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Potsdam-Mittelmark Diese Frau trinkt Kaffee mit Häftlingen
Lokales Potsdam-Mittelmark Diese Frau trinkt Kaffee mit Häftlingen
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02:15 09.02.2018
Marianne Killat tut Besonderes, redet aber nicht groß darüber. Quelle: Jens Steglich
Saarmund

Den kleinen Mann würde sie gern einmal in den Arm nehmen, ihm etwas Gutes tun und versuchen, ihm wieder ein bisschen Leben einzuhauchen. Der kleine Opa, wie sie ihn nennt, fiel ihr schon früh auf. Er ist seit vier, fünf Jahren immer dabei, wenn Marianne Killat Gefängnisinsassen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brandenburg besucht. Die Saarmunderin kommt mit dem Gefängnispfarrer hinein, um nach dem Gottesdienst zwei Mal im Jahr eine Stunde mit Inhaftierten Kaffee zu trinken und über Gott und die Welt zu reden. Früher brachten sie und ihre Mitstreiter selbst gebackenen Kuchen mit. Das ist aus Sicherheitsgründen nicht mehr erlaubt. „Zum Kaffee gibt es jetzt die Gefängniskekse.“ Der kleine, ältere Mann ist eine Beobachtung aus der Ferne. Die Saarmunderin weiß nicht viel über ihn. Sie hat ihn auch noch nie gefragt, warum er im Gefängnis sitzt. Sie weiß nur: Er kommt nicht mehr heraus, er wird den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

„Gefangene sind normale Menschen“

„Wir lesen viel über Mord, Totschlag und Verbrechen, hier aber hat man ein Gesicht vor sich“, sagt Marianne Killat. Ihr Blick auf die Welt hinter Gittern hat sich geändert. Bei den Gefängnisgesprächen seien einige dabei, von denen man sagen würde: Es sind ganz normale Menschen. Sie glaubt, „dass manche Inhaftierte durch einen bösen Fehltritt im Gefängnis gelandet sind, aber eigentlich keine bösen Menschen sind. Mitunter sind es Bruchteile von Sekunden, die ein Leben total verändern“.

Über das, was sie hinter den Gefängnismauern erfährt, hat sie so etwas wie ein Schweigegelübde abgelegt. „Das bleibt in den Räumen, wo es erzählt wurde.“ Die Gefängnisbesucher, die mit dem Seelsorger in die JVA Brandenburg kommen und vorher Sicherheitsschleusen durchlaufen müssen, kennen die Namen der Gesprächsteilnehmer nicht. Sie nennen auch ihre eigenen Namen nicht. Das sind Vorsichtsmaßnahmen – auch, um Freigänger nicht auf die Idee zu bringen, sie zu Hause zu besuchen.

Die Gespräche nach dem Gottesdienst, an denen maximal 40 Inhaftierte teilnehmen dürfen, empfindet Marianne Killat aber immer als etwas Schönes. Sie weiß, dass sie manchmal auch mit Mördern an einem Tisch sitzt. Bei solchen Gesprächen hat sie die Frage im Hinterkopf, die sie aber meist nicht stellt: „Warum hat er das getan?“

Auch Unverständnis begegnet ihr

Wenn sie in Saarmund erzählt, „ich fahre heute wieder in den Knast“, verstehen das nicht alle. Sie hört auch Sätze wie diese: „Wie kannst du das machen, das sind doch Verbrecher.“ Die 67-Jährige hat in solchen Fragen breite Schultern. Warum aber tut sie das? „Vielleicht habe ich ein kleines Helfersyndrom“, sagt die Saarmunderin, die aus Zauchwitz stammt. Beim Dorftanz in Zauchwitz verliebte sie sich in einen Saarmunder. „Im Sommer sind wir 46 Jahre miteinander verheiratet.“ Zugereiste heißen immer noch „Rucksack-Saarmunder“, erzählt sie und fügt hinzu: „Inzwischen bin ich aber integriert.“ Der Satz ist eine ziemliche Untertreibung. Marianne Killat ist die gute Seele von Saarmund. Sie kümmert sich auch um einen Senior, der fast blind ist, hilft bei der Organisation von allerlei Festen, kassiert die Beiträge der Förder-Mitglieder der SG Saarmund und besorgt kleine Präsente, wenn sie Geburtstag haben. Bei den Heimspielen macht sie die Kassenabrechnung und wäscht jetzt auch die Trikots der Fußballer. Von den Gefängnisbesuchen hatte sie am Sportplatz erfahren. Die Frau vom Vorsitzenden der SG Saarmund ist Katholikin und war vorher schon bei Gefängnisgottesdiensten dabei. Sie nahm Marianne Killat vor etwa fünf Jahren mit.

Im Frühjahr der nächste Besuch

„Wenn man hereinkommt und erst durch acht verschlossene Türen gehen muss, ist das schon beklemmend“, sagt sie. Ein bisschen sei es wie im Film, wenn die Gefängnistüren mit großen Metallschlüsseln aufgeschlossen werden. Im Frühjahr steht der nächste Besuch in der JVA an. Dann sieht Marianne Killat den Ausländer wieder, der im Gefängnis deutsch gelernt hat und eigentlich nicht mehr heraus will, weil er nicht weiß, was da draußen in der Freiheit aus ihm werden würde. Und der kleine Opa wird ihr wieder ins Auge fallen, den das Leben und das Gefängnis gezeichnet haben. „Man sieht, dass er immer mehr zerfällt. Ich glaube aber, es ist für ihn ein kleines Aufleben, wenn wir da sind.“ Irgendwann will sie sich an seinen Tisch setzen und fragen: „Was ist Ihnen passiert?“

Eintrag ins Goldene Buch

Marianne Killat ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn und fünf Enkel – alles Mädchen, für die sie gern Stutzen oder Socken strickt.

Zur Familie gehören auch Haustiere, unter anderem drei Katzen, die Bärbel, Brunhilde und Socke heißen. „Für die Namensgebung ist meine Tochter verantwortlich“, sagt die 67-Jährige.

Für ihr ehrenamtliches Engagement ist Marianne Killat jüngst beim Neujahrsempfang im Januar mit einem Eintrag ins Goldene Buch der Gemeinde Nuthetal geehrt worden.

Von Jens Steglich

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