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In Bohnenland schmiss Xavier 41 Eichen um

Brandenburg und Mittelmark In Bohnenland schmiss Xavier 41 Eichen um

Der Orkan Xavier hat in der Region zwischen Havel und Fläming tausende Bäume gefällt. Die Forstverwaltungen sprechen von 44 800 Festmetern Holz, die der Sturm kostete. Allein im Bereich der Oberförsterei Lehnin mit ihren neun Revieren entstand ein Schaden von einer Million Euro. Zwei der Forstreviere traf der Sturm besonders hart.

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Oberforstrat Jörg Dechow an einer vom Orkan gefällten Eiche bei Emstal. Auch der mächtige Wurzelteller hielt dem Sturm nicht stand.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Nach einer Woche liegen die Schätzzahlen über das Ausmaß der Orkanschäden im 3700 Hektar großen Brandenburger Stadtforst und im 47 500 Hektar Wald der Oberförsterei Lehnin zwischen Päwesin, Ziesar, Görzke, Golzow und Groß Kreutz vor. „Fazit ist: Der Sturm hat uns 1500 bis 2000 Festmeter hingelegt“, sagt die Brandenburger Stadtförsterin Kornelia Magritz. Oberforstrat Jörg Dechow von der Oberförsterei Lehnin beziffert den finanziellen Schaden in den neun Revieren auf eine Million Euro. 22 800 Festmeter Holz liegen dort am Boden. Am schlimmsten traf es das Revier Päwesin mit 4000 Festmetern vom Sturm gefällter Bäume und das Revier Werbig. Im Zuständigkeitsbereich der Oberförsterei liegen die Reviere Brandenburg, Ziesar, Görzke, Päwesin, Golzow, Lehnin, Groß Kreutz, Wusterwitz und Werbig.

Welche Kraft die 110 Stundenkilometer schnellen Böen hatten zeigt sich auch nahe Emstal. Dort drehte der Orkan wie eine Windhose mehrere Eichen aus dem Boden. „Das ist schon eine ungeheure Macht“, sagt Dechow bei der Besichtigung des Schadens. Betroffen sind auch viele der 1000 privaten Waldbesitzer im Bereich der Oberförsterei.

Den 16200 Hektar großen Landeswald zwischen der A 2, Luckenwalde, der Sachsen-Anhaltinischen Landesgrenze und Treuenbrietzen kostete der Sturm 20 000 Kubikmeter Holz. „Das ist eine Schätzung“, sagt Marek Rothe, Leiter der Landeswaldoberförsterei Belzig. „Näheres wissen wir in vier Wochen.“

Auch diesen mächtigen Laubbaum hat der Orkan im Gördenwald im Brandenburger Stadtforst gefällt

Auch diesen mächtigen Laubbaum hat der Orkan im Gördenwald im Brandenburger Stadtforst gefällt.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Mindestens bis Weihnachten werden die sieben Mitarbeiter der Forstverwaltung der Stadt Brandenburg allein mit der Beseitigung der Sturmschäden beschäftigt sein, „um nur die Gefahr abzuwehren“, sagt Kornelia Magritz. So wie an diesem Tag an der Anton-Saefkow-Allee am Gördenwald, wo die Waldarbeiter Dirk Hermann, Fabian Fliegel und Stefan Senk einen mehrere hundert Kilo schweren Ast aus 15 Metern Höhe von der stadteigenen Hebebühne aus herunterholen. Der Verkehr ist gesperrt, doch nicht alle Autofahrer haben dafür Geduld. Dirk Hermann wartet ab. Einige Holzbrocken fallen krachend zu Boden. Ein Mensch würde einen solchen Schlag nicht überleben. „Ich kann gar nicht lange recherchieren, ob es Stadtwald ist oder Privatwald“, sagt Kornelia Magritz, die seit fast 25 Jahren im Dienst der Stadt Brandenburg arbeitet. „Jetzt ist für mich die Notwendigkeit, Gefahren abzuwehren. Da, wo Menschen wohnen und der Verkehr geregelt werden muss, arbeiten wir zuerst die Schäden ab. Der Verkehr muss fließen und Kinder müssen zur Schule gehen können.“

Stadtförsterin Kornelia Magritz, hier im Gördenwald, nennt das Ergebnis des Orkans „bitter“

