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Jodeln auf dem Backofenberg

Tremsdorf Jodeln auf dem Backofenberg

Tremsdorf gilt als der wohl ruhigste Ort in der Gemeinde Nuthetal. Und trotzdem ist dort viel los. Jetzt kann sogar gejodelt werden. In der Region kann es freilich keinen besseren Ort zum Jodeln geben: Tremsdorf ist von purer Natur umgeben und hat sogar einen richtigen Berg.

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Gabi Sußdorf ist Kräuterexpertin, stellt in der Alten Schule Seifen her und hat das Jodeln nach Tremsdorf geholt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Tremsdorf. Natur- und Bergvölker wussten noch um die Urkraft des Jodelns. Sie jodelten, um sich mit Mensch und Tier zu verständigen und um ihrer Freude oder ihrer Trauer Ausdruck zu geben. In unserer reglementierten Welt ist das Juchzen und Jodeln verkümmert, sagt Ursula Scribano. Die Österreicherin, die seit 25 Jahren in Berlin lebt, ist Schauspielerin und Sängerin. Und die gebürtige Tirolerin jodelt. Sie lehrt das Jodeln sogar in eigenen Seminaren und an Universitäten. Und seit kurzem auch in Tremsdorf. In der Region kann es freilich keinen besseren Ort zum Jodeln geben: Tremsdorf ist von purer Natur umgeben und hat sogar einen Berg. Am 17. Juli waren die urwüchsigen, kraftvollen Laute das erste Mal auf dem Backofenberg zu hören. Wie es sich gehört, hatte die Jodeltruppe vorher den 91 Meter hohen Gipfel erklommen, um dort oben das erste Mal in der Geschichte Tremsdorfs Jodeltöne ins Tal zu schicken. Um Spöttern, die solche Dinge gern ironisch betrachten, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ein „Holleri du dödl di...“ war nicht zu hören. In Tremsdorf bekommt man auch kein Jodel-Diplom wie im Sketch von Loriot. Oben auf dem Backofenberg lässt man sich ernsthaft und gelassen aufs Jodeln ein und bekommt Zufriedenheit: Jodeln löse echte Freude und Glücksgefühle aus. Das sagen jedenfalls Menschen, die beim ersten Mal dabei waren: „Ich habe noch nie im Wald mit einer Gruppe gestanden und so kraftvolle Laute von mir gegeben. Es war ungemein befreiend“, sagt etwa Kerstin Pahl aus Buchholz.

In Tremsdorf lernt man die entspannende Kraft des Jodelns auch bei einem echten Profi: Ursula Scribano studierte Schauspiel an der Universität der Künste Berlin und ging als Sängerin bei der berühmten Brecht-Interpretin Gisela May in die Schule. Die Ausbildung zur Jodlerin machte sie bei Ingrid Hammer, die aus einer Familie stammt, „in der ein ländlicher Zweig – die steirischen ’Laufnitzdorfer Sänger’ – sich dem Jodeln verschrieben hatte“.

Das Verdienst, das Jodeln nach Tremsdorf geholt zu haben, gebührt aber Gabi Sußdorf. Sie betreibt in der Alten Schule im Ort eine Seifenmanufaktur und hatte einfach mal Lust aufs Jodeln. Sie rief bei Ursula Scribano an, „weil ich wusste, dass sie gern in unserer Region wandert“. Was dann passierte, kann man mit den Worten Gabi Sußdorfs so beschreiben: „Wandernde Jodlerin trifft jodelwillige Kräuterfrau.“ Was dabei herauskommt, können Interessierte am 4. September herausfinden. Dann steht die nächste Jodelrunde an, die immer auch mit einer Wildkräuterwanderung durch die schöne Natur rund um Tremsdorf verbunden wird, dem wohl ruhigsten Ort der Gemeinde Nuthetal, in dem trotzdem viel los ist. Was für Kräuter und Pflanzen in der Idylle zu finden sind, erstaunt manchmal selbst Fachfrau Gabi Sußdorf, die zur Einstimmung vor Jodelwanderungen zum Beispiel Ebereschenwasser als Begrüßungsgetränk reicht. Keine Seltenheit ist der Vogelknöterich, ein Überlebenskünstler mit unbändiger Kraft, der Trockenheit aushält, Asphalt brechen kann und gut schmeckt. Wer bei den Wanderungen von Mücken gestochen wird, kann zum Spitzwegerich greifen. „Wir nehmen ein Blatt, zerreiben es in der Hand und legen das Zerriebene auf die Einstichstelle“, so die Kräuterexpertin. Der Stich wird danach nicht anschwellen und juckt auch nicht. „Die Natur ist aber nicht nur lieb und brav, sie hat auch wilde und gefährliche Seiten“, sagt Gabi Sußdorf. In den Wiesen rund um Tremsdorf hat sie den Gefleckten Schierling entdeckt. Die giftige Pflanze erlangte schon vor unserer Zeitrechnung Berühmtheit – durch den Schierlingsbecher, den in der Antike Todgeweihte bei Hinrichtungen oder freiwilligen Selbsttötungen tranken. Der griechische Philosoph Sokrates wurde durch den Schierlingsbecher 399 vor Christus hingerichtet.

