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Potsdam-Mittelmark Mit Pauken und Trompeten in den Westen
Lokales Potsdam-Mittelmark Mit Pauken und Trompeten in den Westen
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19:42 22.06.2015
Das Stückener Blasorchester vereint Jung und Alt. Das Blasmusikfest im Ort zieht seit 30 Jahren Fans aus der ganzen Region an. Quelle: Foto.Archiv/Om
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Stücken

Am Tag, als das Blasorchester Stücken für Augenblicke Teil der großen Weltgeschichte wird, steht eigentlich Karneval auf dem Programm. Die Musikanten aus dem Dorf haben am 12. November 1989 ihren Auftritt beim Karnevalsumzug in Beelitz, entscheiden dort aber spontan: „Wir gehen heute in den Westen.“ Eine Musikkapelle wie die aus Stücken läuft kurz nach dem Mauerfall nicht irgendwo über die Grenze. In den Karneval-Kostümen, die bei der Defa ausgeliehen wurden, marschieren die Musiker mit Pauken und Trompeten über die Glienicker Brücke, auf der im Kalten Krieg allein zum Agentenaustausch reger Verkehr herrschte. Beim Gang in den Westen spielen die Blasmusikanten den Song „In die weite Welt“. Und die Massen jubeln ihnen zu.

Vielleicht spielen sie den Titel ja am 4. oder 5. Juli 2015 noch einmal, wenn in Stücken das Blasmusikfest steigt und der Ort mehr als 1000 Besucher erwartet. Ganz sicher wird an dem besagten Juli-Wochenende der Marsch in den Westen noch einmal Gesprächsthema sein. Schließlich gibt es etwas besonderes zu feiern – ein Jubiläum, bei dem die Vergangenheit wieder hochgeholt wird. Das Blasorchester, das Kapellenmitglied Lutz Hagen den „musikalischen Botschafter Stückens“ nennt, feiert 50. Geburtstag. Wenn in den vergangenen Jahren Orchestermitglieder 50 wurden, brachte die Musikapelle auch schon mal einen Swimmingpool zum Überlaufen, weil alle gleichzeitig hinein hopsten.

Jubiläumsfest am 4. und 5. Juli in Stücken

50 Jahre Blasorchester Stücken wird am 4. und 5. Juli im großen Festzelt auf der Festwiese am Ende der Beelitzer Straße gefeiert.

Los geht es am Samstag, dem 4. Juli, ab 20 Uhr mit dem Blasmusikkorps Schneeberg. Die Musiker aus dem Erzgebirge waren schon 1985 beim Fest zum 20-jährigen Bestehen dabei.

Als Stargast wird an dem Abend auch der Trompeter Walter Scholz erwartet.

Am Sonntag, 5. Juli, wird ab 11 Uhr zum Frühschoppen aufgespielt. Ab 13.30 Uhr findet das Festkonzert statt.

Es spielen das Landespolizeiorchester Brandenburg, das Jugendblasorchester Buchholz, Walter Scholz, das Schneeberger Blasmusikkorps und die 21 Mitglieder des Stückener Orchesters. Ensemble-Mitglieder tragen weißes Hemd und grüne Weste und traditionell seit 50 Jahren schwarze Hose und schwarze Schuhe.

Im Jahr, als alles begann, hätten die Musiker noch nicht so viel Wasser verdrängt. Damals waren Stückens Blasmusikanten junge, schmale Kerle. Angefangen hat es mit drei Jungs aus dem Posaunenchor der Kirche, die nicht immer nur Kirchenmusik spielen wollten, sondern auch mal eine Polka oder einen Marsch. Sie gingen mit ihrem Ansinnen zum Bürgermeister Hubert Wüstenhagen. Der Legende nach sollen dort die vielzitierten Worte des Bürgermeisters gefallen sein: „Wir brauchen Musike!“ Das Jugendblasorchester Stücken war geboren und hatte am 7. Oktober 1965 den ersten Auftritt an der Gaststätte „Kieckebusch“. Weil am 7. Oktober die Republik Geburtstag feierte, war das erste Stück, das gespielt wurde, die DDR-Nationalhymne. Später waren die Musikanten aus Stücken in der ganzen Region gern gesehene Gäste, wenn es zum Beispiel galt, Dorf- und Erntefeste zu feiern oder diese in Filmen nachzuspielen. Ja, die Stückener brachten es auch zu Filmruhm. Zuletzt spielten sie 2012 in dem Streifen „Bewährung“ von Aline Fischer mit, einer Französin, die an der Babelsberger Filmhochschule studiert hat. Die älteren Musiker kannten Drehtage schon von früher. Sie schnupperten etwa im DDR-Streifen „Märkische Chronik“ Filmluft.

Für Konzerte konnten die Stückener schon zu DDR-Zeiten Gage verlangen. Laienorchester wurden damals nach ihrem Niveau eingestuft und abgerechnet. Bei einem Leistungsvergleich auf der Werderaner Friedrichshöhe mussten die Musiker sich einmal im Jahr vor einer Jury beweisen. Dort entschied sich, wie viel Gage für Auftritte verlangt werden darf. „Wir wurden immer unter ’sehr gut bis hervorragend’ eingestuft“, erzählt Andreas Block, Chef des Orchestervereins. Zehn DDR-Mark erhielten die Stückener pro Musiker – für DDR-Verhältnisse eine gute Gage. Der Höchstsatz für Laienkapellen lag bei zwölf Mark.

In der DDR-Zeit bis 1992 musizierten sie unter der Leitung des Dirigenten Kurt Baecker, der auch beim Gang über die Glienicker Brücke den Taktstock schwang. Er wird fehlen, wenn zum Blasmusikfest alle Orchesterleiter, die am Leben sind, zurückkehren und Titel aus ihrer Ära dirigieren werden.

Den Titel „Jugendblasorchester“ hat die Kapelle nach der Wende wegen des angestiegenen Altersdurchschnittes abgelegt. Die Jugend ist aber noch mit von der Partie. Sieben bis 77 Jahre sind die Musikanten alt. Nicht alle stammen aus Stücken. Im Blasorchester spielt die ganze Region – auch Tremsdorfer, Potsdamer, Zauchwitzer, Körziner, Caputher.

Das Ensemble ist freilich mehr als ein Orchester, das Leute zum Schunkeln bringt. Stückens Blaskapelle ist eine Institution im Ort und auch so etwas wie ein Ausbildungsbetrieb. Dort kann der Nachwuchs Trompete, Tenor-Horn, Tuba und Posaune lernen. Derzeit sind es fünf Azubis, die von einem Lehrer der Kreismusikschule Kleinmachnow betreut werden und in Stücken ihren praktischen Unterricht bekommen. Aus den Gagen finanziert das Orchester sogar einen Zuschuss für die Musikschulkosten des Nachwuchses, um die Eltern zu entlasten. Zum Jubiläumsfest haben die Azubis ihren eigenen Auftritt – mit einem Titanic-Song und einem Helene-Fischer-Lied. Das Orchester selbst wird zum Beispiel die Amboss-Polka spielen, man hat schließlich einen Schmied in seinen Reihen. Horst Kieburg schlägt zum Fest mit einem richtigen Schmiedehammer auf den Amboss. Musikalisch begleitet wird der Schmied unter anderem von Feuerwehrmännern, allerlei Handwerkern, Heizungsmonteuren, Musikstudenten und Lokomotivführern. Sie alle sind das Blasorchester Stücken.

Von Jens Steglich

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