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Michendorf Nur wenige entkamen den Todeslagern
Lokales Potsdam-Mittelmark Michendorf Nur wenige entkamen den Todeslagern
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21:28 07.11.2018
Vier der jungen Spurensucher aus dem Michendorfer Wolkenberg-Gymnasium: Leni Friedrich, Emily Füllner, Anouk Below und Luna Lehmann (v.l.). Quelle: Jens Steglich
Michendorf

„Hugo Moser war ein wohlhabender und angesehener Mann“, sagt Luna Lehmann (14). Der Kunsthändler hatte im heutigen Heideweg in Michendorf ein Haus mit großem Grundstück. Am 10. November 1938 – einen Tag nach der Reichspogromnacht – geht das Haus in Flammen auf. Luna kennt auch den Bericht einer Zeitzeugin, die erzählte, wer es angezündet hat: Der Eisenwarenhändler Karfenbach.

Luna und ihre Mitschüler aus dem Wolkenberg-Gymnasium haben sich mit ihrer Religionslehrerin Anne Voß auf die Suche nach ehemaligen jüdischen Mitbürgern in Michendorf gemacht. Gefunden haben sie viele bislang unbekannte Details und tragische Geschichten.

Hugo Moser floh nach Amerika

Die Geschichte des Juden Hugo Moser nahm am Ende einen glücklichen Ausgang. Die Spurensucher aus dem Religionsunterricht der Klasse 9 d fanden heraus, dass er den Todeslagern der Nazis entkommen ist. Hugo Moser floh nach Amerika. „1941 wurde er in New York registriert“, erzählt Anne Voß. Sein Sohn wurde später in den USA ein berühmter Neurologe. „Als der Sohn starb, bekam er einen Nachruf in der Washington Post und im Guardian.“ Er hatte mit anderen die unheilbare Erbkrankheit ALD erforscht. Die Suche nach wirksamen Gegenmitteln ist im Streifen „Lorenzos Öl“ (1992) verfilmt worden.

Ihre Recherche-Ergebnisse werden die 21 Schüler des Wolkenberg-Gymnasiums bei einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November, 18 Uhr, in der Dorfkirche Michendorf vorstellen. Sie erzählen die Geschichten von drei jüdischen Familien, die einst im Ort lebten.

Das Kaufhaus am Kreuzpunkt in Michendorf betrieb Louis Lewin Scheidemann. Er kam 1944 im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Quelle: Heimatverein

Von Alfred Scheidemann war vor der Spurensuche im Ort nichts bekannt. Er wurde 1924 in Michendorf geboren, weiß Emily Füllner (14). Sein Vater Louis Lewin Scheidemann betrieb am Kreuzpunkt in Michendorf ein Kaufhaus, sagt Leni Friedrich (14). „Heute ist dort ein Fahrradladen drin.“ Wann und wie er seine angemieteten Geschäftsräume im einstigen Gerlach-Haus verlor, ist unklar. Ältere Michendorfer erzählten, dass er später noch mit einem Bauchladen durch den Ort zog, sagt Ortschronistin Edith Volkmer. Die Wolkenberg-Gymnasiasten fanden in Archiven die Hinweise, dass dem Kaufhausbetreiber 1938 auch der dafür nötige Wandergewerbeschein entzogen wurde. Zur Reichspogromnacht vor 80 Jahren soll der jüdische Geschäftsmann in Michendorf beschimpft und bespuckt worden sein.

Alfred Scheidemann wurde 1924 in Michendorf geboren und war 18 Jahre alt, als er 1942 ins Todeslager Auschwitz deportiert wurde. Quelle: Jüdisches Museum Berlin

Im Ort verliert sich danach seine Spur. Laut einer Karteikarte, die die jungen Leute entdeckten, arbeitete Louis Lewin Scheidemann ab Januar 1941 in den Siemens-Schuckert-Werken in Berlin als Transportarbeiter und wohnte in der Hauptstadt in einem sogenannten Judenhaus. Aus einer Akte aus dem Landeshauptarchiv geht hervor, dass seine Wohnung in Berlin geräumt wurde. „Die Kosten für die Räumung musste er selbst tragen“, sagt Spurensucherin Leni Friedrich. Am 17. März 1943 wurde der Michendorfer Kaufhausbetreiber ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er am 7. April 1944 ums Leben kam.

Die Kinder des Waisenhauses wurden deportiert

Seine Frau hatte die schlimmsten Zeiten nicht mehr erlebt: Sie starb bereits 1937 in Michendorf, was Louis Lewin Scheidemann zum Anlass nahm, seinen jüngsten Sohn Alfred ins Auerbach’sche Waisenhaus nach Berlin zu geben. „Ich glaube, er hat es getan, um seinen Sohn zu schützen“, vermutet Anne Voß. In dem jüdischen Waisenheim war er aber nicht sicher. „Von dort wurden alle Kinder deportiert“, erzählt Anouk Below (14). Alfred Scheidemann war 18 Jahre alt, als er am 14. Dezember 1942 ins Todeslager nach Auschwitz kam. Seinen Namen fanden die jungen Leute aus Michendorf auf einer Transportliste der Gestapo Berlin.

Aus der Familie Scheidemann überlebte nur die älteste Schwester von Alfred die Nazi-Barbarei. Sie ging rechtzeitig nach England und suchte kurz nach Ende des Krieges über das Deutsche Rote Kreuz ihre Familie. Niemand hatte überlebt. Der Vater, die beiden Brüder, Onkel und Tanten kamen in Theresienstadt und im Vernichtungslager Auschwitz ums Leben. Insgesamt zehn Angehörige finden sich auf einer Liste, auf der sie für tot erklärt wurden. Überlebt hat ein Freund von Alfred Scheidemann aus dem Waisenhaus: Walter Frankenstein konnte sich vor der Deportation in Berlin verstecken. Der Freund von damals lebt heute in Schweden und ist 96 Jahre alt. Anne Voß, die Religionslehrerin, hat mit ihm telefoniert. „Ich bin den Schülern für jeden Namen dankbar, den sie wieder ins Gedächtnis rufen“, sagte er.

Gedenkveranstaltung am 9. November

Die Spurensucher stellen zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November, 18 Uhr, in der Dorfkirche Michendorf ihre Rechercheergebnisse vor.

Ihre Suche nach Spuren ehemaliger jüdischer Mitbürger ist Teil des Nagelkreuzjahres, das in der Kirchengemeinde begangen wird.

In der Kirche werden die jungen Leute einer jüdischer Tradition folgend 120 kleine Gedenksteine verteilen, auf denen in deutsch und hebräisch Begriffe wie „vermisst“, „ewig“ und „geliebt“ stehen.

Die jungen Leute berichten auch über die mutige Michendorferin Frieda Sydow, die Jüdinnen geholfen hat, und über das Schicksal des jüdischen Arztes Henry Levy-Jessel, der in Michendorf ein Kindersanatorium hatte.

Die Schüler des Wolkenberg-Gymnasiums konnten hier auf Recherchen des langjährigen Ortschronisten Hans-Joachim Strich zurückgreifen. Der angesehene Heimatforscher ist am 24. Oktober 2018 verstorben.

Von Jens Steglich

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