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Michendorf Wie Wildenbruch in dunklen Zeiten eine Jüdin schützte
Lokales Potsdam-Mittelmark Michendorf Wie Wildenbruch in dunklen Zeiten eine Jüdin schützte
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09:58 19.10.2018
Heimatvereinsvorsitzende Sabine Melior am Gedenkstein für Bianca Lewin, der im Steinmetz-Betrieb Melior & Partner hergestellt wurde und seinen Platz auf dem Siedlungsfriedhof in Wildenbruch bekommt. Quelle: Jens Steglich
Wildenbruch

Das ist die Geschichte der Jüdin Bianca Lewin und ihrem Dorf Wildenbruch, das in dunklen Zeiten von der Welt weitgehend unbemerkt einen Lichtblick setzte. Was sich damals, in der Zeit der Nazis und ihrer Todeslager, im kleinen Wildenbruch zugetragen hat, wäre wohl bald auch am Ort des Geschehens in Vergessenheit geraten, wenn es nicht Menschen wie Sabine Melior und ihre Mitstreiter geben würde. Sie sorgen jetzt dafür, dass Bianca Lewin in Erinnerung bleibt und ihre Geschichte auf einem Gedenkstein für die Ewigkeit und für alle nachlesbar in Stein gemeißelt wird.

Die Jüdin lebte mit ihrer Tochter Sonja in Wildenbruch, als ringsherum in der halben Welt eine beispiellose Gnadenlosigkeit herrschte und Menschen wie sie verfolgt und in Vernichtungslagern getötet wurden. Ihr und der Tochter blieb dieses Schicksal erspart, weil ein Dorf sie unter kollektiven Schutz nahm. „In der Zeit hätte ein Fingerzeig genügt und sie wären abtransportiert worden“, sagt Sabine Melior, die Vorsitzende des Heimatvereins.

„Sie war doch eine von uns“

Das Dorf aber hüllte sich nach außen in Schweigen, ließ Bianca Lewin und ihr Kind auch in den zwölf Jahren des „Tausendjährigen Reiches“ wie selbstverständlich in der Dorfgemeinschaft leben, was in der Nazi-Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Niemand zeigte sie an, auch Anfeindungen sind keine bekannt. Einige Wildenbrucher gaben ihr Arbeit, sie wusch oder nähte und verdiente sich so reihum das Essen für sich und ihre Tochter, weiß Christa Weber vom Heimatverein, die sich in den 1990er Jahren auf die Spur der Lewins gemacht hatte und auch ältere Wildenbrucher befragte. Was sie erkundete, hielt sie für den Heimatverein schriftlich fest. Auch, dass damals ältere Dorfbewohner, gefragt nach den Gründen der Hilfsbereitschaft, mit etwas Verwunderung antworteten: „Sie war doch eine von uns.“

Bianca Lewin, die in der NS-Zeit den Judenstern tragen musste und nach Erzählungen von Dorfbewohnern immer versuchte, ihn zu verdecken, bekam bei ihrem Einkauf im kleinen Laden von Frau Block oft zusätzlich Lebensmittel zugesteckt. Und die Lewins fanden wie andere Wildenbrucher bei Luftangriffen im Schutzkeller mit Unterschlupf. Ihr Nachbar war der Ortsgruppenführer der NSDAP, was die Geschichte noch ungewöhnlicher macht. Die Jüdin und der NSDAP-Ortsgruppenführer Vogt saßen bei Fliegeralarm zusammen in einem Schutzkeller. „Man sagt im Ort, dass er es wohl war, der seine schützenden Hände über die kleine Familie gehalten hat“, heißt es im Bericht von Christa Weber, den sie vor 20 Jahren aufgeschrieben hat.

Ihr Sohn kam in Auschwitz ums Leben

Die Behörden hatten die Jüdin keineswegs vergessen. Es soll im Haus der Lewins in der heutigen Potsdamer Allee eine Durchsuchung gegeben haben, bei der ihr Schmuck beschlagnahmt wurde. Tochter Sonja wurde schon als junges Mädchen zwangssterilisiert. Sie hatte eine Behinderung und eine Sprachstörung, letzteres als Folge einer Infektionskrankheit. Das junge Mädchen war deshalb nur schwer zu verstehen, was ihre Entwicklung zusätzlich verzögerte. Sie schaffte es bis zur 4. Klasse, ging aber bis zu ihrem 14. Lebensjahr unbehelligt in die Wildenbrucher Dorfschule, wie Christa Weber recherchierte. 1998 besuchten Wildenbrucher die Tochter, die zu der Zeit in einem Heim in Werder lebte. „Ein Lehrer mochte mich nicht, Lehrer Keßler war gut zu mir“, erzählte sie den Besuchern.

Bianca Lewin lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1952 in Wildenbruch und wurde nach dem Krieg in der DDR als Opfer des Faschismus anerkannt. Ihr Sohn aus erster Ehe, der mit seiner Familie in Berlin blieb und nicht mit nach Wildenbruch zog, hat das Nazi-Regime nicht überlebt. Paul Lewin (1915-1943) und seine Frau kamen im Vernichtungslager Auschwitz ums Leben.

Der Grabstein von Bianca Lewin verfiel später, die Schrift darauf war am Ende kaum noch zu entziffern. Künftig aber werden alle wieder ihren Namen lesen können und die Geschichte, wie sich das Dorf still vor seine jüdische Mitbewohnerin stellte.Der neue Gedenkstein für Bianca Lewin wird am 27. Oktober auf dem Wildenbrucher Siedlungsfriedhof enthüllt.

Gedenkstein wird am 27. Oktober enthüllt

Bianca Lewin (1889-1952) wurde in Schildberg (Bezirk Posen) geboren und siedelte mit ihrem Mann, der später starb, 1915 von Kattowitz nach Berlin.

Wann genau die Familie nach Wildenbruch zog, ist nicht bekannt. Der Gedenkstein, der an Bianca Lewin erinnert, wird am 27. Oktober, 11 Uhr, auf dem Siedlungsfriedhof am Feldweg in Wildenbruch enthüllt. Der Heimatverein lädt Interessierte ein, dabei zu sein.

Der Naturstein wurde durch Spenden eines Wildenbruchers, der Steinmetzfirma Melior & Partner und der Kirche finanziert, die den Platz kostenfrei und für alle Zeit zur Verfügung stellt. Es ist jüdische Tradition, dass Grabstellen nicht ablaufen und die Grabsteine stehen bleiben.

Von Jens Steglich

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