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Liebe, Hiebe und eingeworfene Scheiben

Familienvater aus Werder vor Gericht Liebe, Hiebe und eingeworfene Scheiben

Der 30-jährige Sebastian P. aus Werder soll seine Ex-Freundin über Monate malträtiert haben. Laut Anklage hat er die Mutter seiner Söhne bedroht und beleidigt, hat ihr eine glühende Zigarette auf die Stirn gedrückt und ihre Nase gebrochen. Er soll zudem trotz eines Annäherungsverbots in die ehemals gemeinsame Wohnung eingedrungen sein – vor Gericht gibt er der Ex eine Mitschuld.

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Quelle: dpa

Werder. Mütter und Söhne – das ist eine besondere Beziehung. So ist es auch bei Sebastian und Petra P. aus Werder, die sich am Montagnachmittag in Saal 20 des Potsdamer Amtsgerichts wiedersehen. Kurz zuvor war Sebastian P. in Handschellen zur Anklagebank geführt worden. Der 30-Jährige, der momentan in Untersuchungshaft sitzt, muss sich wegen diverser Zuwiderhandlungen gegen gerichtliche Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz, wegen vorsätzlicher Körperverletzungen und Sachbeschädigungen, wegen Beleidigungen und Bedrohungen sowie wegen Hausfriedensbruchs und Nachstellung verantworten. Ziel seiner Attacken war meist seine ehemalige Lebensgefährtin Jennys H. (26), mit der er zwei gemeinsame, zwei- und vier Jahre alte Söhne hat. Aber auch gegenüber der Schwiegermutter, gegenüber einer Freundin und unbekannten Passanten soll P. handgreiflich und unflätig geworden sein. Sogar seine eigene Mutter hat er angegriffen, hat sie geschlagen und mit dem Kopf gegen eine Wand geschleudert. „Ich war selber dran Schuld“, sagt die Altenpflegerin nun vor Gericht. „Ich habe ihn provoziert.“

Auch vor den Augen der Kinder sollen Streitigkeiten eskaliert sein

Petra P. beschreibt ihren Sohn als jemanden, der viel Geborgenheit braucht, der verstanden und geliebt werden möchte, der hilfsbereit ist. Dem mütterlichen Urteil gegenüber steht eine Anklageschrift, wie sie in ihrer Fülle selten verlesen wird: ein Protokoll der Eskalation. Demnach hat Sebastian P. seine ehemalige Lebensgefährtin Jennys H. über Monate hinweg malträtiert. Er soll sie immer wieder – auch vor den Augen der Kinder und in der Öffentlichkeit – geschlagen, beleidigt und bedroht haben und trotz eines Kontakt- und Annäherungsverbots in die ehemals gemeinsame Wohnung eingedrungen sein. Vor Angst soll sich die junge Frau mal im Schlafzimmer, mal im Keller eingeschlossen und zu den Nachbarn geflüchtet sein.

Geschlagen, gewürgt, die Fenster mit Steinen eingeworfen

Ein Auszug: Am 11. März 2016 soll der Angeklagte seiner ehemaligen Lebensgefährtin eine brennende Zigarette auf die Stirn gedrückt und einen Papierhefter ins Gesicht geschlagen haben. Am 12. September 2016 soll er seinen Kopf gegen ihren geschlagen und sie gewürgt haben. Dabei hat er laut Anklage gedroht, sie zu töten: „Ich werde dich umbringen und dafür gern in den Knast gehen“; versuche sie sich zu verstecken, werde er sie finden und ihr das Leben zur Hölle machen.

Am 25. Januar 2017 soll Sebastian P. Jennys H. auf offener Straße zunächst verfolgt und ihr dann mit der Faust ins Gesicht geschlagen und sie angespuckt haben. Am 4. Februar und am 5. März 2017 hat er laut Anklage die Tür zu ihrer Wohnung eingetreten. Am 28. Februar 2017 soll er gegen 3.20 Uhr das Schlafzimmerfenster mit einem Ziegelstein eingeworfen haben, am 1. März folgte laut Anklage das doppelverglaste Wohnzimmerfenster, am 19. März das Fenster im Kinderzimmer – Scherben und Stein landeten demnach auf dem Bett des jüngsten Sohnes. am 25. März 2017 soll Sebastian H. das Kammerfenster mit einer Terrassenplatte und das Badezimmerfenster mit einem Blumenkübel eingeworfen haben...

