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Potsdam-Mittelmark Ein Windrad könnte ihr Leben zerstören
Lokales Potsdam-Mittelmark Ein Windrad könnte ihr Leben zerstören
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00:46 21.04.2018
Im Hundezentrum kümmert sich Thomas Baumann auch um Hundesenioren. Die Älteste, Winnie (18 Jahre), ist nicht mehr gut zu Fuß, aber glücklich auf dem Grundstück am Waldrand. Quelle: Victoria Barnack
Nichel

Wenn die Gemeindevertreter aus Mühlenfließ über Wegerechte und Nutzungsverträge von Windrädern abstimmen, geht es für Thomas Baumann und seine Frau Ina Baumann-Samuel um ihre Existenz. Seit neun Jahren leben die beiden ehemaligen Polizisten auf einem Grundstück in der Gemarkung Nichel, knapp 1500 Meter westlich von Treuenbrietzen – direkt am Rande eines Waldes und Windeignungsgebietes.

In etwa 600 Meter Entfernung planen Windenergiefirmen nun mehrere große Anlagen. Weil sie außerhalb jeglicher Ortslage wohnen, wäre das rechtlich wohl zulässig. „Wir sind nicht gegen Windenergie“, sagt Thomas Baumann, „aber wir fürchten um unsere körperliche Unversehrtheit und um die unserer Gäste und Hunde.“

Man sieht sie und man hört sie auch: Derzeit steht das nächste Windrad knapp einen Kilometer entfernt vom Hundezentrum. Quelle: Victoria Barnack

Wie sehr sich die modernen Energieanlagen auf den Alltag auswirken, weiß das Paar schon jetzt. Obwohl die jüngsten Pläne noch nicht genehmigt sind. Die nächstgelegene Anlage steht derzeit knapp 1200 Meter weit weg. „Anfangs haben unsere Gäste gefragt, warum man die Autobahn bis hierher hört“, erzählt Ina Baumann-Samuel, „bis wir gemerkt haben, dass der Lärm vom Windrad kommt.“

„Was die Windenergiefirmen erzählen, kommt uns komisch vor“

Fast von jedem Winkel des Grundstücks aus ist das mehr als einen Kilometer entfernte Bauwerk zu sehen. „Dabei hatten wir uns das Grundstück wegen der ruhigen, friedlichen Lage ausgesucht“, sagt Ina Baumann-Samuel. Sie stammt aus Hessen, ihr Mann aus Baden-Württemberg, beide lebten lange in Sachsen.

„Wenn uns die Windenergiefirmen jetzt erzählen, dass die neuen, größeren Anlagen einfach hinterm Wald verschwinden sollen, dann kommt uns das schon komisch vor“, sagt sie.

Vor zehn Jahren haben zwei ehemalige Polizisten ihr Hundezentrum aufgebaut. Quelle: Victoria Barnack

Mehrere hundert Menschen aus der Region, ganz Deutschland und dem internationalen Ausland empfangen die beiden jedes Jahr. Auf ihrem 2,5 Hektar großen Grundstück haben sie ein Hundezentrum samt Hundehotel, -schule, Seminarräumen und Übernachtungsmöglichkeiten eingerichtet.

„Unser ganzes Herz gilt dem Tierschutz“, erklärt Baumann. Auch mehrere Hundesenioren fristen ihr Dasein auf dem Hof. Viele Tierhalter aus der Region nutzen den Platz und die Gassirunde.

Anwohner lehnen Entschädigungen von Windfirma ab

Das Paar hinterfragt deshalb die Vorhaben der Betreiber. Im Oktober kam erstmals eine Firma auf sie zu. Die Mitarbeiter von EnBW wollten auch über Entschädigungszahlungen sprechen. „Das lehnen wir kategorisch ab“, sagt Thomas Baumann, „es unterstreicht, dass die Energiefirma Schäden ganz einfach einkalkuliert.“

Der Hunde-Profi verweist auf neue Studien, die die schädliche Wirkung des Infraschalls untermauern. „Auch Ärzte bestätigen, dass die Belastung bisher unterschätzt wurde“, so Baumann.

Thomas Baumann: „Entschädigungszahlungen lehnen wir kategorisch ab. Es unterstreicht, dass die Energiefirma Schäden ganz einfach einkalkuliert.“ Quelle: Victoria Barnack

Baumanns fühlen sich nicht ernst genommen

Er ist enttäuscht vom Staat, der die Bürger seiner Meinung nach zu wenig informiert. Hinzu kommen für ihn fragwürdige Standpunkte der Schallmessungen.

„Wir konnten den Karten entnehmen, dass die Messpunkte an dem Ende unseres Grundstücks angesetzt wurden, das am weitesten vom Windrad entfernt sein würde“, erklärt er. Kurzum: Die Betreiber des Hundezentrums fühlen sich nicht ernst genommen.

Lärm durch Windräder könnte die Existenz zerstören

Sie treten nun die Flucht nach vorn an. „Wir haben keine andere Wahl, als uns mit Händen und Füßen unter Einbeziehung aller denkbaren juristischen Mittel zu wehren“, erklärt Thomas Baumann. Denn an dem Grundstück hängt die Existenz des Paares.

„Wenn wir von Windrädern eingekesselt werden, befürchten wir ein Ausbleiben der Gäste“, sagt Ina Baumann-Samuel. Auch für die „Dogworld“-Stiftung ist das Gelände unerlässlich. Sie wurde gegründet, um das Personal von Tierheimen zu schulen und ein Hundealtersheim betreiben zu können.

Genau das tun Thomas Baumann und Frau Ina Baumann-Samuel dort inzwischen seit fast zehn Jahren. „Wo sollen wir denn mit so einer großen Anlage hin“, sagt Thomas Baumann.

Unterstützung von Lokalpolitikern aus Treuenbrietzen

Um die Katastrophe abzuwenden, haben die Unternehmer und Hundeliebhaber nicht nur den juristischen Weg eingeschlagen. Das Paar will auch mit den Lokalpolitikern ins Gespräch kommen.

Ersten Zuspruch gab es bereits aus Treuenbrietzener Richtung. Die Stadtverordneten hatten sich kürzlich gegen den Bau von Windrädern in der Gemarkung Nichel ausgesprochen. Ihre Entscheidung begründeten sie mit einem Verweis auf „Bedenken bezüglich der neuen Schallprognosen, Verspargelung der Fläminglandschaft und Einhaltung der Erholungsfunktion sowie die Erhöhung der Belastung der Bürger der Stadt“.

Drei Windpark-Projekt in der Gemeinde

Auch die Mühlenfließer Gemeindevertretung hat bereits angekündigt, im Sinne der Anwohner zu entscheiden. Sie tagen am Donnerstag um 19 Uhr in ihrer Sitzung zu dem Sachverhalt. Dann geht es um die zwei EnBw-Anlagen, in Richtung Rietz, die noch umstritten sind.

In der Gemeinde Mühlenfließ ist ein anderes Projekt für den neuesten Windpark bei Nichel, der an die elf Anlagen bei Rietz anschließen wird, schon seit September gebilligt. Genehmigt sind zudem weitere, schon länger geplante Anlagen der Firma Enercon zwischen Niederwerbig und Grabow.

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Von Victoria Barnack

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