Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Michendorf Wo Ost und West Schnitzel aßen
Lokales Potsdam-Mittelmark Michendorf Wo Ost und West Schnitzel aßen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:16 15.07.2018
Das Michendorfer Raststätten-Ensemble mit Tankstellen auf einer Ansichtskarte im Jahr 1957. Links ist der südliche Teil zu sehen, gegenüber die Nordseite. Quelle: Privat
Michendorf

„Ein Wochenende werde ich nie vergessen. Wir haben über 3000 Knacker und Bockwürste verkauft, auch 300 Bouletten und viele Broiler “, erzählt Edwin Ziem. Damals kostete die Bockwurst mit Brötchen nur 85 Pfennig und das Roastbeef drei Mark. „Das Dreifache haben sie in Westberlin dafür bezahlt“, sagt Ziem. Kein Wunder, dass der Andrang oft groß war – damals, als die alte Autobahnraststätte Michendorf-Süd ein besonderer Platz war. Sie gehörte zu den wenigen Orten, an denen sich Ost- und Westdeutsche schon vor dem Mauerfall begegneten. An der Raststätte am südlichen Berliner Ring trafen sich Verwandte aus dem geteilten Land, saßen Ossis und Wessis vermischt im Restaurant, in dem Ziems Lieblingsgericht – gefüllte Rinderroulade – 3,50 kostete, egal ob mit DDR-Geld oder mit D-Mark gezahlt wurde. Ziem war der letzte Chefkoch der alten Autobahnraststätte, die vor zehn Jahren – am 15. Juli 2008 – ihre Türen schloss und für immer verschwand. „Wir haben am letzten Tag nicht mehr viel gekocht. Es war emotional, es flossen auch Tränen“, sagt er. Kurze Zeit später kamen die Abrissbagger. „Drei Wochen danach war alles weg.“

Die Raststätte war einer der ersten ihrer Art

Die Raststätte war eine der ersten ihrer Art, wurde 1937/38 mit dem Pendant auf der Nordseite im Stil altdeutscher Landhäuser gebaut. Ihre Geschichte endete 2008, 70 Jahre nach ihrem Bau, weil sie der Erweiterung des Rastplatzes und dem gerade laufenden Ausbau der A 10 im Weg stand. Das Schicksal der Raststätte hatte sich allerdings schon zehn Jahre vorher entschieden. Marie-Luise Buchinger, die frühere Mitarbeiterin des Landesdenkmalamtes, bekannte 2008 kurz vor dem Abriss: „Als wir die Raststätte 1998 auf die Denkmalliste setzen wollten, waren die Abrisspläne schon so weit gediehen, dass sie nicht mehr rückgängig zu machen waren.“ Sie machte damals keinen Hehl daraus, dass die beiden Michendorfer Raststätten im Süden und Norden der A 10 als Ensemble auf die Denkmalliste gehört hätten.

Die Raststätte Michendorf-Süd im Oktober 2007, ein knappes Jahr später wurde sie abgerissen. Quelle: Olaf Möldner

„Ich würde zehn Jahre nach dem Abriss es nicht wagen, aus der Erinnerung heraus zu beurteilen, ob die südliche Autobahnraststätte für sich genommen Denkmalwert hatte“, sagt Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg. Er verweist darauf, dass bereits zu DDR-Zeiten am Bau Veränderungen vorgenommen wurden und das ursprüngliche Ensemble mit den Bauten der Nordseite zu der Zeit schon nicht mehr vorhanden war. Die Gebäude im Norden fielen acht Jahre früher. Das Fazit des Landeskonservators ist trotzdem deutlich: „Gegen die Autobahnerweiterung hatte der Denkmalschutz in dem Fall keine Chance.“

Der letzte Chefkoch hat nach dem Abriss die Autobahnraststätte nie wieder besucht. Wer jetzt dort einkehrt, speist bei McDonald’s. 30 Jahre und bis zum letzten Tag hat Ziem in der Raststätte gearbeitet und dort auch seinen Meister gemacht. Jeden Tag fuhr er bei Wind und Wetter von Brück zur Michendorfer Raststätte, um zu kochen. „Ich bin einmal bei minus 15 Grad mit dem Moped gefahren, habe den Schal abgelegt und es hat Knack gemacht“, erzählt er. Das Knacken kam vom Bart, den er damals noch trug: „Die Hälfte des gefrorenen Bartes war abgebrochen.“

Letzter Öffnungstag: Am 15.Juli 2008 um 14 Uhr schloss Raststättenleiterin Cornelia Wirth die Tür ab. Quelle: DSJ

