfänger in der Regel arm.

In Heilstätten gab es einst auch einen Raubtierkäfig, Vogelvolieren und ein Bazillendenkmal (siehe Foto).

 

Und mitten im Ersten Weltkrieg schreibt einer der wenigen Kassenpatienten, die trotz Kriegszeiten in Heilstätten noch behandelt wurden: „Wir liegen am Tage auch 7 Stunden, aber nicht im Schützengraben, so soll ich’s nun 26 Wochen aushalten, um meinen Feind zu bekämpfen, die Beelitzer Haustiere (Bazillen).“

Von Jens Steglich

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