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Kuh Karla und der erste Weideabtrieb

Stücken Kuh Karla und der erste Weideabtrieb

Es wird ein Gaudi, wie ihn Stücken noch nicht erlebt hat: Erstmals in der Geschichte des Ortes wird es einen Weideabtrieb geben, wie man ihn sonst nur aus Alpenländern kennt. Stücken hat alles, was man dafür braucht – eine Rinderherde, fröhliche Menschen, Alphornbläser, die zutrauliche Kuh Karla, die mit Glocke die Herde anführen soll, und sogar einen Berg.

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Landwirt Jens Schreinicke unter seinen Tieren. Noch stehen die Rinder auf der Sommerweide. Am Samstag marschieren sie durchs Dorf.

Quelle: Jens Steglich

Stücken. Es wird ein Spektakel, wie es Stücken – vielleicht die ganze Region – noch nicht gesehen hat. Im 700. Jahr des Bestehens gibt es erstmals in der Geschichte des Ortes einen Weideabtrieb. Eine Mutterkuhherde wird am Samstag von der Sommerweide heruntergetrieben und durch den Ort zum Winterquartier geführt. Es wird vieles so sein wie beim berühmten Almabtrieb in den Alpenländern, auch wenn Stückens Landwirt Jens Schreinicke es nicht Almabtrieb nennen will – aus Respekt vor der jahrhundertealten Tradition und den hohen Bergen dort.

Trotzdem: Stücken hat alles, was man dafür braucht – eine stattliche Rinderherde, fröhliche Menschen, Alphornbläser, die zutrauliche Kuh Klara, die mit Glocke die Herde anführen soll, und sogar einen Berg. Genau genommen sind es ganze Bergzüge. Im Südosten Stückens gibt es zum Beispiel den Hohen Berg, den Fichtenberg und den Weinberg. Bei Lichte besehen sind es freilich alles kleine Hügel. Landwirt Jens Schreinicke hofft dennoch, dass seine 50 Rinder, wenn sie erst einmal den etwa 60 Meter hohen Weinberg hinter sich haben, ein bisschen außer Puste sind. Denn von den Weiden des Weinbergs geht es herunter ins Tal in den Ort hinein und mitten über die Dorfstraße, wo die Menschen ab 13.30 Uhr Spalier stehen können. Mensch und Tier werden entlang der Dorfstraße durch Strippen getrennt, die aussehen wie Elektrozäune. Vor denen haben die Kühe großen Respekt. Dann gibt es noch die Treiber links und rechts und am Ende der Herde. Einige Treiber stellt der 11-Uhr-11-Club, der nichts mit Karneval zu tun hat und doch im Ort für Stimmung sorgt. „Ich hoffe, es artet nicht aus wie in Pamplona“, sagt Schreinicke. Der Zuchtbulle wurde vorsichtshalber vorher auf die Winterweide gebracht. In Stücken soll es gemütlicher als in Spaniens Stierkampf-Hochburg zugehen. Schreinicke fährt mit Trecker und Lockfutter vornweg und geht davon aus, dass ihm die Herde folgt. Hinter ihm soll in aller Ruhe Karla die Herde anführen – die zutraulichste und vernaschteste Kuh der Welt. „Wenn man den Pick-up abstellt und Wasser pumpt, schnüffelt sie schon auf der Ladefläche herum und wühlt nach Leckerlis“, erzählt der Landwirt. Möhren mag Karla besonders gern. Wenn ein paar davon auf dem Trecker liegen, dürfte sie dem Lockgeruch bis zur Wiese hinterm „Landhaus zu Stücken“ nachlaufen. Dort endet Stückens erster Weideabtrieb zumindest für die Tiere. Die Menschen feiern im Festzelt weiter – mit zünftiger Blasmusik und kulinarischen Spezialitäten wie Gulasch vom Stückener Weiderind!

Angefangen hat alles im Jahr 2016 bei einer Sitzung des Festkomitees, das die 700-Jahrfeier Stückens vorbereitete. Einer hatte die Idee: „Mensch Jens, du könntest mit deinen Rindern mal einen Almabtrieb machen.“ Für November suchten sie noch einen Programmpunkt zum Jubiläumsfest, das in Stücken das ganze Jahr gefeiert wird. Wie die Leute vom Festkomitee ihn herumgekriegt haben, schildert Schreinicke so: „Wir saßen ziemlich nah am Tresen und Bier hat bei der Überzeugungsarbeit auch eine Rolle gespielt.“ Den Gaudi will er mit einer Botschaft verbinden: „Wir wollen mit dem Weideabtrieb auch darauf aufmerksam machen, dass die offene Weidetierhaltung zum Landleben gehört und bewahrt werden sollte. Wir Bauern geben unserer Landschaft damit ihr Gesicht.“

Der Weideabtrieb soll in Stücken auch Tradition werden – „wenn Kühe, Treiber und Zuschauer am Samstag gut miteinander auskommen“, sagt der Landwirt. Er ist gut vorbereitet, fuhr mit der Familie im September sogar nach Tirol in den Urlaub. Man könnte auch sagen: ins Trainingslager. Es war allerdings eher Zufall, dass Familie Schreinicke mitten in einen Almabtrieb geriet und alles per Handy-Kamera festhielt. In den Alpen wird das Vieh schon im September von der Alm getrieben, weil die Bergweiden so hoch liegen, dass oft schon im Herbst Schnee fällt.

In Stücken fällt der Weideabtrieb in den November, weil Schnee keine Rolle spielt und der sonst gut gefüllte Veranstaltungskalender in dem Herbstmonat noch eine Lücke hat. Möglicherweise werden Ortschronisten zur 800-Jahrfeier Stückens ja einmal sagen: So hat damals, am 18. November 2017, alles angefangen – mit Stückens dann 100-jähriger Tradition des Weideabtriebs.

Erster Weideabtrieb – das volle Programm

Die Zeremonie beginnt 13 Uhr am Weinberg mit den Alphornbläsern der Jagdhorngruppe Stückener Heide und dem Stückener Blasorchester.

Zuschauer, die das „Anblasen“ verfolgen wollen, müssen sich im Anschluss am Ende des Zuges einreihen.

13.30 Uhr startet der eigentliche Weideabtrieb vom Weinberg über die Dorfstraße zur Weide hinter dem „Landhaus zu Stücken“. Zuschauer können sich den Abtrieb auf dem Gehweg zwischen „Fliederhof“ und dem „Landhaus“ ansehen.

Ab 14.30 Uhr wird im Festzelt gefeiert – mit Unterhaltungsprogramm und Blasmusik von Stückens Blasorchester und leckerem Essen.

Von Jens Steglich

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