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Jetzt haben die Trinker in Bad Belzig ihre eigene Hütte

Potsdam-Mittelmark Jetzt haben die Trinker in Bad Belzig ihre eigene Hütte

Bislang hatten Bad Belzigs Trinker die Bushaltestelle in der Erich-Weinert-Straße zu ihrem Treffpunkt auserkoren – sehr zum Unmut der Anwohner. Deshalb hat die Stadt jetzt gehandelt und Geld aus dem Förderprogramm „Soziale Stadt“ zur Verfügung gestellt, um das Problem zu lösen. Gebaut wurde eine kleine, abseits gelegene Holzhütte: das „Waldcafé“.

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Gegenseitiger Beistand im Alltag: Bad Belzigs Trinker freuen sich über das neue Holzhäuschen im Klinkengrund.

Quelle: Carsten Tarrach

Bad Belzig. „Wir sind leise Leute“, sagt Mario Baake und gießt sich heißen Tee in einen Pappbecher. Carsten Weber nickt. Die Bierflaschen schieben sie kurz beiseite. In Reichweite behalten sie sie dennoch. Innerhalb kurzer Zeit gesellen sich weitere Männer dazu. Sie kennen sich und stellen sich als regelmäßige Gäste im Bad Belziger „Waldcafé“ vor.

Dieses ist seit gut drei Wochen mit Genehmigung der städtischen Verwaltung Anlaufstelle für die Trinker, die bislang die Bushaltestelle in der Erich-Weinert-Straße zu ihrem Treffpunkt auserkoren hatten. Seinen Namen hat das „Waldcafé“ vom Volksmund erhalten. Dahinter verbirgt sich eine einfache überdachte Sitzgelegenheit aus Holz. Abgeschirmt vom Trafo-Häuschen in der Erich-Weinert-Straße und viel Strauchwerk. Für die Trinker bedeutet der Platz ein kleines Himmelreich.

Jugendliche haben Männer und ihre Hütte mit Eiern beworfen

„Zweimal haben sie uns die Hütte schon umgekippt“, erzählt Baake und deutet auf eine Kette samt Fahrradschloss, mit der die Hütte an einen jungen Ahornbaum angekettet ist. Die durchschnittlich zehn bis zwölf Männer, die im „Waldcafé“ einkehren, haben beim Aufbau der Sitzgelegenheit selbst mit angepackt.

Dann erzählen sie von Übergriffen. Mit Eiern sollen Jugendliche aus verschiedenen Gruppen dort bereits auf sie geworfen haben. „Es ist der Neid, weil wir die Hütte bekommen haben“, glaubt Weber. Die anderen nicken und erklären, dass sie sich vom neuen Domizil nicht mehr vertreiben lassen wollen.

Betroffene machen kein Geheimnis aus ihrem Alkoholproblem

Der Tee ist längst schon wieder zur Nebensache geworden. Die Männer halten die Bierflaschen in den Händen. Sie bezeichnen sich selbst als „Alkis“ und machen auch aus ihrem Alkoholproblem kein Geheimnis. Einige erzählen von ihrem Leben vor dem Alkohol.

Schleichend hielt der Alkohol Einzug in den Alltag von Erik Gasenzer. „So ist es doch bei den meisten“, sagt der 45-Jährige und erzählt von seiner Arbeit. „Wenn ich nur zu Hause wäre, dann hätte ich mich schon tot gesoffen“, bemerkt er und setzt die Flasche wieder an die Lippen. Zu den Stationen seines Lebens mit Alkohol gehört zwischenzeitlich auch ein Gefängnisaufenthalt.

Trinker halten Ordnung in ihrem „Waldcafé“

„Die anderen wissen, wovon man redet“, bemerkt Mario Baake in diesem Zusammenhang. Längst sind sich die Trinker zum gegenseitigen Familienersatz geworden. Mit Waldemar Reiter vergrößert sich die Gruppe abermals. Er wird als gute Seele des Treffpunkts vorgestellt. Ohnehin herrscht dort Ordnung. In Tüten wird Papier und anderer Abfall gesammelt. Keine einzige leere Flasche, keine einzige Zigarettenkippe liegen auf dem Boden. Auf dem Tisch ist ein alte Schale zum Aschenbecher umfunktioniert und unter ihm liegen Kissen zum Schutz vor der Witterung.

Quartiersmanager Carsten Tarrach bestätigt, dass die Akzeptanz der Anwohner auf das „Waldcafé“ und seine Gäste unterschiedlich ist. Zumal die Toilettenproblematik noch immer nicht gelöst ist. Nach Aussage des Sozialarbeiters trifft die Strategie der Kommune nicht bei allen Menschen auf Verständnis. Während anderenorts kurzerhand Alkoholverbote auf öffentlichen Straßen und Plätzen verhangen werden, hat man sich in Bad Belzig für die so genannte akzeptierende Suchthilfe entschieden.

Immer wieder Beschwerden von Anwohnern

In der Vergangenheit gehörten die Supermärkte im Klinkengrund und die Bushaltestelle in der Erich-Weinert-Straße zu den beliebten Treffpunkten der Trinker.

Klagen von Anwohnern führten immer wieder zu einem Standortwechsel.

Zuletzt ließen die Belziger Wohnungsgenossenschaft und die Kommune kurzerhand sogar die Scheiben aus der Bushaltestelle entfernen – in der Hoffnung, die Trinker so zu vergraulen.

Das Vorhaben misslang jedoch.

In der Folge wurde entschieden, mit 1500 Euro aus dem Förderprogramm „Soziale Stadt“ die Problematik zu lösen und die Holzhütte wurde gebaut.

Das Quartiersmanagement im Wohngebiet Klinkengrund hat in der Hans-Marchwitza-Straße 1 sein Domizil und ist unter 033841/44  75  77 erreichbar.

Über die Wabe in Medewitzerhütten, eine sozialtherapeutischen Einrichtung für Suchtkranke, sollen die Betroffenen vor Ort Handreichungen erfahren. „Zwei Treffen gab es bereits“, erklärt Tarrach und ergänzt, dass in einem Jahr eine Bestandsaufnahme erfolgen soll. Der 55-Jährige hofft, dass Anwohner bei Problemen, Sorgen aber auch Ängsten künftig den Weg in den Stadtteiltreff „Die Klinke“ suchen, bevor sie zur Selbstjustiz in Form von Sachbeschädigung oder Eierwurf greifen. „Ich wünsche mir, dass die Bürger ihre Kritik offen bei uns vortragen“, sagt er.

Von Christiane Sommer

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