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In steter Angst vor den gelben Briefen

Schuldnerberatung in Brück In steter Angst vor den gelben Briefen

Im Fernsehen geht alles ganz einfach. Peter Zwegat schneit ins Wohnzimmer einer überschuldeten Familie, schreibt ein paar Zahlen auf, verhandelt mit den Gläubigern und alles wird gut. Im echten Leben kämpfen Schuldnerberater wie Evelyn Burkert vor allem gegen die Ängste ihrer Klienten.

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Evelyn Burkert berät überschuldete Menschen im Hohen Fläming.

Quelle: popp

Brück. Jeder zehnte Brandenburger ist überschuldet. Das geht aus dem aktuellen Schuldneratlas des Bonitäts-Auskunftdienstes Creditreform hervor. In Potsdam-Mittelmark ist die Zahl der Schuldner dabei vergleichsweise gering. Die Quote liegt bei 7,9 Prozent – landesweit der geringste Wert.

Dem Märker, der seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, nützt diese Statistik freilich nichts. „Hinter Schulden steckt immer eine Geschichte“, sagt Evelyn Burkert. Die 58-jährige ist Insolvenz- und Schuldnerberaterin bei der Arbeiterwohlfahrt. In den Außenstellen im Hohen Fläming berät sie seit 15 Jahren all jene, die ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen können.

Der Bedarf ist hoch: Bei der jüngsten Sprechzeit, die monatlich in der Beratungsstelle im Mehrgenerationenhaus „Alte Korbmacherei“ Brück stattfindet, hatte Evelyn Burkert schon gegen Mittag sieben Klientengespräche geführt, die meisten mit Stammkunden. Die Fachfrau berät sie seit langem. „Das sind die positiven Fälle. Die Klienten arbeiten mit mir, sie sind auf einem guten Weg.“

Seit 15 Jahren mit Schuldnern zu tun

Der Beraterin ist wichtig, nicht alle Betroffenen über einen Kamm zu scheren. „Viele Menschen, die ich betreue, hatten Pech. Trennungen, schlechte Beratung und Arbeitslosigkeit sind oft der Grund für eine Überschuldung“, sagt Burkert. Doch auch ein unwirtschaftlicher Lebensstil führt oft zu hohen Schuldenbergen. „Es gibt diese Klienten, natürlich. Die haben schon Schulden und trotzdem noch neue Verträge und Kreditkarten von halbseidenen Anbietern“, bestätigt die Beraterin. „Denen ist schwer zu helfen.“

Die erfahrene Beraterin macht neben unwirtschaftlich agierenden Klienten auch den Handel mitverantwortlich. „Gerade zu Weihnachten gab es überall Finanzierungsangebote und die Möglichkeit, gekaufte Artikel später zu bezahlen“, erläutert Burkert die verführerischen Aktionen des Einzelhandels. „Aber ich kann doch in zehn Wochen auch nichts bezahlen, was ich mir heute nicht leisten kann!“

Letzter Ausweg Privatinsolvenz

Ein finanzieller Neustart ist das Ziel der Privatinsolvenz. Wer seine Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, muss zunächst einen Anwalt oder eine Beratungsstelle aufsuchen.

Das Verfahren selbst lässt sich in vier Schritte gliedern. Zunächst wird eine außergerichtliche Einigung angestrebt. Dazu stellt der Schuldner einen Plan auf, wie er seine alle Gläubiger auszahlen kann. Gelingt das nicht, folgt der Gang ans Insolvenzgericht.

Sechs Jahre dauert das Verfahren, am Ende kann die Restschuld erlassen werden. Der frühere Schuldner bekommt so die Chance, ganz neu anzufangen. Während des Verfahrens muss er allerdings sein Wohlverhalten beweisen.

Ist eine Überschuldung erst einmal vorhanden, braucht es viel Konsequenz und Disziplin, um wieder auf den sprichwörtlichen grünen Zweig zu gelangen. Evelyn Burkert geht dabei grundsätzlich ähnlich vor wie ihr berühmter TV-Kollege Peter Zwegat, der in der RTL-Sendung „Raus aus den Schulden“ publikumswirksam Verbindlichkeiten abbaut. „Zunächst stellen wir die Einnahmen den Ausgaben gegenüber“, erklärt Evelyn Burkert.

„Wenn diese Bilanz positiv ausfällt, haben wir eine Grundlage, mit der wir arbeiten können.“ Oft genug übersteigen jedoch die Ausgaben die Einnahmen bei weitem. „Dann wird geschaut, wo gekürzt werden kann. Verträge, Abonnements, solche Dinge“, so die Beraterin. Sie stellt mit ihren Klienten Zahlungspläne auf, erwirkt Ratenzahlungen bei Gläubigern, sucht nach gütigen Einigungen. Wenn all das nicht fruchtet, bleibt den Schuldnern am Ende aber doch nur noch der Weg in die Verbraucherinsolvenz.

Einnahmen und Ausgaben werden gegenüber gestellt

Die Expertin warnt jedoch vor dem verbreiteten Irrglauben, eine solche Privatinsolvenz sei ein leichter Ausweg aus den Schulden. „Das ist kein Spaziergang“, sagt Evelyn Burkert. Eine Verbraucherinsolvenz bedeute hohe Voraussetzungen, Mitarbeit und nicht zuletzt auch Kosten.

Das Schlimmste für die meisten Schuldner, sagt Burkert, sei die Angst. Die Angst vor dem Gerichtsvollzieher, vor dem Offenbarungseid, vor den gelben Briefen. „Ich bin dazu da, diese Angst in geordnete Bahnen zu lenken“, sagt Evelyn Burkert. „Ich kann jedem nur raten, genau auf seine Verbindlichkeiten zu achten.“ Und:„Lieber zu früher zu uns kommen als zu spät.“

Von Saskia Popp

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