Stadtförsterin Kornelia Magritz, hier im Gördenwald, nennt das Ergebnis des Orkans „bitter“.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Das Besondere am Stadtwald bedeutet nun auch besondere Verantwortung, es ist seine Nähe zu bewohnten Gebieten. Und: „Wir haben über 150 laufende Kilometer Verkehrssicherheit an der B 1, B 102 und an der Autobahn zu gewährleisten.“ Doch trotz der immensen Arbeit: Überstunden wären riskant für die Forstleute: „Die Männer sind an der Motorsäge acht Stunden unterwegs in zehn, 15 Metern Höhe, müssen angestrengt und konzentriert arbeiten“, begründet das die Stadtförsterin.

Schwer getroffen hat der Orkan den Gördenwald, Wilhelmsdorf, Rehagen und Bohnenland. Weiträumig abgesperrt war der Krugpark. Ein hohes Lied singt die erfahrene Försterin auf die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk und den Verkehrsbetrieben Brandenburg. „Alle wussten, was zu tun ist.“

In 15 Metern Höhe holt Waldarbeiter Dirk Hermann an der Anton-Saefkow-Allee in Brandenburg einen schweren Ast aus einer Baumkrone, bevor dieser

In 15 Metern Höhe holt Waldarbeiter Dirk Hermann an der Anton-Saefkow-Allee in Brandenburg einen schweren Ast aus einer Baumkrone, bevor dieser auf Autos oder Spaziergänger stürzt.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Kurz bevor der Sturm kam, gab Kornelia Magritz den Forstangestellten die Weisung, sofort den Wald zu verlassen und sich auf dem schnellsten Weg nach Hause zu begeben. So verfuhr auch sie selbst. Der Sturm erwischte die erfahrene Försterin kurz nachdem sie mit ihrem Wagen die Abfahrt Netzen von der Autobahn genommen hatte. Vor ihrem Auto fiel eine Eiche um und hinter ihrem Fahrzeug eine Robinie. Bis die Rettungskräfte die Straße freigeräumt hatten, harrte Kornelia Magritz aus. Sie rät dringend, das Auto zu verlassen in solchen Situation. „Der Baum fällt um und ich habe, wenn ich nach oben geschaut habe, eventuell noch die Chance, wegzurennen. Ehe ich ein Auto gestartet habe, kann es zu spät sein.“

Auch dieser Baum liegt nun am Boden, sein Wurzelteller ragt in die Höhe

Auch dieser Baum liegt nun am Boden, sein Wurzelteller ragt in die Höhe. Auch das ist noch eine gefährliche Situation, warnt Brandenburgs Stadtförsterein Kornelia Magritz.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Auch das Forstgebäude am Eichendorffweg traf der Sturm. Der schleuderte eine mächtige Eiche in die Freileitung. Noch immer ist das Forstgebäude, das es dort seit 1890 etwa gibt, von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich die Zufahrt ist wieder frei.

Noch immer auch ist es lebensgefährlich, den Wald zu betreten. Ein kleiner Windhauch kann genügen, um einen angeschlagenen Baum vollends zu fällen. So schüttelt die Stadtförsterin nur entsetzt den Kopf, als sie einen Anruf erhält, ob eine Schule Kinder zu Waldspielen an den Gördenwald schicken dürfe. „Es gibt ganz verrückte Leute, die sammeln einen Tag nach dem Sturm Pilze mit Kind und Kindeskindern im Unterholz Pilze und ich denke, um Gottes willen.“ Die wenigsten Leute wüssten, dass ein gefällter Baum mit einem senkrecht nach oben zeigenden Wurzelteller plötzlich nach oben schnellen könne.

Weit schlimmer als Kyrill

Jörg Dechow leitet seit 1989 die Oberförsterei Lehnin. „Das ist bisher die höchste Zahl an Festmetern nach einem Sturm, die ich je hatte“, sagt der Oberforstrat, „und weitaus mehr als 2007 bei Kyrill. Der war hier bei uns rund um Lehnin kein Thema. Wir hatten bisher wenig mit Windwürfen zu tun.“ Wäre Xavier vier Wochen später gekommen, hätten die Bäume ihr Laub bereits abgeworfen. Der Schaden wäre schätzungsweise nur halb so groß gewesen. So standen die Laubbäume wie Segel im Sturm und brachen um.

