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Potsdam-Mittelmark Kästner-Zitate brachten ihn in den Knast
Lokales Potsdam-Mittelmark Kästner-Zitate brachten ihn in den Knast
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02:16 03.10.2015
Manfred Leistikow aus Brück wurde zu DDR-Zeiten politisch verfolgt. Quelle: Andreas Koska
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Brück

Auch 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung hat die politische Freiheit für Manfred Leistikow eine besonders starke Bedeutung. Vor 50 Jahren wurde der Brücker aus dem Gefängnis entlassen. Rund 18 Monate saß er in den berüchtigten Zellen an der Lindenstraße in Potsdam sowie danach in Arbeitslagern in Rüdersdorf und Eisenhüttenstadt. Das alles geht ihm bis heute sehr nahe. „Ich muss jetzt wieder runter kommen“, sagt der 72-Jährige nach dem Gespräch über diese Zeit, die Gründe und die Auswirkungen auf sein Leben.

Das „Passierscheinabkommen“ ermöglichte es, West-Berlinern zwei Jahre nach dem Mauerbau, Verwandte zu Weihnachten im Osten zu besuchen. Für Leistikow war das ein Grund, Stellung zu beziehen und im beschaulichen Brück zu protestieren. „Westberliner dürfen nach Ostberlin. Das ist erfreulich und gut. Doch wann dürfen wir nach Westberlin? Man sollte darüber nachdenken. Fröhliche Weihnachten!“ Diese Gedanken schrieb der damals 21-Jährige auf ein A-4-Blatt und hängte es am Bahnhof aus.

Das Stasi-Gefängnis in der Potsdamer Lindenstraße ist heute eine Gedenkstätte. Quelle: Joachim Liebe

Als er an seiner Arbeitsstelle bei der Maschinen- und Traktorenstation in Neuendorf ankam, wurde er sofort zum Direktor zitiert. Zwei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit erwarteten ihn. Sie brachten ihn nach Belzig zum Verhör. Erstaunt vernahm der junge Schlosser, dass nicht das Flugblatt, sondern Kritzeleien auf einer Toilette der Grund für seine Festnahme waren. Zwei Zitate des Dichters Erich Kästner hatte er an eine Tür geschrieben: „Hier liegt ein Teil des Hundes begraben, auf den der Staat gekommen ist“ und „Was auch immer geschieht, lasst euch niemals so weit sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken“. Diese Zitate genügten der Staatsmacht, um ihm einen Prozess zu machen. „Das Flugblatt am Bahnhof hing einige Stunden unbehelligt, die Stasi nahm es erst ab, nachdem ich davon erzählte.“ Das war für Leistikow eine kleine Genugtuung und Bestätigung.

Heute als Zeitzeuge gefragt

Manfred Leistikow wurde 1942 in Pommern geboren. Die Familie floh 1945 nach Brück.

Seine Ausbildung zum Schlosser absolvierte Leistikow bei der Maschinen- und Traktoren-Station in Neuendorf.

Nach staatskritischen Äußerungen wurde der Brücker im Dezember 1963 verhaftet.

Nach seiner Entlassung nach 18 Monaten Haft wurde Leistikow bis zur politischen Wende 1989 vom Staatssicherheitsapparat beobachtet.

Seit einigen Jahren ist Manfred Leistikow als Zeitzeuge in der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis an der Lindenstraße in Potsdam tätig.

Der Wandel in seiner Gesinnung war mit dem Bau der Mauer gekommen. Vorher war er im FDJ-Vorstand seines Betriebes und Mitglied der Kampfgruppe. „Das brutale Absperren des Landes hat mich angewidert“, erzählt Leistikow, der fortan politisch nicht mehr aktiv war. Dennoch wurde er in Belzig und Potsdam immer wieder Verhören unterzogen. Die Stasi wollte Namen von Mittätern aus ihm heraus bekommen. Aber es gab keine.

Weil er Autogrammkarten sammelte, beäugte ihn die Stasi

Nach der Haft kam Leistikow wieder nach Brück, arbeitete weiter als Schlosser. Weil er Autogrammkarten von Sportlern sammelte, beäugte ihn die Staatsmacht wieder misstrauisch. „Meine Autogrammkartenwünsche waren der Stasi suspekt.“ Das hat Manfred Leistikow später in den Akten herausgefunden. So gab der Brücker einer westdeutschen Kanutin vier Adressen mit der Bitte um Autogrammkarten. Drei kamen an, seine nicht.

Der Mauerfall 1989 war für Leistikow eine abermalige Befreiung. Beim Blick in seine Stasi-Unterlagen stellte er fest, dass eine Betriebsversammlung nach seiner Verhaftung nur Positives über ihn erbrachte und nur ein einziger vermeintlicher Freund ihn damals ausführlich anschwärzte.

Im Knast mit dem Laufen begonnen

Beim Hofrundgang im Gefängnis hatte Manfred Leistikow mit dem Laufen begonnen. „Es war ein Traben, aber besser als langsames Gehen“, erinnert er sich. Noch heute ist das Laufen sein Hobby. Man trifft ihn bei Wettkämpfen in ganz Brandenburg. Dabei kommt es auch heute noch zu unliebsamen Begegnungen. „Den Stasi-Arzt von damals sehe ich regelmäßig bei den Lauftreffs“, erzählt Leistikow. Bisher habe er es vermeiden können, ihm die Hand zu geben.

Seine Erlebnisse will der Brücker nachfolgenden Generationen vermitteln. Mehrmals im Monat steht er in der Stasi-Gedenkstätte an der Potsdamer Lindenstraße für Schüler als Zeitzeuge zur Verfügung. Auch in Brück hat er schon in der Lambertus-Kirche über seinen Lebensweg berichtet. „Ich will, dass die Leute wissen, dass ich kein Nazi bin, ich habe keine Hakenkreuze geschmiert, wie es in Brück erzählt wurde“, erklärt Manfred Leistikow zu seiner Motivation, immer wieder über sein Schicksal zu sprechen.

Von Andreas Koska

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