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„Das letzte Glied in einer Kette des Versagens“

„Tatort“-Autor aus Kleinmachnow im MAZ-Gespräch „Das letzte Glied in einer Kette des Versagens“

In einer Kleinstadt nehmen die Kommissare Falke und Lorenz einen Afrikaner fest, der für Schleuser mit gefälschten Pässen handeln soll. Am Morgen erfahren sie, dass der Mann in seiner Zelle verbrannt ist... Der neue „Tatort“ bezieht sich auf den realen Fall von Oury Jalloh. Das Drehbuch hat der gebürtige Kleinmachnower Stefan Kolditz geschrieben.

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Die Zeit der Wunder ist vorbei

Die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) beginnen auf eigene Faust zu ermitteln, nachdem der Verdächtige, ein Asylbewerber, in seiner Zelle verbrannt ist.

Quelle: NDR

Kleinmachnow. Der aus Kleinmachnow stammende Autor Stefan Kolditz hat das Drehbuch für den neuen „Tatort“ geschrieben. „Verbrannt“ bezieht sich auf den realen Fall von Oury Jalloh aus Sierra Leone, der 2005 in Dessau in Polizeigewahrsam verbrannt ist.

MAZ: Oury Jalloh ist 2005 mit Handschellen gefesselt in eine Gefängniszelle in Dessau verbrannt. Woher kam die Idee, den Fall für einen „Tatort“ aufzugreifen?

Stefan Kolditz: NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath sprach mit mir vor zwei Jahren über das Thema, und ich hatte sofort Interesse. Der Fall hatte mich schon länger bewegt. Dass ein Asylbewerber in Deutschland in Polizeigewahrsam verbrennt – das überstieg mein Vorstellungsvermögen.

Wie haben Sie sich dann über die Geschehnisse in Dessau informiert?

Kolditz: Polizei und Staatsanwaltschaft hatten zunächst alles getan, um den Fall zu vertuschen. Das hat die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ verhindert. Daraus entwickelte sich ein öffentlicher Diskurs, den ich von Anfang an verfolgt habe. Ebenso wie die Arbeit von Pagonis Pagonakis vom WDR. Pagonakis hat uns auch Recherchematerial zur Verfügung gestellt und beraten. Ebenso Prof. Rafael Behr von der Polizeikademie Hamburg.

Aber ihr Film ist keine 1:1-Abildung der realen Ereignisse, oder?

Kolditz: Nein. Wir erzählen nicht „Das Leben und Sterben des Oury Jalloh“. Wir haben aber viele Details aus Protokollen und Prozessaussagen verwendet – weil die so pervers sind, dass sich das kein Drehbuchautor ausdenken könnte. Der Fall aber soll über sich hinausweisen und die Frage nach dem Rassismus in uns allen stellen. Das ist die Reise, die auch Falke in diesem „Tatort“ macht.

Zur Person

Stefan Kolditz wurde 1956 in Kleinmanchow geboren. Er ist Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor.

Der Grimmepreisträger hat unter anderem die Drehbücher zu „Dresden“, „Unsere Mütter, unsere Väter“ und „Nackt unter Wölfen“ verfasst.

Am Sonntag, 11. Oktober, 20.15 Uhr, läuft sein „Tatort“ mit dem Titel „Verbrannt“ in der ARD.

Der von Wotan Wilke Möhring verkörperte Falke dient also als Identifikationsfigur?

Kolditz: Ich kann mich schon auch in diese Polizisten einfühlen, ohne dass ich ihr Verhalten toleriere. Die Polizei ist das letzte Glied in einer Kette des Versagens von Politik und globaler Ökonomie. Ich hoffe sehr, dass es den Zuschauern schwerfällt, eine klassische Schwarz-Weiß-Haltung gegenüber der Polizei zu beziehen, und die größeren politischen Zusammenhänge mitdenken.

Der „Tatort“ spielt im westdeutschen Salzgitter und nicht im ostdeutschen Dessau ...

Kolditz: Dass vor allem der Osten statistisch gesehen rassistischer sein soll als der Westen ist für mich eine Schutzbehauptung. Damit macht man es sich zu einfach.

Die Flüchtlingsdebatte beherrscht die Medien. Kommt der „Tatort“ da genau zum richtigen Zeitpunkt oder haben die Zuschauer vielleicht schon genug vom Thema?

Kolditz: Ich hoffe natürlich, dass ein „Tatort“, der so präzise zur Situation passt, ein großes Publikum findet. Dass parallel das Fußball-Länderspiel auf RTL läuft, ist da schon unglücklich. Wir hatten versucht, den Ausstrahlungstermin verlegen zu lassen. Leider vergeblich. Eigentlich ist das ein Skandal.

Sie haben für ihr Buch zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ sehr gute Kritiken bekommen, sogar international. Auch einige Krimis der „Tatort“-Reihe sind mutiger als noch vor einigen Jahren. Ist das deutsche Fernsehen auf dem Weg, endlich innovativer und sehenswerter zu werden?

Kolditz: Ich bin da eher pessimistisch. Ich finde die Dominanz von Kriminalfilmen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wie ein Prokrustesbett. Und dass der „Tatort“ eine beinahe kultische Verehrung erfährt, ist mir auch eher unheimlich. ARD und ZDF machen immer noch ein Programm, das sich vor allem an die Generation 60+ wendet. Ich will damit nichts gegen dieses Publikum sagen, aber so sind bestimmte Erzählformen kaum möglich, weil die Quote Dogma ist.

Aber ist der „Tatort“ mit seiner hohen Akzeptanz da nicht eine Chance?

Kolditz: In der Tat ist der „Tatort“ eine Möglichkeit, experimenteller und risikovoller zu sein. In unserem Film witzeln sich beispielsweise nicht zwei Ermittler durch die Handlung, am Ende ist der Täter gefasst, und alles ist gut. Bei uns bleibt das Unbehagen. Auch ästhetisch ist dieser „Tatort“ besonders. Aber nun müssen wir abwarten, denn wenn die Einschaltquoten nicht so hoch sein sollten wie gewohnt, dann werden ähnliche Projekte gleich wieder in Zweifel gezogen.

Von Christiane Eickmann

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