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Potsdam-Mittelmark „Wenn niemand die Tiere in der Falle töten möchte, mache ich es“
Lokales Potsdam-Mittelmark „Wenn niemand die Tiere in der Falle töten möchte, mache ich es“
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21:58 13.03.2019
Auf dem Podium saßen (v.l.): Michael Grubert, Olaf Ihlefeldt, Hubertus Welsch, Anna Sprockhoff , Egbert Gleich und Hans-Dieter Pfannenstiel. Quelle: Stefan Gloede
Kleinmachnow

Wildschweine im Ort – was nun? Das war die Frage, die beim MAZ-Talk am Dienstagabend im Mittelpunkt stand und den knapp 100 Zuhörern im Bürgersaal Kleinmachnow unter den Nägeln brannte. Viele von ihnen kamen aus den Gemeinden Kleinmachnow und Stahnsdorf, hatten selbst schon unangenehme Begegnungen mit den Tieren. Nun wollten sie wissen: Wie soll es weitergehen?

Darüber diskutierten: der Kleinmachnower Bürgermeister, Michael Grubert (SPD), der Vorsitzende der Jagdgenossenschaft Stahnsdorf-Kleinmachnow, Hubertus Welsch, der Verwalter des Südwestkirchhofes, Olaf Ihlefeldt, der Wildtierexperte vom Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde, Egbert Gleich, sowie der Diplombiologe Hans-Dieter Pfannenstiel. Die Leiterin der Potsdamer Lokalredaktion, Anna Sprockhoff, moderierte.

Warum fühlen sich die Wildschweine in den Orten so wohl?

Eine Teilschuld tragen die Bürger. Darin waren sich alle Podiumsteilnehmer einig. Einige füttern die Tiere gezielt, andere bieten ihnen durch ihre Komposthaufen Nahrung. Beides führe dazu, dass sich die Wildschweine in den Orten besonders wohlfühlen, erklärte der Wildtierexperte Egbert Gleich.

Hinzu kommt, dass direkt in den Orten nicht gejagt werden darf, die Tiere sich entsprechend sicher fühlen und keinen Anlass sehen, die Region wieder zu verlassen. Für Hans-Dieter Pfannenstiel steht fest: „Die Wildschweine kommen nicht nachts in die Orte und verschwinden dann wieder. Die wohnen hier.“

Teils wütend meldeten sich Zuhörer zur Wort. Quelle: Stefan Gloede

Welche Lösungsansätze stehen zur Diskussion?

Konkret sind an diesem Abend vor allem vier Maßnahmen diskutiert worden. Erstens: Wer beim Füttern erwischt wird, muss zahlen. „Leider haben wir bisher noch niemanden dabei erwischen können“, berichtete Bürgermeisters Grubert, „doch wir werden ganz klar dagegen vorgehen.“ Es drohe ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro.

Die zweite Maßnahme, die ebenfalls die Bürger betreffen würde, ist die Pflicht zur Einzäunung der Grundstücke. „Doch die lässt sich rechtlich nicht ohne weiteres durchsetzen“, sagte Grubert. Dabei könnte sie durchaus effektiv sein, wie Südwestkirchhof-Verwalter Ihlefeldt berichtete: „Wir haben den Friedhof seit drei Jahren fast hermetisch abgeriegelt und sind seitdem wildschweinfrei.“ Sein Tipp: Einen ausreichend hohen Zaun wählen, außerdem Baustahlmatten mit dem Zaun verbinden und zusätzlich mit Stacheldraht in die Erde eingraben. „Das bekommen die Schweine einmal zu spüren, dann lassen sie das“, sagte Ihlefeldt.

Lösungsansatz zwei und drei betreffen die Jagd. Da das Schießen innerhalb von Wohngebieten nicht erlaubt ist, stehen nun zwei Alternativen zur Wahl: die Fallenjagd und die Jagd mit Pfeil und Bogen. Für letztere braucht es eine Ausnahmegenehmigung, die das brandenburgische Landwirtschaftsministerium in den kommenden Wochen erteilen will (MAZ berichtete).

Welche Jagdmethode erzielt den erhofften Erfolg?

