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Klein-Utopia in Kanin

Auf einem Vierseithof versuchen 30 Leute, eine Solidargemeinschaft zu sein Klein-Utopia in Kanin

Es gibt Gemeinschaftsbüros und Gemeinschaftsautos und Entscheidungen werden miteinander im Plenum getroffen: Auf einem Vierseithof im Dorf Kanin versuchen junge Leute, eine Solidargemeinschaft zu sein. Sie sind dabei ziemlich erfolgreich. Die 30 Bewohner der Genossenschaft „Lauter Leben“, von denen hier die Rede ist, sehen jedenfalls glücklich aus.

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Ein gemeinsames Essen ist kein Muss, aber oft die Regel. In der Mitte des Vierseithofs ist der Spielplatz für die Kinder. Der Hof war vor sechs Jahren an die Genossenschaft verkauft worden.

Quelle: JST

Kanin. Sie kommen aus Hamburg, Münster, Kopenhagen und Freiberg, sind Musiker, Grafiker oder Sozialarbeiter und leben jetzt im kleinen Dorf Kanin. 16 Erwachsene und 14 Kinder teilen sich dort einen Vierseithof. Das Teilen wird dabei wörtlich genommen. Sie haben ein Gemeinschaftsbüro, eine Gemeinschaftswerkstatt, eine Gemeinschaftsküche und vier Gemeinschaftsautos. Was – abgesehen von den Autos – ein bisschen an die Beschreibung von Thomas Morus’ verheißungsvoller Insel „Utopia“ erinnert, ist eine muntere Genossenschaft, die sich „Lauter Leben“ nennt. Ohne Pathos könnte man auch sagen: Es sind acht Familien, die in Kanin versuchen, eine Solidargemeinschaft zu sein und dabei ziemlich erfolgreich sind. Die Bewohner dieser „Insel“ mitten auf dem Lande sehen jedenfalls glücklich aus.

In Israel würde man den Kaniner Vierseithof wohl einen Kibbuz nennen. „Für einen Kibbuz fehlt uns aber der ideologische Überbau“, sagt Diana. Ein paar Prinzipien gelten trotzdem. Dass Nachnamen keine Rolle spielen und alle sich duzen, musste freilich niemand zur Regel erheben. Gesetz aber ist, dass es ein Plenum gibt, in dem alle Genossenschaftsmitglieder gleichberechtigt vertreten sind und das sich einmal in der Woche trifft. Dort wird alles besprochen, dort fallen Entscheidungen – nach dem Konsensprinzip. Eine Frage war zum Beispiel: „Schaffen wir uns Hühner an, und wenn ja, wie viele?“ Weil solche Weichenstellungen nur vorgenommen werden, wenn sie von allen mitgetragen werden, musste der Plan, sich Hühner anzuschaffen, wohl ein paar Jahre reifen. Genau genommen bis zu jenem Zeitpunkt, als einer sagte: „Ich baue das Hühnerhaus.“ So gehören jetzt auch die Hühner Lisbeth, Ina Colada, Henriette und Brillan zum Vierseithof. Konsens war dabei die Lust, mehr Tiere auf dem Hof zu haben. Auch über den Besuch des MAZ-Reporters wurde basisdemokratisch abgestimmt: Keiner war dagegen. Transparenz gehört zu den nicht abgesprochenen Prinzipien, die Kanins weltoffene Vierseithof-Bewohner auszeichnet. Ihren Hof haben sie auch schon für die Öko-Filmtour geöffnet und alle zwei Jahre findet ein Musikfestival statt. Im vergangenen Jahr waren 800 Leute dabei. Die Nachbarn werden vorgewarnt: Am Festival-Tag wird es wirklich laut – in der Wohngenossenschaft „Lauter Leben“. Beim Festival hängen die Vierseithof-Bewohner ihre Babyphone um und tanzen mit. Die spezielle Party-Ausrüstung zeigt: Zurzeit sind es junge Leute mit Kindern, die auf dem Hof leben.

Da ist zum Beispiel Diana (36), die mit ihren Kindern Jona (4) und Bela (2) und Papa Daniel (41) in Kopenhagen wohnte, bevor sie nach Kanin zogen. Diana trinkt gern Kaffee, sitzt am liebsten mit Mitbewohnern auf dem Hof und will nächstes Jahr eine Praxis für Frauennaturheilkunde eröffnen. Der Umzug aus der dänischen Hauptstadt ins Beelitzer Dorf Kanin war eine Entscheidung für mehr Selbstbestimmtheit. „Für uns war es wichtig, dass unsere Kinder rausgehen können und spielen“, so Daniel. In der Großstadt war der Gang zum Spielplatz ein bisschen wie Gassi-Gehen, sagt Diana: Ohne Begleitung konnten die Kinder nicht raus. In Kanin lebt die Familie nun unter anderem mit Anita (33) zusammen. Anita hat zwei Töchter, ist Grafikdesignerin und Illustratorin und stammt aus dem sächsischen Freiberg. Sie mag es, in der Stadt zu sein und bei der Rückkehr nach Kanin zu merken, „wie ruhig es hier ist“. Und sie schneidet gern Haare. Mit ihr können Mitbewohner ein Tauschgeschäft abschließen: Für ein Mittagessen gibt es den Haarschnitt. Ansonsten ist Kanins ideologiefreier „Kibbuz“ gut organisiert. Die Aufgaben, die anstehen, rotieren. Müll- oder Hofdienst hat jeder mal zu erledigen. Auch im Vorstand und in der Buchhaltung der Genossenschaft gilt das Rotationsprinzip. Das Essen bestellen die Bewohner bei einem Bio-Großhandel, einmal in der Woche kommt der Wagen mit Lebensmitteln vorbei.

Wohnprojekt „Lauter Leben“

Angefangen hat alles 1997, als die erste Familie der Gemeinschaft den Vierseithof gekauft und bezogen hat.

2009 wird die Genossenschaft „Lauter Leben“ gegründet, der Hof wird an sie verkauft.

Ab Herbst werden neue Mitbewohner für eine freiwerdende Wohnung gesucht. Oberstes Aufnahmekriterium: Man muss zueinander passen. Das wird mit Interessenten auch bei einem Probewohnen getestet. Weitere Informationen: www.lauter-leben.de

 

Neu dabei ist seit März Karina (34), die mit ihrer zweijährigen Tochter Jagoda aus Magdeburg herkam. Die kleine Jagoda ist blind. Für sie ist es zum Beispiel wichtig, dass die Stühle im Gemeinschaftsraum (Atrium) immer an der gleichen Stelle stehen, damit sie sich orientieren kann, ohne anzuecken. Für eine lebhafte Gemeinschaft, die sich „Lauter Leben“ nennt, durchaus eine Herausforderung. „Wir haben dann von der Stuhlordnung im Atrium Fotos gemacht, damit alle wissen: So sollen die stehen bleiben“, erzählt die Mutter. Sie vergibt das schönste Lob an Kanins Solidargemeinschaft: „Für Jagoda ist es hier möglich, ganz normal aufzuwachsen.“

Von Jens Steglich

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