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In zwei Welten daheim

Frank-Walter Steinmeier (SPD) will seinen Bundestagswahlkreis erneut direkt holen In zwei Welten daheim

Sein Haus in Saaringen war einst ein Kuhstall einer LPG. Sein Lieblingsort in seinem Wahlkreis ist ein Steg an der Havel. Frank-Walter Steinmeier fühlt sich wohl in seinem Wahlkreis 60. Die MAZ hat mit ihm über die Aussichten im Wahlkampf gesprochen.

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Brandenburg. Noch wärmt die Sonne. Doch das tiefgrüne Laub lässt den Herbst ahnen. Frank-Walter Steinmeier (SPD) sitzt, die Arme ausgebreitet, auf dem Steg an der Havel mitten in der Stadt Brandenburg am Fontane-Klub.

Die MAZ hat ihn gebeten, seinen Lieblingsort im Wahlkreis für ein Gespräch mit ihm und seiner Ehefrau Elke Büdenbender zu zeigen. "Ich liebe diesen Platz", sagt Steinmeier (57). Viele Abende hat der Bundestagsabgeordnete und frühere Außenminister in den zurückliegenden Jahren oberhalb des Stegs im Restaurant Toto mit Blick auf die Jahrtausendbrücke verbracht. Er hat dort mit Dieter Hildebrandt, Harry Rowohlt und anderen getafelt, diskutiert und gelacht.

Sein Häuschen in Saaringen ("damals der Kuhstall der LPG") ist eine Fluchtburg. Dass er diese mit seiner Frau und Tochter Merit öfter nutzen kann, als seine Genossen wissen, liegt in der brummigen Verschwiegenheit der Märker begründet. Jüngst war seine Sippe dort zu Gast: 20 Erwachsene, sieben Kinder. "Die waren begeistert, restlos", sagt Steinmeier. Jetzt wollen sie wiederkommen. "Jedes Jahr", sagt er, und strahlt einen Tick weniger.

Die Linke Diana Golze warf ihm jüngst vor, er sei nie im Wahlkreis angekommen, sei ein Berliner aus Zehlendorf. "Das war mir zu blöd da zu antworten", sagt Steinmeier fuchtig. Das Gegenteil sei der Fall, wie sein Kalender mit den Terminen im Wahlkreis beweise. Diese "billige Tour sollte Frau Golze eigentlich nicht nötig haben". Vor vier Jahren war sie Steinmeier im Kampf ums Direktmandat unterlegen. Nun fechten beide wieder. Steinmeier hat eine Überraschung parat: Schöner als vom Wasser aus könne man die Havelstadt nicht erleben. Sagt er und hat flugs ein Floß gemietet, um das Interview auf dem Wasser fortzusetzen. Vom Ufer hallen bei der Fahrt durch die Stadt Rufe herüber. "Viel Erfolg!" "Hilf mit!", ruft Steinmeier zurück, reckt den Daumen, scherzt, ist in seinem Element. Man kennt sich hier.

Es war ein Marathon, den er und sein Team in den vergangenen fast sechs Jahren gegangen sind, seit seine Kandidatur festgezurrt wurde. Kaum eine Kirche, kaum ein Dorf, kaum ein Verein der Region sind vom Fraktionschef der SPD im Deutschen Bundestag seither nicht besucht worden. Frisches Geld für etliche Kirchen, Fliesen, Klos und Möbel für das Obdachlosenheim ‒ das hat er mitgebracht. Er hat etliche Türen für viele Menschen im Wahlkreis geöffnet, hat Bahnchef Rüdiger Grube und Literaturpapst Günther Grass, BA-Chef Frank-Jürgen Weise und am heutigen Freitag auch Altkanzler Helmut Schmidt nach Brandenburg an der Havel geholt. Und doch weiß er: Die Arbeitslosigkeit, der Wegzug durch den Sog der Städte und der demografische Wandel an sich, das sind Probleme, die er nicht allein löst.

Nicht ohne Blessuren blieb sein Engagement für Kirchmöser. Sicher, für die Bahnwohnungen hat er der Eigentümer-Gesellschaft Sanierungszusagen in Millionenhöhe aus dem Kreuz geleiert.

Doch der Traum, den er, Grube und die Konzernlenker Dieter Zetsche (Daimler AG), Peter Löscher (Siemens) und Wolfgang Reitzle (Linde AG) 2009 geträumt haben, ging bis heute nicht in Erfüllung. Der Bahnstandort Kirchmöser sollte zum führenden Forschungszentrum für Bahntechnologien in Deutschland werden. Doch die Eco Rail Innovation (ERI) als Plattform von 18 Partnern, arbeitet eher lose und lustlos. Der groß angekündigte Aufbau wurde in der Folge der Lehman-Brothers-Pleite und der Weltwirtschaftskrise auf Eis gelegt. "Da haben alle die Taschen zugemacht", gibt Steinmeier zu. Es gibt eine Stiftungsprofessur "Energieeffiziente Systeme der Bahntechnologie" an der Fachhochschule Brandenburg. Das ist ein Anfang. Doch das Bauschild in Kirchmöser ist längst wieder abgebaut. "Arbeit für die nächste Legislaturperiode", sagt Steinmeier, plötzlich ernster.

Wieder winken Leute. "Die Menschen gehen mir nicht aus dem Weg, am Zaun kann man hier über alles reden", sagt der Politiker. Was hat er geschafft, in "seinem Wahlkreis"? "Ich will ja nicht protzen. Aber mit meiner Hilfe ist der westliche Teil Brandenburgs bekannter gemacht worden. Und das Havelland und der Fläming sind mit ihrer Landschaft und Lebensqualität deutlicher im Bewusstsein der Bundesbürger als vor vier Jahren." Im südlichen Teil laufe es wirtschaftlich besser, im nördlichen Teil "haben wir mit Blick auf Ansiedlungen viel zu tun."

Mit wem er das im Bund erreichen will? "Eigentlich mit allen." Nur die Linken hat er nicht auf dem Plan. Bundespolitisch sei eine Zusammenarbeit kaum denkbar. "Ich sehe ja jetzt das Werben der Linken, nachdem sie uns jahrelang als ihren schärfsten Gegner verfolgt haben", sagt Steinmeier. "Wir sind kein Zwergstaat im Nirgendwo, wo man sich zur Macht wünscht", schreibt er den Linken ins Stammbuch.

Wie es nach dem 22. September weitergeht, lässt er offen. "Außenminister find ich gut", sagt er. "Unter Peer Steinbrück", schiebt er nach und blockt die Frage zur großen Koalition ab. Und wenn ein anderer -  aus welchem Grund auch immer -  den Außenministerposten bekommt, "bin ich gern was ich bin. Und das umso mehr, wenn wir wider Erwarten nicht gewinnen." Oppositionsführer im Bundestag sei "ausreichend spannend".

Die Tour geht zu Ende. Steinmeier in blauem Blazer, Jeans und Hemd sitzt entspannt in einer Wolke kleiner Mücken, als ihn ein kleiner Klaps seiner Frau am Kinn trifft, der eine satte Mücke tötet. Die gibt Steinmeiers Blut jetzt auf dessen Hemd wieder her. "Oh, das wollt ich doch heute noch in den Tagesthemen tragen." Seine Frau schaut ihn verdutzt an. Er lacht. Wahrscheinlich hat er noch eins im Auto. Und wenn nicht: Auf dem Weg ins Hauptstadtstudio kommt Steinmeier noch in Saaringen und in Zehlendorf vorbei.

Von Benno Rougk

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