Besonders beliebt bei den Gästen waren Soljanka, Bockwurst, Ragout fin, Schnitzel mit Blumenkohl, Kohlrouladen und Schweinesteak mit Erbsen, Kräuterbutter und Pommes, sagt er. Die Raststätte hatte rund um die Uhr 24 Stunden offen, es gab sogar eine Nachtkarte und den „Arbeiterhilferuf“, wie der 40-prozentige Goldbrand genannt wurde. In der Raststätte bekam der Koch Weltenwenden wie den Mauerfall zu spüren, den er verschlief, weil er am nächsten Tag Frühschicht hatte. Er war am Morgen danach fast allein in der Raststätte und wunderte sich, bis ein Kollege sagte: „Die werden alle drüben sein.“

Junge Raver fuhren mit Rollerskates auf der Autobahn

Später, in den 1990er Jahren, sorgten andere Berliner Großereignisse wie die Love Parade für Stimmung an der Raststätte. Junge Raver, die auf dem Weg in die Hauptstadt Rast machten, „fuhren mit Rollerskates auf der Autobahn“. Und ihre Techno-Musik „hat gedröhnt und gedonnert, ich dachte die Töpfe fallen vom Herd“, erzählt Ziem. Seine Frau arbeitete in den 1990er Jahren in der Raststätte auf der Nordseite. Nur einen Steinwurf entfernt voneinander trennte die Autobahn das Paar, weil die Fußgängerbrücke, die beide Raststätten verband, bereits abgerissen war. Zueinander fand das Paar immer erst wieder Zuhause in Brück. Sabine Ziem arbeitete als Serviererin und hatte den praktischen Teil ihrer Ausbildung zu DDR-Zeiten im Süden absolviert – auf der Seite ihres Mannes.

Was von der Raststätte übrig blieb, ist im Heimatmuseum zu sehen

Dass nach dem Abriss des alten Rasthauses trotzdem etwas von ihm übrig blieb, ist Mitstreitern des Michendorfer Heimatvereins zu verdanken. Als sie Wind von den Abrissplänen bekamen, machten sie sich auf die Spur der Geschichte der Rastanlage und sammelten Material. Im Michendorfer Heimatmuseum finden sich zum Beispiel alte Speisekarten, Mitropa-Geschirr und die Kleidung einer Kellnerin. Das weiße Oberteil mit schwarzen Rock und kleiner Schürze trug einst Liane Pahlke aus Wildenbruch, die in den 1970er und 1980er Jahren in der Raststätte kellnerte, erzählt Wolfgang Weber. Er betreut heute das Heimatmuseum und verdiente sich einst als Kind Ende der 1950er Jahre mit einem Schulkameraden ein Taschengeld in der Raststätte. „Wir haben draußen die Tische abgeräumt und dafür auch mal ein Eis bekommen“, erzählt Weber. Edwin Ziem hat nach dem Ende der alten Raststätte in verschiedenen Gasthausküchen gekocht. „Keine kam an die in Michendorf heran“, sagt er und fügt hinzu: „Ich hätte gern die letzten Jahre bis zur Rente noch in der Raststätte verbracht.“

Edwin und Sabine Ziem im Heimatmuseum Michendorf an der Kleidung, die Serviererinnen trugen. Auf dem Tisch steht Mitropa-Geschirr. Quelle: Jens Steglich

Geschichte der Raststätte

Erbaut wurden die Raststätten Michendorf-Nord und -Süd 1937/38 vom Architekten Friedrich Tamm. Auf beiden Seiten der Autobahn entstanden jeweils eine Tankstelle, im Norden eine Werkstatt und im Süden ein Imbiss, aus dem nach dem Krieg eine Gaststätte wurde.

Wer im Norden rastete, lief beim damals gemächlichen Verkehr zu Fuß auf die Südseite. Später verband die Raststätten eine Fußgängerbrücke, die nach der Wende abgerissen wurde.

Im Gebäude auf der Nordseite hatte sich zu DDR-Zeiten die Staatssicherheit eingerichtet. Die Gaubenfenster waren Beobachtungsluken. Die Nordseite bekam erst 1992 ein eigenes Restaurant.

Von Jens Steglich

Die Gemeinde Michendorf plant ein neues Straßenbauprogramm für die Jahre 2020 bis 2030. Auf der Prioritätenliste stehen elf Anliegerstraßen. Noch aber ist es eine vorläufige Liste.

12.07.2018

Die elfjährige Hanna Gelmroth aus dem kleinen Ort Stücken spielt Klavier, mag die Harry-Potter-Romane, schreibt eigene Geschichten und gehört zu Deutschlands besten Vorleserinnen.

06.07.2018

Die Gemeinde Michendorf erweitert ihren Babybegrüßungsdienst. Künftig wollen sich auch Gewerbetreibende an dem Willkommenspaket für die Neugeborenen beteiligen.

08.07.2018