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Kein Schadensersatz vom Müllpaten

Gemeinde Rosenau Kein Schadensersatz vom Müllpaten

In mehreren Orten in Potsdam-Mittelmark gammeln Hundertausende Tonnen Müll aus den Machenschaften des Umweltstraftäters Bernd R. In Zitz sollte er eine Deponie renaturieren und füllte statt dessen fleißig weiter Müll dort ein. Die Gemeinde Rosenau versuchte, von R. Schadensersatz zu bekommen und ist jetzt vor Gericht gescheitert.

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Müll in Schichten versteckt unter Sand, so sieht es auf der illegalen Mülldeponie in Zitz aus.

Quelle: Marion von Imhoff

Zitz. „Ich weiß alles“, sagt der Rentner aus Zitz. Seinen Namen will er deswegen nicht nennen. Der Mann steht vor der illegalen Mülldeponie, die ein paar Kilometer abseits des kleinen Dorfes liegt. Tonnenweise geschredderter Plastikmüll verbindet sich dort mit märkischer Landschaft. Ein paar hundert Meter verrosteter Zaun, teils niedergetrampelt, teils fehlt er ganz, umgeben die frühere Kiesgrube.

Merkwürdige Hügellandschaften tun sich auf, tiefe Gräben dazwischen. Zugewucherte Müllberge, auf denen junge Bäume wachsen. Der Mann zündet sich eine Zigarette an und erzählt: „Ich habe sie jahrelang gesehen, die Lastwagen, die den Plastikmüll brachten.“ Er sei ja oft im Wald dort gewesen zum Pilzesuchen.

Die alte Kiesgrube war zu DDR-Zeiten eine Bürgermeister-Kippe. Dort duldete in die Obrigkeit, dass Bürger ihren Müll in der Kiesgrube entsorgten. Doch nach der Wende war es damit vorbei. Die Müllkippe sollte renaturiert werden und zwar möglichst billig. Bernd R. aus Borne bei Bad Belzig bekam vor rund zehn Jahren den Auftrag der Kommune, die ehemalige Dorfkippe wieder umweltverträglich herzurichten. Doch statt dessen fuhr er weiteren Müll lastwagenweise dorthin.

Der Prozess gegen den Müllpaten

Bernd R., der damals in Borne (Bad Belzig) lebte, ist der sogenannte Müllpate von Potsdam-Mittelmark.

Das Landgericht Potsdam hat den ehemaligen Polizisten im Jahre 2012 zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft hatte in dem Verfahren sogar sechs Jahre für R. gefordert.

Die über einige Jahre hinweg vollzogene und im großen Stil verübte Umweltkriminalität war nach Einschätzung der Ermittler auch durch laxe Behördenkontrollen und Naivität verschiedener Ämter möglich geworden.

Mindestens 3240 Lastwagen-Fuhren aus Haus- und Gewerbemüll hat der Entsorgungsunternehmer auf sieben Mülldeponien verbuddeln lassen.

Auf diese Weise soll er 4,3 Millionen Euro Profit gemacht haben.

Die Firma ist in Insolvenz gegangen.

3,1 Millionen Euro wird es allein kosten, die illegale Müllkippe bei Zitz zu renaturieren, sagt Ramona Mayer, die Wusterwitzer Amtsdirektorin. Der angebliche Entsorgungsfachmann hat sein kriminelles Handwerk jedoch in vielen Dörfern verübt. Wollin, Rogäsen, Altbensdorf und Mörz sind nur einige. Es geht um hunderttausende Tonnen geschredderten und verunreinigten Hausmülls.

Keine Idylle, sondern Bäume, die auf illegalen Müllbergen wachsen

Keine Idylle, sondern Bäume, die auf illegalen Müllbergen wachsen: die Deponie in Zitz.

Quelle: Marion von Imhoff

Er galt als Heilsbringer für die Umwelt, als Entsorgungsfachmann, der frühere Polizist. Bernd R., das ist der Müllpate von Potsdam-Mittelmark.

Die Gemeinde Rosenau hat versucht, zivilrechtlich an Schadensersatz heranzukommen. Sie verklagte Bernd R.. Doch sie scheiterte jetzt, vor dem Landgericht Berlin von R. die Kosten für die Renaturierung einzuklagen. „Wegen Verjährung“, sagt Ramona Mayer.

Deren Vorgängerin Gudrun Liebener schwärmte noch vor Jahren von einem „gelungenem Beispiel für das Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie“. Denn Bernd R. hatte auch für die Mülldeponie in Altbensdorf den Auftrag, Umweltsünden von einst wieder gut zu machen. Bezahlen sollten das Firmen mit einer Kippgebühr, deren Recycling-Material und Erdreich R. in die Deponien zur Sanierung zu kippen versprach.

„Die Kiesgrube war tief“, weiß der Zitzer Rentner. Heute ist sie gebirgig. Mittlerweile ist Gras über die Deponie gewachsen. Hüfthoch. Es ist eine nur scheinbar idyllische Landschaft. Wer auf den Boden blickt, sieht überall Plastikmüll hervorschauen. Eine Schicht Müll, eine Schicht Erde, wie Schichtkuchen. Ein unterarmlanges weißes Plastikruder ragt auf einem Hügel unter Büschen wie ein Gerippe hervor.

Gut lesbar auch nach mehr als zehn Jahren sind noch viele der Aufschriften wie hier auf der Verpackung eines Kaffeegetränks

Gut lesbar auch nach mehr als zehn Jahren sind noch viele der Aufschriften wie hier auf der Verpackung eines Kaffeegetränks.

Quelle: Marion von Imhoff

Wer sich im Dorf umhört, kriegt die Antwort, „ach, die Mülldeponie. Da gab es ja vor Jahren Ärger“. Doch der Ärger schwelt weiter: „Die Gemeinde kann die Entsorgungskosten auf keinen Fall selbst tragen“, sagt Amtsdirektorin Mayer. Sie hofft auf die Hilfe des Landes. Die Kommune muss nun auch noch die Verfahrenskosten für den Rechtsstreit gegen Bernd R. tragen. Das sind weitere tausende Euro. Doch gegen den Gesamtschaden, den R. der öffentlichen Hand hinterließ, ist das fast nichts: Die komplette Beseitigung seines Müllerbes in Potsdam-Mittelmark würde 73 Millionen Euro kosten.

In der Zuständigkeit des Landesamtes für Umwelt gibt es 65 illegale Müllkippen. Die wenigsten davon sind beräumt. Das ergab die Kleine Anfrage des Grünen-Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke. Im laufenden Jahr stehen dem Land 4,2 Millionen Euro für Untersuchungen, Sicherung und Sanierung der illegalen Kippen zur Verfügung. Das teilt Umweltminister Jörg Vogelsänger mit. 2018 werden es 4,7 Millionen Euro sein. Somit würde allein die Zitzer Deponie fast das Landesbudget für ein Jahr auffressen.

Wie lange wird die Zitzer Melange aus Müll und Landschaft noch vor sich hin rotten? „Dazu kann ich nichts sagen“, sagt Ramona Mayer. Einen Zeitplan, wann das Geld beisammen ist, gebe es nicht. „Der Müll liegt da ja schon acht Jahre.“ Das klingt, als würde er mindestens so lange weiterhin dort gammeln. Von Vergammeln kann in keine Rede sein. Einige Aufschriften des Mülls sind noch gut lesbar. „Wiener Melange“ preist ein Schild ein lösliches Kaffeegetränk an. Das Müllproblem scheint sich nicht zu lösen.

Von Marion von Imhoff

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