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Millionenfund in Gollwitzer Kirchturmkugel

Grüße aus der Inflationszeit Millionenfund in Gollwitzer Kirchturmkugel

Die Kirchturmkugel von Gollwitz bei Warchau hat ihr Geheimnis preisgegeben. Bei der Öffnung der Bekrönung wurden Münzen, Geldscheine und zeitgenössische Berichte entdeckt. In der nächsten Woche beginnt die Hüllensanierung der 850 Jahre alten Kirche.

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Matthias Weber und Ursula Hausmann begutachten den Inhalt der Gollwitzer Kirchturmkugel. Darunter waren auch Geldscheine aus der Inflationszeit.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Gollwitz. Die Nullen sind beeindruckend. Zwei Reichsbanknoten bringen es zusammen auf sieben Millionen Mark. „Die nächsten Bauabschnitte sind damit locker gesichert“, feixen die Entdecker der 1923 gedruckten Geldscheine. Doch damals war Hyperinflation in Deutschland. Im Oktober desselben Jahres gab es für sieben Millionen Mark gerade mal ein halbes Brot. Heute soll in Gollwitz bei Warchau eine ganze Kirche saniert werden. Der Millionenfund, der am Donnerstag in der Kirchturmkugel gemacht wurde, verhilft dem Förderverein und der Kirchengemeinde leider nicht zu Reichtum, doch spannend war die Öffnung der Turmbekrönung allemal.

„Hafenlotsen“ in der Kirche

Die Gollwitzer Dorfkirche gehört zu den ältesten Gotteshäusern in der Mark Brandenburg. Eine Sanierung erfolgt, weil die Kirchturmspitze nicht mehr im Lot ist. Risse ziehen sich durch das Mauerwerk. Die Fenster sind im schlechten Zustand. Die Biberschwänze halten nicht mehr dicht.

Neben 240 000 Euro aus dem Leader-Programm der EU beteiligen sich der Kirchenkreis Elbe-Fläming und die Evangelische Kirche Mitteldeutschland mit 80 000 Euro an den Arbeiten. Der Förderverein und die Kirchengemeinde Wusterwitz haben einen Nutzungsvertrag geschlossen. Dieser ist Grundlage für die Förderung.

Trotz der Bauarbeiten kann am 22. April die nächste öffentliche Veranstaltung in der Kirche stattfinden. Der Förderverein lädt um 17 Uhr zu einem Konzert mit den „Hafenlotsen“ ein. Lutz & Joe präsentieren Seemannslieder und Schlagerklassiker der 60er-Jahre. Der Erlös kommt dem Erhalt der Kirche zugute.

Zum Start für die Hüllensanierung an der 850 Jahre alten Gollwitzer Kirche hatten Matthias Weber und Johannes Petzold von einer Saarmunder Blechwerkstatt die ehrenvolle Aufgabe die Turmbekrönung von dem bereits eingerüsteten Feldsteinbau zu demontieren. Vor den Augen zahlreicher Gollwitzer und im Beisein von Architektin Heidrun Fleege öffneten die Handwerker per Trennschleifer einen verzinkte Stahlblechhülse, die sich in der kupfernen Turmkugel befand. Gebannt schauten die Auftraggeber auf die Hände von Matthias Weber, der einen Schatz nach dem anderen aus dem Behälter hervorzog und fein säuberlich auf einer Bank ausbreitete.

Die aus DDR-Zeiten stammende Stahlblechhülse mit den Dokumenten an die Nachwelt befand sich in der kupfernen Kirchturmkugel

Die aus DDR-Zeiten stammende Stahlblechhülse mit den Dokumenten an die Nachwelt befand sich in der kupfernen Kirchturmkugel.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Beifall brandete bei den Umstehenden auf, als der gesamte von ihren Vorfahren hinterlassene und bestens konservierte Inhalt nach vielen Jahrzehnten das Tageslicht erblickte. Zuletzt war die Kugel wohl in den 1970-er Jahren geöffnet wurden. Unter anderen haben die beiden Handwerksmeister Georg Heberer und Bruno Hamann ihre Namen auf zwei Kupferblechen hinterlassen. 1935 gab es eine denkwürdige Turmerneuerung. Darüber berichtet der damalige Bürgermeister Bernhard Kabelitz in einem mit Maschine geschriebenen Brief „im dritten Jahr der Reichskanzlerschaft des Führers Adolf Hitler“.

Die Inflation war Geschichte. „Ein Zentner Roggen kostete 1935 acht Mark, eine tragende Kuh 300 Mark. Gollwitz hatte damals 140 Einwohner, die sich auf 29 Häuser verteilten“, wie Ursula Hausmann vom Förderverein aus dem Dokument vortrug.

Brief von Bürgermeister Bernhard Kabelitz vom 7

Brief von Bürgermeister Bernhard Kabelitz vom 7. August 1935. Links der von Kugeln durchlöcherte Stern der Turmbekrönung.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Zum Nachlass der Vorfahren gehört ferner eine mit zahlreichen Münzen gefüllte Bonbonbüchse. Zu den ältesten Fundstücken zählt ein 1782 geprägter „Thaler“. Mitgegeben wurden dem Inhalt der Hülse außerdem zwei Exemplare der Magdeburger Tageszeitung vom August 1935, was nicht wundert. Denn Gollwitz gehörte wie Warchau bis 1950 zum Landkreis Jerichow II mit dem Landratsamt in Genthin. Eine Schlagzeile berichtet vom einem Großbrand auf der Berliner Funkausstellung.

Tatsächlich war damals in der Halle 4 ein Feuer mit bis zu 50 Meter hohen Flammen ausgebrochen. Feuerwehrleute konnten acht Personen aus dem steckengebliebenen Aufzug zum Funkturmrestaurant retten, in der Halle kamen jedoch drei Menschen ums Leben.

Die Gollwitzer Kirche ist eingerüstet

Die Gollwitzer Kirche ist eingerüstet. Nächste Woche beginnen die Sanierungsarbeiten.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Die komplette Turmbekrönung, zu der auch eine Wetterfahne und ein von Gewehrschüssen durchlöcherter Stern gehört, wird nun in der Saarmunder Blechwerkstatt restauriert. Nach einer Bauanlaufberatung in der kommenden Woche geben sich die Handwerker die Klinke in die Hand. Dann beginnt die Hüllensanierung von Turm, Dach und Fassade.

Aus dem Leader-Programm für die ländliche Entwicklung fördert die EU den Erhalt des architektonischen Kleinods mit 240 000 Euro. „Zwei weitere Bauabschnitte zur Erneuerung der Fenster und zur Restaurierung des Innenraums sind geplant“, kündigte Vereinsvorsitzender Werner Fräßdorf an.

Von Frank Bürstenbinder

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