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Kleinmachnow Ahlgrimm geht nach 16 Jahren ohne Abschied
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02:21 01.06.2018
Carl Ahlgrimm (CDU) räumt sein Büro, nimmt das Bild von Fritzi und Bella ab sowie den Bandmaß-Rest. Quelle: Foto: Abromeit
Großbeeren

Nach 16 Jahren ist für Großbeerens Bürgermeister Carl Ahlgrimm (CDU) am Donnerstag nach der Gemeinderatssitzung der letzte Arbeitstag seiner zwei Amtszeiten zu Ende. Zur Neuwahl im Januar war er nicht mehr angetreten. Die Stimmung im Ort ist seither so angespannt, dass er trotz aller Erfolge für die Gemeinde mit dem äußerst gefragten GVZ einen offiziellen Abschied ablehnt.

Bleibt es dabei, dass Sie eine öffentliche Verabschiedung ablehnen?

Carl Ahlgrimm: Ja. Aber natürlich verabschiede ich mich von denen, die mir wichtig sind, und bei denen ich mich bedanken möchte.

Mit welchen Gefühlen verlassen Sie das Rathaus Großbeeren?

Mit ausgesprochen gemischten. Einerseits mit nicht unerheblicher Zufriedenheit, wie sich die Gemeinde entwickelt hat; ja, auch mit Stolz. Und mit einem Großteil Sorge, wohin die Reise für Großbeeren weiter geht. Viele haben vergessen, selbst die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken, haben die immer höhere Erwartung, eigene Probleme von anderen gelöst zu bekommen.

Wie sehen Sie Ihre Rathausmannschaft und die insgesamt knapp 100 bei der Gemeinde Beschäftigten?

Im Rathaus gibt es eine tolle Truppe! Aber auch die hat sich verändert. Das Pflichtbewusstsein der Alten wie Bau- und Planungschef Udo Pacholik, Ordnungsamtsleiter Joachim Rust oder Kämmerin Gisela Röder gibt es in dieser Ausprägung nicht mehr. Dafür haben die „Nachfahren“ andere Qualitäten.

Was bleibt vom Streit um Ihre Nachfolge, bei der SPD-Mann Tobias Borstel gewählt wurde und nicht Ihr Stellvertreter und Wunschkandidat Uwe Fischer von der CDU?

Bei mir nichts. Dass mich das Wahlergebnis nicht freut, ist normale Demokratie, die jeder zu akzeptieren hat. Allerdings hat dieser Wahlkampf hier in Großbeeren entscheidende Änderungen verursacht. Einerseits zutage gebracht, welche Stimmungen im Ort herrschen, zum anderen hat er dazu geführt, dass sich die politische Landschaft neu zusammen rüttelt.

Sie meinen den Ausschluss des ehemaligen Ortsvorsitzenden Dirk Steinhausen aus der CDU-Fraktion?

Nicht nur das. Es wird noch weitere Änderungen geben.

Über die Sie nicht sprechen wollen?

Das kundzutun steht mir nicht zu.

Wenn Sie an Ihre Erwartungen beim Amtsantritt 2002 denken – was ist eingetroffen, was sieht für Sie im Rückblick völlig anders aus als Sie sich vorgestellt hatten?

Eingetroffen ist die Entwicklung der Gemeinde hinsichtlich der Einwohnerzahl und als Wirtschaftsstandort. Damit verbunden ist die Beliebtheit als Wohnort. Überrascht bin ich aber von der Entwicklung gerade in den letzten Jahren bei Kinder- und Schülerzahlen. Damit hätte selbst ich beim besten Willen nicht gerechnet. Als wir die Kita „Kunterbunt“ mit 40 Plätzen geplant hatten, wurde geunkt, die stehe in fünf Jahren leer; jetzt hat sie eine Sondergenehmigung für 129 Plätze... Großbeeren hat sich wirklich zu einer Vorzeigegemeinde entwickelt, auch wenn ein paar Straßen noch auf ihre Erneuerung warten. Wir leben hier kommunal auf sehr hohem Niveau.

Woran machen Sie das fest?

An der sozialen Infrastruktur mit Schule, Kitas, Hort und Bibliothek. Auch mit der Wirtschaftsentwicklung können wir sehr zufrieden sein.

Wobei hätten Sie gern mehr erreicht?

Mir drückt sehr auf die Seele, dass wir die Wohnraumversorgung bisher nicht in den Griff bekommen haben. Dabei müssen wir in den zurückliegenden drei Jahren fast Stillstand konstatieren. Und das bei der riesigen Nachfrage.

Sie meinen den Bebauungsplan An den Saufichten und die beabsichtigte Teilprivatisierung der Wohnungsbaugesellschaft, weshalb sich der Gemeinderat so zerstritten hat?

Aus Vermarktungsgründen nennen wir die rund 30 Hektar jetzt „Nördliches Ruhlsdorfer Feld“. Seit drei Jahren wurde dafür kein Kompromiss gefunden. Deshalb wird es jetzt wohl scheibchenweise beplant und entwickelt. Das fällt uns sicher noch mächtig auf die Füße.

