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Leugnung von Kriegsverbrechen kann den Job kosten

Eklat in Treuenbrietzen Leugnung von Kriegsverbrechen kann den Job kosten

Ist die Erschießung italienischer Militärgefangener im April 1945 bei Nichel (Potsdam-Mittelmark) ein Kriegsverbrechen? Nein, sagte Wolfgang Ucksche vor laufenden Kameras. Diese Äußerung hat für Ucksche – der Vorsitzender des Heimatvereins Treuenbrietzen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung ist – nun arbeitsrechtliche Konsequenzen.

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Wolfgang Ucksche im vorigen Jahr beim Gedenken am Triftfriedhof in Treuenbrietzen.

Quelle: Th. Wachs

Treuenbrietzen. Mit diesen Sätzen lief das Fass über. Nachdem der Treuenbrietzener Heimatvereinschef Wolfgang Ucksche öffentlich versucht hat, Kriegsverbrechen aus den Apriltagen 1945 in der Stadt zu legitimieren, hat Bürgermeister Michael Knape (parteilos) ihn nun als Mitarbeiter des Bereiches Stadtinformation im Rathaus „vorerst beurlaubt“. Am Montag soll im Beisein des Betriebsrates ein Personalgespräch stattfinden.

Anlass sind Äußerungen Ucksches vor Film- und Fernsehkameras im Zusammenhang mit dem traditionellen Gedenktag für die Kriegstoten dreier Nationen am 24. April. Bezogen auf die Erschießung von 127 italienischen Militärinternierten am 23. April 1945 an der Kiesgrube bei Nichel hatte der Heimatvereinschef eine Ermordung geleugnet. „Wer ist denn ein Mörder? Wenn eine Armeeeinheit Leute erschießt, hat das ja einen Grund. Und auch im Krieg gibt es ja juristische Grundsätze, die zu befolgen sind. Und ein Mord hat ja keinen Befehl in dem Sinne, oder der Befehl ist ja durch bestimmte Dinge gedeckt“, sagte Ucksche einem Fernsehteam.

Befremdliche Äußerungen vor der Kamera

Ähnlich äußerte er sich auch in der filmischen Aufarbeitung der beiden Treuenbrietzener Massaker an Italienern und Deutschen vom 23. April 1945 in der Web-Dokumentation „Im märkischen Sand“. Opfer und Täter gleichermaßen zu ehren, müsse heute möglich sein, so Ucksche.

Diese Äußerungen führten über die Stadtgrenzen hinaus zu einem Sturm der Entrüstung. So auch diese Woche in der Stadtverordnetenversammlung, nachdem Einwohner Tim-Uwe Matthes Konsequenzen gefordert hatte. Daraufhin sprach Bürgermeister Knape von „einem Schaden für die gesamte Stadt“. Er stehe nicht hinter den Äußerungen Ucksches. „Hier wurden ganz klar Grenzen überschritten“, so Knape. Er habe umgehend eine Entschuldigung verlangt. Sie liege bereits vor und soll umgehend an die italienischen Partner weitergeleitet werden.

Sturm der Entrüstung

Der Heimatverein werde nächste Woche im Vorstand zu dem Vorfall beraten, sagt Ucksches Stellvertreterin, Claudia Schäfer, am Mittwoch der MAZ. Sie bezeichnete die Aussagen Ucksches als „riesigen Fauxpas, der nicht passieren darf“. Mit seiner Position habe Ucksche „das gesamte italienische Volk beleidigt“. Daher müsse sich der Vereinschef „schnellstmöglich öffentlich bei der italienischen Botschaft, beim letzten Überlebenden, Antonio Ceseri, sowie bei den Nachfahren der Erschießungsopfer von Nichel und auch bei der Stadt Treuenbrietzen entschuldigen“, so Claudia Schäfer.

Der Betroffene will sich noch nicht äußern

Das werde er in einer umfangreichen Stellungnahme tun, sagt Wolfgang Ucksche am Mittwoch der MAZ. Auf Anraten seines Anwaltes, den er „angesichts der plötzlichen Brisanz“ des Themas konsultiert, sei dies vorerst aber öffentlich nicht möglich. Doch wolle er sich der Kritik stellen, die berechtigt sei, so Ucksche.

Entrüstet von dessen jüngsten Äußerungen zeigte sich auch der Berliner Historiker Bodo Förster. Gemeinsam mit dem italienischen Politologen Gianfranco Ceccanei forscht und publiziert er seit den 1990er-Jahren zum Schicksal der 650 000 Militärinternierten, auch in Treuenbrietzen. „Diese unhaltbaren Äußerungen fallen auf ganz Treuenbrietzen zurück und passen nicht zu den seit Jahren dort mit den Gedenktagen praktizierten Schritten zur Versöhnung“, sagt Förster. Dem Bürgermeister danke er für den – angesichts früherer Äußerungen – „schon länger überfälligen Schritt und die klare politische Position“. Nur dies könne dazu beitragen, „die Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen“, so Förster.

Von Thomas Wachs

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