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Zwangspause für „Könige der Landstraße“

Wochenende am Autobahrasthof Linthe Zwangspause für „Könige der Landstraße“

Jedes Wochenende hat die Fläming-Region hunderte Einwohner mehr als offiziell gemeldet. Lastwagenfahrer stranden dann auf den Raststätten, Autohöfen und Parkplätzen entlang der Autobahnen. Unter anderem an der A 9 in Linthe.

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Dicht an dicht geparkt, kehren die „Könige der Landstraße“ eine Pause lang der Autobahn den Rücken zu.

Quelle: Uwe Klemens

Linthe. Einst galten sie als „Könige der Landstraße“. Heute werden die Lastwagenfahrer zur Zwangspause verdonnert und verbringen einen Großteil ihrer herrschaftlichen Zeit auf Autohöfen. Die Strategien, wie man den amtlich verordneten Stillstand am sinnvollsten nutzt, sind so unterschiedlich, wie die Buchstaben auf den Kennzeichen ihrer Laster. Abend für Abend und das Wochenende über machen die mal netten, mal brummigen Brummi-Lenker auch auf dem Autohof in Linthe Station.

Am späten Samstagvormittag sind die Gardinen der allermeisten „Königssuiten“ noch zugezogen. Dicht an dicht stehen die 40-Tonner auf den beiden Lkw-Parkplätzen von Esso und Sam Kullman’s Diner. „So dicht, dass für mich gestern Abend gar kein Platz mehr war“, klagt König Hermann. Der Trucker, der sich nur mit dem Vornamen vorstellt, musste seinen „Mercedes-Pfeil“ samt Tierfutterfracht deshalb im Gewerbegebiet abstellen. Den Wettkampf mit dem digitalen Fahrtenschreiber hat der Strausberger bei seiner Rückkehr aus Bayern knapp verloren. Gut 100 Kilometer vor der eigenen Haustür war die erlaubte Lenkzeit abgelaufen. Das heißt 45 Stunden Zwangspause.

Seinem Chef erspart das Parken außerhalb des Parkplatzes wenigstens sechs Euro Parkgebühr. Für den 62-jährigen, dem das Gehen deutlich schwerer fällt, als das Lenken eines Brummis, bedeutet das einen langen Fußmarsch, wenn er dorthin will, wo auch jeder König irgendwann mal zu Fuß hin muss. „Vier Brötchen mit eurer Hausmacherleberwurst“ bestellt sich der gelernte Gas-Wasser-Installateur, der vor 20 Jahren die Rohrzange gegen das Lenkrad tauschte, dann im Bistro des Rasthofes. Dem Stammgast, der hier etwa alle zwei Wochen seine Zwangspause absitzt, erfüllt die Dame hinter dem Tresen diesen Extrawurst-Wunsch gerne.

Mit vollem Bauch und noch volleren Einkaufstaschen vom Besuch des Supermarktes auf der anderen Seite der Autobahn steuert Hermann seine rollende Königssuite an. Mit Fernsehen, Radiohören und Essen wird er den Rest seiner Pause verbringen. „Und ordentlich Schlafen“, ergänzt er. Denn in der Nacht zuvor kam er wegen des Krachs eines illegalen Autorennens nur wenig dazu. „Erst als die Polizei die Sache beendet hat, war Ruhe.“ Angst um seinen Brummi hat Hermann keine. „Bei mir wurde noch nie eine Plane aufgeschlitzt. Und hier in Linthe ist es eigentlich immer ruhig“, sagt der Trucker.

Gegen Mittag regt es sich auch auf den Parkplätzen hinter den ersten Gardinen. Kurz vor Zwölf lässt Jan Torlinsky die Beifahrerscheibe einen Spalt weit herunter und den Duft von Schnitzel und Bratkartoffeln hinaus. Das in der Parkgebühr enthaltene Freiessen hat er schon am Abend verschlungen. Das Kochen auf dem eigenen Propankocher ist preiswerter. „Televisor, Skype mit Familie zu Hause und Internet“, zählt der Mann aus Polen als Beschäftigungen auf, mit denen er sich die Zwangspause erträglicher gestaltet. Wenn er Lust auf einen Plausch hat, klopft er ein paar Meter weiter bei einem Landsmann an die Laster-Tür.

Mit dem 24-Stunden-Service des Esso-Hofes ist der Berufsfahrer vollauf zufrieden. „Die Frauen im Bistro sind sehr nett“, sagt Torlinsky. Auch die Möglichkeit zum Duschen ist in der Parkgebühr bereits enthalten. Angst um Brummi und Fracht hat der polnische Trucker nicht, wenn er auf deutschen Straßen unterwegs ist. „Hier in Linthe ist noch nie etwas passiert.“ Seine Schauergeschichten von Diebstählen und Überfällen haben sich fast immer in Frankreich und Skandinavien zugetragen.

„Trucker sind generell ein friedliches Volk“, sind sich Rasthofbetreiberin Jutta Felgenträger und ihr Mitarbeiter Roger Raue sicher. Die lange Durststrecke nach der Öffnung der europäischen Grenzen, als die Brummis einfach an Linthe vorbei brummten, weil auch die Spritbegrenzung wegfiel, haben sie mit verlässlichem 24-Stunden-Service, vielseitigem Imbissangebot und Freundlichkeit Schritt für Schritt überwunden. „Noch größer als am Wochenende ist der Andrang der Brummifahrer unter der Woche“, sagt Felgenträger. Von den 20 Mitarbeitern im Team hat sie neun selbst ausgebildet. Die Bleibequote zeige, dass der Job nicht der schlechteste sei. Wenn Zeit ist, setzt sich die Chefin zu den Brummifahrern mit an den Tisch, um „mit dem Ohr am Volk“, zu hören, was einen König auf Zwangspause so bewegt und wie sie den eigenen Service noch verbessern könnte.

Dass nicht jeder Trucker gesprächig ist, hat die Chefin längst gelernt. Die Weihnachtsfeier, zu der alle bei ihr parkenden Trucker eingeladen sind, ist ihre Erfindung. „Am Heiligen Abend sollte man niemanden alleine lassen“, sagt die Unternehmerin.

Nichts ist schlimmer für Trucker als Langeweile. Mit seinem Doppelangebot aus Spielcasino und Sexshop bietet Heinz Wolter Möglichkeiten zur Ablenkung. „Wer den ganzen Tag auf dem Lkw sitzt, will zumindest am Abend mal in ein freundliches Gesicht sehen“, ist er sich sicher. Dass der Spaß laut Glücksspielgesetz morgens um 3 Uhr enden muss, empfindet er als geschäftsschädigend. „Viele Trucker kommen doch erst um 1 Uhr morgens hier an.“

Von Uwe Klemens

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