Stichwort Güterverkehrszentrum?

Das ist mit inzwischen fast 9400 Arbeitsplätzen das herausragende Gewerbegebiet mit fast europaweiter Ausstrahlung. Die Bedeutung für die Versorgung Berlins sehen wir an der Vollvermarktung und der anhaltenden Nachfrage. Dass es so schnell voll ist, überraschte uns alle.

Bekommt die Gemeinde ihre 2018 erwarteten 7,5 Millionen Euro Steuern ausschließlich vom GVZ?

Nein, aber sie sind natürlich mit geschätzt 80 Prozent der Löwenanteil.

Wann sollen im Ort Elektroautos und fahrerlose Kleinbusse Alltag sein?

Das ist natürlich Zukunftsmusik. Zunächst geht es um das 1,5 Kilometer lange Pilotprojekt zwischen Bahnhof und Lidl-Lager. Ende des Jahres hat Großbeeren drei Elektro-Tankstellen. Aber die Gemeinde selbst hat bisher noch kein E-Auto.

Und Ihr Dienstfahrzeug?

Das ist ein kleiner Kia-Benziner mit Automatik. Der ist knapp 50 000 Kilometer gefahren. Mein Nachfolger hat andere Vorstellungen, deshalb geben wir den Kia als erstes Dienstfahrzeug überhaupt an die Wobau.

Wie ist der Stand der Dinge im Streit mit dem Land um das 20 Hektar große Plangebiet Gutshof Heinersdorf, bei dem es über Jahre um Status und Ausnahmen des Landschaftsschutzes ging?

Dort könnte die erstaunliche Situation eintreten, dass es schneller geht als gedacht. Das Gebiet gehört den Berliner Stadtgütern. Und die könnten die Fläche als mitwirkungsbereiter Eigentümer mit der landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaft entwickeln.

Das Siegesfest Großbeeren ist...?

...das große Fest der Gemeinde mit einem Alleinstellungsmerkmal in der Region und eingebettet in eine ganze Kette historischer Orte und Ereignisse von 1813 bis 1815.

Welchen Wert haben Initiativen im Ort wie Bürgertisch, Flüchtlingshilfe oder Kulturverein?

...und die Fördervereine der Feuerwehr, Gemeinschaftsleben Diedersdorf oder die vielen Sportvereine  – einen extrem hohen Stellenwert für das gesellschaftliche Leben im Ort. Ich wünsche mir jedoch, dass diese Ehrenamtler mehr Rücksicht nehmen, dass nur die Vielfalt den Gewinn für die Gemeinde ausmacht und nicht ausschließlich eigene Interessen im Vordergrund stehen.

Lebensstationen von Carl Ahlgrimm

Geboren wurde Carl Ahlgrimm am 19. Februar 1957 in Berlin.

Seine Ausbildung zum Diplom-Verwaltungswirt absolvierte er von 1981 bis -84 an der Fachhochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Bis 1990 arbeitete er in der Bezirksverwaltung Berlin-Steglitz, dann bis 2002 als Verwaltungsleiter Geheimes Staatsarchiv/Stiftung Preußischer Kulturbesitz. 2000 zog er nach Diedersdorf, wurde 2001 ehrenamtlicher Bürgermeister bis zur Eingemeindung nach Großbeeren. 2002 wurde er hauptamtlicher Bürgermeister, 2010 ohne Gegenkandidat wiedergewählt.

1980 trat Ahlgrimm in die SPD ein, 1990 aus dieser Partei aus; seit 2017 ist er CDU-Mitglied.

Carl Ahlgrimm ist verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkel.

Wie ist der Tourismus anzukurbeln?

Es ist mir in meinen 16 Jahren Amtszeit nicht wirklich gelungen, das Mögliche auf den Weg zu bringen. Die wichtigsten Akteure schauen bisher zu sehr aufs eigene Geschäft.

Fehlt da ein Gewerbeverein?

Der würde mit Sicherheit viel bewegen können.

Was sagen Sie dem Gemeinderat?

Sich wieder mehr auf den Geist der 1990er Jahre zu besinnen und an der Sache orientiert nach den besten Lösungen für Großbeeren zu suchen. Die politische Farbenlehre sollte kommunal keine Rolle spielen. Funktionierte das, wäre mir um Großbeerens Zukunft nicht bange.

Ziehen Sie sich ganz privat zurück?

Na klar ziehe ich mich ins Private zurück. Aber Vorsitzender der Fluglärmkommission bin ich für die kommenden zwei Jahre, im Ortsverband der CDU werde ich meinen Mund auch nicht halten, und ebenso werde ich privat nicht auf der faulen Haut liegen, sondern mich einbringen, wo es möglich ist. Meine Frau, unsere Hunde, Esel und Katzen sehen mich künftig mehr, auch Kinder und Enkel werden nun mehr vom Vater und Opa haben.

Von Jutta Abromeit

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