Die Jodler sind dem Leben zugewandt. „Jodeln kann man nur, wenn man sich wohl fühlt. Wer verspannt ist, kann nicht jodeln“, sagt Gabi Sußdorf. Sie kam vor etwa fünf Jahren nach Tremsdorf und ist das, was man im besten Sinne eine Landfrau nennt. „Ich will mit dem, was mich in der Natur umgibt, etwas Schöpferisches herstellen“, sagt sie. Und sie will ein sinnvolles und gutes Leben führen. Mit „gut“ meint sie nicht zuerst den wirtschaftlichen Erfolg. Die 43-Jährige will Dinge herstellen, bei denen man spürt, dass sie mit Hingabe und Herzblut geschaffen wurden. In ihrer Tremsdorfer Seifenmanufaktur produziert sie zum Beispiel Seifen für den Fliederhof in Stücken oder Ringelblumen-Seifen fürs Körziner Restaurant „Landlust“. Die Seifennamen sind keine Spielerei. In der Fliederhof-Seife steckt wirklich Flieder vom Stückener Fliederhof und in der Landlust-Seife sind Ringelblumen aus dem Garten des Restaurants verarbeitet.

Für den Zauchwitzer Spargelhof Syring hat sie eine Kern-Seife aus dem hofeigenen Kürbiskernöl kreiert. Es gibt auch Milchseife mit Milch vom Biohof Rabe in Körzin und sogar eine Seife, die etwas mit dem Garten des Dichters Hermann Hesse (1877-1962) zu tun hat. Der Bezug zum großen Schriftsteller ist kein PR-Gag. Sie stellt Seifen für Eva Eberwein her, die das Haus von Hermann Hesse in Gaienhofen am Bodensee vor dem Verfall bewahrt hat. Am Hesse-Haus gibt es den einzigen Garten, den der Dichter selbst angelegt hat. In dem Garten wachsen Duftrosen, deren Blütenessenzen Gabi Sußdorf für die Rosen-Seife verwendet, die vornehmlich für Touristen des Hesse-Hauses bestimmt sind. So landen Kreationen aus dem kleinen Tremsdorf am großen Bodensee.

Tremsdorf, sagt sie, ist ein Ort zum Wohlfühlen. Und die Alte Schule inspiriert zu neuen Produkten und Ideen: „Das Haus hat Charme, weil es nicht glattsaniert ist.“ Darauf kann man wohl bald auch einen Schluck selbstgebrautes Bier nehmen. „Wir experimentieren da auch mit Kräutern und Gewürzen, lassen den Gefleckten Schierling aber weg“, witzelt sie. Gerstensaft-Freunde können das Bier am 6. November probieren – zum Tag der offenen Höfe in Tremsdorfs Alter Schule. Und wer will, kann danach jodeln.

Alte Schule

Die Alte Schule in Tremsdorf wurde 1853 eröffnet und bis 1970 als Schule genutzt. Danach war es eine Kita, eine Gaststätte oder das Haus stand leer.

2005 pachtete Tremsdorfs Ortsverein das Haus, in dem sich seit 2012 Gabi Sußdorfs Seifenmanufaktur befindet. Anmeldungen fürs Wildkräuterwandern und Jodeln: Tel. 0151/574 288 20.

 

 

 

Von Jens Steglich

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