Die Liste der Vorwürfe ist weitaus länger und gipfelt darin, dass Sebastian P. seiner Ex-Freundin die Nase gebrochen haben soll: Als Jennys H. am 20. März 2017 einen der Söhne von der Tagesmutter abholen wollte, soll er sie von hinten angegriffen, ihr zuerst auf den Hinterkopf und dann ins Gesicht geschlagen haben.

„Ich war jeden Tag alkoholisiert und unter Drogeneinfluss“

Das und vieles mehr bestreitet Sebastian P.: „Ich habe ab und zu vor dem Kindergarten auf sie gewartet und dann sind wir spazieren gegangen – da ist so etwas nicht passiert.“ Die eingetretenen Türen, die eingeworfenen Fenster? „Ich weiß es nicht, ich kann nichts dazu sagen. Ich war jeden Tag alkoholisiert und unter Drogeneinfluss – ich war fertig mit der Welt letztes Jahr.“

Sebastian P. schildert sein Leben mit Jennys H. als eine Art Amour fou: Sie konnten offenbar nicht mit-, aber auch nicht ohneeinander. Der Abstieg hat demnach nach der Geburt der Söhne – „beides Wunschkinder“ – und mit dem Traum vom gemeinsamen Heim begonnen. „Ich war überfordert, wir waren beide überfordert“, sagt Sebastian P. „Ich war viel auf Montage, habe nebenbei unsere Wohnung ausgebaut. Um drei ins Bett, um vier wieder raus: Da habe ich angefangen, Drogen zu nehmen, hauptsächlich Amphetamine, Cannabis und Alkohol.“ Anfang 2016 habe er den Job geschmissen: durch den Alkohol- und Drogenkonsum sei es nicht mehr möglich gewesen, zu arbeiten. „Es ging Stück für Stück bergab, auch mit der Beziehung“, sagt P. Nachdem er zu Hause rausgeflogen war, habe er im Keller geschlafen und im Schuppen, er habe nicht mehr gegessen und sein Hartz-IV-Geld auf den Kopf gehauen. „Jennys kam immer wieder an. Es ging immer hin und her – wie sie gerade Lust drauf hatte.“ Nun werde er „mit sämtlichen Mitteln“ von den Kindern ferngehalten und fertiggemacht: „Man kann sich auch viel ausdenken.“

Ähnlich sieht es Petra P.: „Er ist kein Engel“ sagt die 55-Jährige über ihren Sohn. „Es wird schon viel gewesen sein. Aber alles? Das kann nicht sein. Das ist doch alles nicht normal!“ – Der Prozess wird am Montag, 10. Juli, mit der Aussage von Jennys H. fortgesetzt.

Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt

Das Gewaltschutzgesetz trat am 1. Januar 2002 in Kraft. Sein vollständiger Name lautet: Gesetz zum zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen.

Nach Jahren der Rechtsunsicherheit im Umgang mit häuslicher Gewalt hat das Gesetz eine klare Rechtsgrundlage geschaffen: „Wer schlägt, muss gehen“. Das bedeutet, dass misshandelte Frauen und ihre Kinder in der gemeinsamen Wohnung bleiben dürfen und der Gewalttäter ausziehen muss. Zudem können Schutzanordnungen wie Annäherungs- und Kontaktverbote ausgesprochen werden.

Der Umfang häuslicher Gewalt ist nach wie vor hoch. Das hat eine Studie der Europäischen Grundrechteagentur von 2014 ergeben: 35 Prozent der Frauen in Deutschland haben in ihrem Leben schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt; 22 Prozent waren von körperlicher und/oder sexueller Gewalt durch einen Partner betroffen.

Hilfe gibt es u.a. beim bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 08000/116016 und bei der Opferhilfe Brandenburg unter 0331 /2802725. nf

Von Nadine Fabian

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