Mit Festmeter bezeichnen Forstleute ein Raummaß für gefällte Bäume. Ein bis zwei Kiefern bringen einen Festmeter Holz. Eine stattliche Eiche hingegen liefert schon vier bis sechs Festmeter Holz. Der geschätzte Gesamtschaden von 44 300 Festmetern Holz kann beispielsweise umgerechnet allein auf Nadelbäume mehr als 66 000 Kiefern bedeuten. Das allein zeigt schon das Ausmaß der Schäden, die Xavier für die Region zwischen Havel und Fläming gebracht hat.

Regional sind die Schadenshöhen nach Angaben Dechows sehr unterschiedlich: „Das Revier Werbig meldete 10 000 Festmeter, Wusterwitz 2300, Görzke 2500, Lehnin 730 Festmeter, Groß Kreutz 300, Golzow 300, Päwesin 4000 und Ziesar 2500 Festmeter.“ Jörg Dechow erläutert auch die Situation der rund 1000 privaten Waldbesitzer in der Region. „Der Waldbesitzer hat jetzt ein Problem, er hat vielleicht in diesem Jahr zu Zweidritteln seinen Holzeinschlag gemacht und jetzt zusätzlich Schadholz bekommen. Er wird seinen privaten Holzeinschlag einstellen und dafür das Schadholz ernten.“ Für dieses Schadholz hat der brandenburgische Finanzminister Christian Görke (Die Linke) nun nach Xavier auf steuerliche Erleichterungen hingewiesen.Nach solchen Ereignissen gelte ein ermäßigter Einkommenssteuersatz für solchen Holzverkauf.

Eine Kiefer muss nach Angaben von Stadtförsterin Kornelia Magritz möglichst schnell aus dem Wald geholt werden. Nach zwei Wochen droht, dass der durch den Sturm gefällte Stamm blaustichig wird. Eine solche Verfärbung gilt in der Holzverwertung als Mangel. Bei Eichen können sich die Forstleute und Waldbesitzer hingegen etwas mehr Zeit lassen, bevor das Holz schadhaft wird. Die Brandenburger Stadtförsterin geht davon aus, dass die Stämme im Winter aus dem Brandenburger Wald geholt werden.

Die Frage ist auch, was anschließend mit den Flächen passiert. Werden sie wieder aufgeforstet? Rund um Lehnin geht Jörg Dechow davon aus, dass der Vegetationsdruck so groß, dass von selbst junge Bäume nachwachsen werden: „Wir müssen jetzt auch nicht Trübsal blasen. Das hält unser Brandenburger Wald aus und jede Windwurflücke bringt Licht für neues Leben. Solche Naturereignisse gehören auch mit zum Leben dazu“, so Dechow.

Der Nebeneffekt von Xavier: „Jeder, der möchte, kriegt in diesem Jahr Brennholz.“ Aber die Forstverwaltung entscheidet, wann ein Stamm keine Gefahr mehr darstellt und gibt ihn dann per Nummer an den Käufer frei.

Meist traf es die Bäume nesterweise, wie Forstleute sagen, also zwei, drei auf einmal, besonders entlang der Wege und Straßen. Aber fast immer punktuell und ganz selten auf einer großen Fläche. Ausnahme ist ein drei Hektar großer Eichenwald auf einer Anhöhe bei Bohnenland. Dort legte der Orkan jede siebte und damit 41 der gut 120-jährige Eichen um. 60 Jahre älter hätten sie werden sollen. „Es ist ein ganz trauriges Ergebnis. Einen Eichenwald in der Dimension haben wir nicht oft. Das war ein liebgewonnener Bestand“, sagt die Försterin. „Ich werde versuchen, dass ich das Sturmholz verkaufen kann. Das Problem ist nur, dass der Preis jetzt gedrückt wird. Jetzt haben ja alle Holz.“

Und dann fügt sie hinzu: „Es ist unnormal mit diesen Windstärken. Ich wundere mich, dass nicht mehr passiert ist.“ Auffällig ist, dass bei allen Vorort-Begehungen kein von Bäumen erschlagenes Wild gefunden wurde. „Wild hat ganz andere Sinnesorgane“, sagt Kornelia Magritz. „Da ist das Fluchtverhalten ganz anders. Das Wild duckte sich weg. Es verschwand während des Sturmes einfach.“

Von Marion von Imhoff

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