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Johannes Horn geht auf die Walz

Bad Belzig Johannes Horn geht auf die Walz

Johannes Horn geht ab Montag auf die Walz. Dann auch in Kluft und mit nur fünf Euro in der Tasche. Drei Jahre und einen Tag darf er sich Bad Belzig nur bis auf 50 Kilometer nähern, will unterwegs als Zimmermannn arbeiten und für das Leben lernen. Der Export-Geselle Tobias Wendang ist schon vor Ort.

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Erst ab Montag darf und muss Johannes Horn die Kluft tragen. Tobias Wendang ist der Export Geselle, der ihn jetzt in Bad Belzig abholt.

Quelle: Tobias Potratz

Bad Belzig. Johannes Horn lehnt sich in seinem Stuhl entspannt zurück. Der gelernte Zimmermann aus Bad Belzig hat es sich im heimischen Garten bequem gemacht. Legerer Pulli, Jeans und dazu ein dampfender Nachmittagskaffee in der Sonne. Noch einmal zur Ruhe kommen bevor ab Montag alles anders wird.

Denn der 24-Jährige geht auf die Walz. Dann unterliegt er Jahrhunderte alten Regeln und Traditionen. Er darf sich demnach draußen beispielsweise nur noch in seiner Handwerkeruniform zeigen. Allerdings klingt es auch ein wenig nach Abenteuer mit nostalgischer Note: In mindestens drei Wanderjahren und einem Tag will Johannes Horn schließlich die Welt erkunden. Alles ohne Mobiltelefon und elektrische Geräte, aber mit Neugier und handwerklichem Geschick.

Überhaupt ist Johannes Horn ein junger Mann, der sein Schicksal am liebsten in die Hand nimmt. Für den Märkischen BSV ging er als Handballer viele Jahre lang auf Torejagd. Auch mit Rücksicht auf die langfristig geplante Wanderschaft ist es seit dieser Saison damit vorbei. „Es wäre blöd gewesen, sich vorher noch zu verletzen“, sagt Horn. Beruflich fand er nach dem Abitur über Umwege den Weg ins holzverarbeitende Handwerk. Nach drei Jahren Ausbildung hielt es ihn im Hohen Fläming. Vorerst. Seiner Heimat wird er nun für lange Zeit den Rücken kehren.

„Klar bin ich aufgeregt“, sagt Horn und nippt an seiner Kaffeetasse. Dann muss er schmunzeln. Ihm gegenüber sitzt ein rothaariger junger Mann, der schon eine Arbeiterkluft trägt. Tobias Wendang ist seit zehn Monaten auf Wanderschaft.

Tradition nach dem Mittelalter

Die Pflicht zur Wanderschaft der Gesellen ist in nachmittelalterlicher Zeit in bestimmten Zünften, aber längst nicht in allen, als ein Teil des Ausbildungsweges eingeführt worden. Vorausgegangen waren den Vorschriften in romanischer und gotischer Zeit die Wanderungen einzelner Bauhandwerker und ganzer Bauhütten.

Mit der zunehmenden Industrialisierung sowie Gewerbereformen nahm im 19. und 20. Jahrhundert tendenziell ab, unterlag freilich Schwankungen.

Während der DDR-Zeit war dieser Brauch nicht zugelassen. Nur wenige Ausnahmen haben dennoch versucht, das Verbot zu umgehen.

Wirtschaftliche Lage, Traditionsbewusstsein sowie alternative Lebensweise bringen dennoch zwischen 500 und 800 Gesellen in dieser Zeit in Bewegung.

Er ist der sogenannte Export-Geselle für Johannes Horn. Das bedeutet, er holt ihn ab und begleitet ihn in den ersten Monaten von Ort zu Ort und von Arbeitgeber zu Arbeitgeber. Wohl eine wichtige Hilfe, denn viele alte Regeln ergeben viele neue Hürden. Wie bewege ich mich fort, wenn ich kein Geld für Transport ausgeben darf? Wie kommuniziere ich ohne Handy? Wo finde ich Arbeit?

Einige Fragen kann der Export-Geselle zunächst beantworten. Vieles verrät er aber noch nicht. „Ich lege fest wie wir am Anfang reisen und wo wir ankommen“, sagt er. Johannes Horn weiß noch nichts. Küste? Bodensee? Rheinland? Zunächst wollen beide in Deutschland bleiben. Dabei dürfen sie sich ihren Heimatorten nur auf bis zu 50 Kilometer nähern. Überhaupt ist der Kontakt zu Familie und Freunden anfangs verboten. „Das wird eine Umstellung. So muss ich alle Probleme allein lösen und kann nicht mal schnell meine Eltern anrufen“, sagt Horn. Auch der sonst übliche warme Gruß aus der Küche, von Mutter Jeanette, der die eigene gern mal entlastet, fällt von nun an weg.

Der Appetit wird stattdessen künftig aus der Suppenküche von freundlichen Arbeitgebern gestillt, die ein Herz für Wanderleute haben. Oder reicht der Lohn auch mal für ein Schnitzel? „Wir versuchen immer den Mindestlohn auszuhandeln. Wir wollen ja keine billige Konkurrenz für die Kollegen sein“, erklärt der Export-Geselle. Zu Beginn der Wanderschaft hat Johannes Horn nur fünf Euro in der Tasche. Der Rest muss erarbeitet werden. Auch am Ende darf nur dieser Betrag in der Geldbörse liegen. Wandernde Handwerker sollen nicht profitieren, sondern vor allem lernen und das wohl größte Abenteuer ihres Lebens erleben.

„Das wird beruflich und vor allem persönlich eine große Herausforderung“, sagt Horn, der mit der Idee bei seiner Familie auf „gesunde Skepsis“ gestoßen war. „Sie waren sich nicht sicher, ob ich es durchziehe“, sagt er. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Am Montag verabschiedet er sich an einem Bad Belziger Ortsschild und läuft von dort auf eigene Faust in die weite Welt.

Von Tobias Potratz

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