Darüber waren sich an diesem Abend auch die Experten uneinig. Bürgermeister Grubert setzt vor allem auf die Bogenjagd, große Erfolge erwartet sich Wildtierexperte Egbert Gleich davon hingegen nicht. Mit dem Bogen ließe sich nur ein Tier pro Schuss töten, sagte er. Und ehe die Jäger sich in der neuen Jagdmethode entsprechend fortgebildet hätten und das nötige Jagdzeug angeschafft sei, vergingen Monate. „Aber Sie wollen das Problem ja jetzt lösen“, sagte er mit Blick in das Publikum.

Einig waren sich die Experten indes, dass der Jagddruck erhöht werden muss. Pfannenstiel: „Sie müssen es den Wildschweinen hier so ungemütlich wie möglich machen.“ Doch wie schafft man es, dass die Tiere wirklich dauerhaft aus den Wohngebieten verschwinden? Egbert Gleich sieht da nur eine Möglichkeit: die Fallenjagd. An verschiedenen Orten, unter anderem in Rostock, habe er mit dieser Jagdmethode gute Erfahrungen gemacht und die Wildschweinplage in den Griff bekommen.

Andrea Schwarzkopf äußerte Bedenken, ob die Jäger in den Gemeinden in so kurzer den sicheren Umgang mit Pfeil und Bogen lernen können. Quelle: Stefan Gloede

Ob das allerdings auch in Stahnsdorf und Kleinmachnow funktioniert, sorgte für eine kontroverse Diskussion. Vor allem die Art der Jagd stieß auf Skepsis, zum Teil auch auf Widerspruch. Dabei werden mehrere Tiere in die Falle gelockt und dann aus direkter Nähe erschossen. Eine Methode, die Hubertus Welsch als Jäger kritisch sieht. „Man muss erst mal jemanden finden, der Tiere auf engstem Raum innerhalb kürzester Zeit exekutieren möchte. Ich habe das selber noch nicht getan.“ Und er hält es auch für schwierig, andere Jäger zu finden, die das übernehmen würden. Schließlich gehe es den Jägern bei ihrer Jagd auch um den Grundsatz der Chancengleichheit.

Dem hielt Diplombiologe Pfannenstiel, selbst Jäger, entgegen: „Wenn man in befriedeten Bezirken nicht jagen darf, ist die Falle natürlich das Mittel der Wahl.“ Welschs Einwände könne er nicht nachvollziehen. „Es ist eine absolut legale und waidgerechte Art der Jagd. Und wenn sich niemand findet, der die Tiere in der Falle töten möchte, biete ich an, es selbst zu tun.“ Dafür erhielt Pfannenstiel lauten Applaus.

Warum ist es mit alternativen Jagdmethoden so schwierig?

Die Bevölkerung muss die Jagd akzeptieren. Darin waren sich alle Podiumsteilnehmer einig. Doch Pfannenstiel befürchtet: Keine Jagdmethode wird auf allgemeine Zustimmung stoßen. „Die Einwohnerschaft ist untereinander derart gespalten, dass ich im Moment, ehrlich gesagt, kein Land in Sicht sehe.“ Wenn es nicht gelinge, einen Konsens in den Gemeinden herzustellen, dass die Schweine nicht in den Siedlungsraum des Menschen gehören, „dann lässt sich auch kein Fortschritt erzielen“.

Anders sieht das der Bürgermeister. Er hofft: „Dadurch, dass wir wieder einen ganz starken Anstieg der Wildschweinpopulation haben, ist der Konsens in der Bevölkerung auf einem ganz guten Weg.“

Was sagte das Publikum?

Viele der Anwesenden waren sauer. Darüber, dass nicht endlich etwas passiert. Dass nicht genug gejagt wird. Dass nur geredet, aber nichts unternommen wird. Klaus-Jürgen Warnick aus Kleinmachnow erinnerte an Peter Braun, der bis vor ein paar Jahren für die Jagd zuständig war. „Da waren die Wildschweine weg. Dann ist Peter gestorben und seitdem ist das Problem wieder da.“ Auch andere warfen den Jägern vor, nicht genug zu tun, gleichzeitig gab es gerade gegenüber der Bogenjagd auch Skepsis. Einzelne zeigten aber auch Verständnis für die Wildschweine. Claudia Anschütz etwa ist überzeugt, dass den Tieren mit dem Häuserbau ihr Lebensraum genommen wurde. Sie wollte wissen: Wann endet das? Michael Grubert: „Die Erschließung von Bauland in Kleinmachnow ist beendet.“

Von Annika Jensen

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